Wiesbaden Kaum Chancen im Berufsleben

Bildungsforscher Klaus Klemm sieht Förderschulen kritisch. Privatfoto
Bildungsforscher Klaus Klemm sieht Förderschulen kritisch. Privatfoto
Wiesbaden / SANDRA TRAUNER, DPA 30.03.2012
Die Zahl der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule abbrechen, ist nur leicht gesunken. Sie machen 6,5 Prozent eines Altersjahrgangs aus. Experten warnen: Einen Job zu finden, ist für sie fast unmöglich.

Auf dem "Bildungsgipfel" 2008 hatten sich Bund und Länder ein hohes Ziel gesteckt: Der Anteil der Schulabbrecher sollte in fünf Jahren von acht auf vier Prozent sinken. Noch scheint das in weiter Ferne: 2010 standen 6,5 Prozent der Schulabgänger eines Altersjahrgangs ohne Abschluss da, wie das Statistische Bundesamt gestern mitteilte. 53 058 Jugendliche starteten ins Leben, ohne auch nur einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben.

Experten wie der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm oder Tilly Lex vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) fordern Reformen in der Bildungspolitik. "Kein Jugendlicher darf verloren gehen", sagt Lex, Mitautorin einer Studie, die von 2004 bis 2009 bundesweit 4000 Hauptschulabgänger auf ihrem Weg von der Schule ins Berufsleben begleitet hat. Bei 27 Prozent war dieser Übergang "problematisch".

Wer keinen Abschluss habe, falle nicht sofort in ein Loch, weiß Lex, stellvertretende Leiterin des DJI-Forschungsschwerpunkts "Übergänge im Jugendalter". "Die meisten werden in berufsvorbereitenden Maßnahmen aufgefangen." Zwei Dritteln gelinge es dort, einen Abschluss zu erwerben. Der Rest allerdings dreht eine Warteschleife nach der anderen. "Diese Lebenswege sind gekennzeichnet von großer Unstetigkeit", sagt Lex. Praktikum, Fördermaßnahme, Schulung - am Ende wechseln sich nicht selten schlecht bezahlte Jobs und Arbeitslosigkeit ab.

Die meisten Jugendlichen ohne Abschluss haben zuvor gar keine Hauptschule, sondern eine Förderschule besucht. Nur ein knappes Viertel der Förderschüler schafft einen Hauptschulabschluss, 30 300 stehen ohne alles da. Bildungsforscher Klemm sieht diese Schulform kritisch. Die Konzentration lernschwacher Schüler hält er für eine der Ursachen der aus seiner Sicht immer noch zu hohen Abbrecherquote. Das Gegenmodell: Anders als in Förderschulen, wo die "Zugpferde" fehlen, werden in uneinheitlichen Leistungsgruppen die Schwächeren hochgezogen.

Auffällig sind die starken Unterschiede zwischen den Bundesländern: Generell verließen in den neuen Ländern deutlich mehr Jugendliche die Schule ohne Abschluss als in den alten Ländern. In Mecklenburg-Vorpommern war das bei 13,8 Prozent des Altersjahrgangs der Fall, in Baden-Württemberg bei 5,2 Prozent. Klemm kann dafür keinen plausiblen Grund finden: "Da stimmt was nicht an den Maßstäben, die in den Ländern angelegt werden." Die Kultusminister der Länder müssten sich dringend verständigen, "wann jemand einen Abschluss bekommt und wann nicht".

Keine Erkenntnisse hat das Statistische Bundesamt über Sprachkompetenz und Migrationshintergrund der Schulabbrecher. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge bleiben Migranten überdurchschnittlich häufig ohne Abschluss. Fest steht nach Angaben der Wiesbadener Statistiker hingegen, dass Jungen (7,7 Prozent) häufiger betroffen sind als Mädchen (5,2 Prozent).