Leitartikel Dieter Keller zu den schlechteren Konjunkturaussichten Kein Grund für Trübsinn

Korrespondent Berlin,Autorenfoto 2014,Dieter Keller
Korrespondent Berlin,Autorenfoto 2014,Dieter Keller © Foto: Südwest Presse
Berlin / Dieter Keller 27.06.2018

Eingefleischte Pessimisten müssen sich in diesen Tagen besonders wohlfühlen. Täglich gibt es nicht nur eine neue Fortsetzung des Dauerdramas in der Union, sondern auch Meldungen, dass am Konjunkturhimmel dunkle Wolken aufziehen. Reihenweise korrigieren die Wirtschaftsforscher ihre Wachstumsprognosen für dieses und das nächste Jahr nach unten, und sie garnieren das mit Zahlen über das Geschäftslima in den Unternehmen, das sich verschlechtert.

Doch näher besehen gibt es wenig Grund, Trübsinn zu blasen. Wenn die Forschungsinstitute für 2018 nur noch knapp zwei Prozent Wachstum erwarten statt deutlich mehr, dann ist das eine Normalisierung, nachdem sie sich zu Jahresbeginn in eine übertriebene Euphorie gesteigert hatten. Der Aufschwung flacht etwas ab. Aber er ist immer noch da. Das Wachstum ist größer, als die Wissenschaftler langfristig für erreichbar halten.

Unerfreulich ist, dass der Rückenwind aus dem Ausland abflaut. Kein Wunder angesichts des Handelskriegs, den Donald Trump vom Zaun bricht. Der US-Präsident schadet der Konjunktur weltweit. Hinzu kommt der Brexit, dessen Umstände neun Monate vor dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union immer noch offen sind. Und neuerdings auch  Italien, das unter der neuen Regierung unberechenbar ist.

Nur gut, dass die Wirtschaft im Inland floriert. Kräftige Lohnerhöhungen in vielen Branchen sorgen für steigende Kaufkraft, und die Bürger geben ihr Geld auch aus, schon weil es auf dem Sparkonto nichts abwirft. Zudem erhöht der Staat seine Investitionen. All das hatten nicht nur kritische Wissenschaftler, sondern auch ausländische Politiker immer wieder gefordert. Jetzt funktioniert diese Stütze, und das sollten alle anerkennen. Erfreulich positiv entwickelt sich zudem der Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung steigt. Sie wird weniger von fehlenden Aufträgen gebremst als vom Fachkräftemangel. Unternehmen klagen immer häufiger, dass sie Arbeiten nicht ausführen können, weil sie nicht genug Leute haben. Dieses Problem dürfte sich weiter verschärfen – ein echtes Konjunkturrisiko.

Also vorerst Entwarnung – wäre da nicht die Unsicherheit bei den politischen Rahmenbedingungen, die Gift ist für die Unternehmen. Wenn sie nicht wissen, ob und in welcher Konstellation die große Koalition morgen noch regiert, dann bremsen sie bei den Investitionen. Zudem droht sich eine anhaltende Regierungskrise negativ auf das Konsumverhalten der Bürger auszuwirken. Es geht daher nicht nur um Flüchtlinge, wenn sich die Union streitet wie die Kesselflicker. Eine Weile hält es die Wirtschaft ohne Regierung aus, solange die ­Bürokratie läuft. Aber schon heute wächst die Unzufriedenheit, weil ­Reformen ausbleiben. Die Welt wartet nicht, bis sich deutsche Politiker geeinigt haben.

Wir sollten uns die Zuversicht nicht madig machen lassen. Es geht den meisten Arbeitnehmern und Unternehmen gut. Nur müssen sich alle bewusst sein, dass das kein Selbstläufer ist, sondern täglich von neuem ­erkämpft werden muss.

leitartikel@swp.de

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