Die Situation ist ernst für die katholische Kirche. Daran lässt Kardinal Reinhard Marx zum Auftakt der Herbstvollversammlung der katholischen Bischöfe in Fulda keinen Zweifel. Wieder hat das Thema sexueller Missbrauch die katholische Kirche eingeholt.  „Wir stehen an einem Wendepunkt, wie es mit unserer Zukunft weitergeht“, sagt Marx. Drei Tage werden die Bischöfe über Konsequenzen aus der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie diskutieren. Die Kirche selbst wollte „Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche bringen“, formulierte es Missbrauchsbeauftragter Bischof Stephan Ackermann vor vier Jahren zum Auftakt des Projekts.

Untersuchung von Kirche initiiert

Und dunkel ist das Bild: „Spiegel“ und „Zeit“ hatten einen Teil der Studie vorab veröffentlicht. Danach wurden im Untersuchungszeitraum 1946 bis 2014  rund 1670 Priester, Diakone und Ordensleute ermittelt, die sich an 3677 Betroffenen vergangen haben. Schuldig wurden damit mutmaßlich 4,4 Prozent aller Kleriker. Die Daten dürften nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden, selbst wenn die Wissenschaftler dafür mehr als 38.000 Personalakten ausgewertet und Gespräche mit 220 Betroffenen und 50 Beschuldigten geführt haben.

Der Grund liegt in der Besonderheit der deutschen Studie. Im Gegensatz zu Missbrauchsermittlungen in Australien und im US-Bundesstaat Pennsylvania wurde die Untersuchung in Deutschland von der Kirche selbst initiiert.

2010 erschütterte eine erste Missbrauchswelle, ausgelöst durch Veröffentlichungen am Canisius-Kolleg in Berlin durch den Jesuitenpater Klaus Mertes, die katholische Kirche. Die Bischöfe versprachen Aufklärung. Sie wollten analysieren lassen, ob Strukturen und Besonderheiten der katholischen Kirche sexuellen Missbrauch begünstigt und beauftragten 2014 nach anfänglichen Schwierigkeiten Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen in einer Art Tiefenbohrung ins Innere der Kirche und in deren Vergangenheit vorzudringen. Auch Vorgänge, die so weit zurückliegen, dass sie strafrechtlich nicht mehr geahndet werden können, sollten ausgewertet werden. Bis 2015 war in Deutschland Kindesmissbrauch 10 Jahre nach der Volljährigkeit des Opfers verjährt, bei Vergewaltigungen galt eine Frist von 20 Jahren. Für ihre Untersuchungen waren die Forscher auf die Kooperation der 27 Diözesen angewiesen. Einen direkten Zugang zu kirchlichen Archiven bekamen sie nicht.

Sexuellen Missbrauch gibt es in vielen Großorganisationen. Gefährlich für Kinder wird es dort, wo sie mit ihrem Zutrauen Erwachsenen auf besondere Weise ausgeliefert sind:  in Vereinen, im höchsten Maße in der eigenen Familie – und: in der Kirche.

Ursachen für Missbrauch

Doch gibt es typisch Katholisches bei sexuellem Missbrauch von Kindern? Die Forscher bestärken den Verdacht. Folgende mögliche Ursachen wurden identifiziert:

Zölibat
Diözesanpriester wurden im Untersuchungszeitraum deutlich häufiger zu Tätern als in Gemeinschaft lebende Ordenspriester oder meist verheiratete Diakone. Das gibt der Debatte über den erzwungenen Pflichtzölibat neue Nahrung.

Unreife Sexualität
Der Mehrheit der insgesamt 50 befragten Täter bescheinigen die Forscher Defizite im Umgang mit der eigenen Sexualität. Immerhin die Hälfte der Befragten zeigte homosexuelle Neigungen, was den hohen Anteil von Jungen als Opfer erklärt. Häufig kamen diese als Ministranten oder in Jugendfreizeiten in Kontakt mit ihrem Peiniger. Erstmals zu Tätern werden homosexuelle Priester in der Regel in der Mitte ihres Lebens um das 40. Lebensjahr, wenn Frustration und Einsamkeit einen strengen Moralkodex aufgezehrt haben. Nach Informationen des Jesuiten Hans Zollner, der die Präventionsprogramme des Vatikan leitet, ist das durchschnittlich 20 Jahre später als bei Tätern, die im pädagogischen oder psychologischen Bereich tätig sind.

Klerikalismus
Die Weihe machte Priester lange Zeit unangreifbar. Sie bezogen aus ihr zusätzliche Autorität und schüchterten damit das Umfeld ein. Das verstärkte die Ohnmacht der Opfer. Ihnen wurde nicht geglaubt. Dadurch waren sie dem „System Kirche“ schutzlos ausgeliefert.

Loyalität gegenüber der Institution
Nicht die Opfer wurden in der Vergangenheit vorrangig geschützt, sondern das Ansehen der Kirche. Schweigen und Vertuschen waren die Folge – und die so lange praktizierte kommentarlose Versetzung auffällig gewordener Kleriker in eine andere Pfarrei. Bei 1679 aktenkundigen Beschuldigten wurde nur gegen 556 ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet – also nur in jedem dritten Fall. Wegen schwerer sexueller Verbrechen aus dem Klerikerstand entlassen wurden 41 Beschuldigte, exkommuniziert 88 Personen. Die meisten Beschuldigten kamen mit relativ glimpflichen Sanktionen wie Ermahnungen,  Therapien, finanziellen Bußen davon. Seit Einführung bischöflicher Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch kommt es jetzt immerhin vermehrt zu Anzeigen. Weltweit prüft die für Suspendierungen zuständige rund 50 Mitarbeiter umfassende Glaubenskongregation derzeit  rund 2500 schwerwiegende Verdachtsfälle.

Entwicklung
Nach Aussagen der Forscher handelt es sich beim Missbrauch in der katholischen Kirche nicht „um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik“. Doch seit 2010 sind die Zahlen tatsächlich auf Einzelfälle zurückgegangen. Was bedeutet das für die Opfer? In einer Predigt formulierte Kardinal Reinhard Marx: „Gott leidet an dem, was wir übersehen, wo wir weggeschaut haben, was wir nicht wahr haben wollten.“ Deshalb brauche „es einen neuen Aufbruch in dieser Kirche, gegenüber den Betroffenen und Gott“. Den Beweis, dass alle Bischöfe zu einem „Wendepunkt“ in der Lage sind und gegen die „systemischen Gefahren“ innerhalb der Kirche vorgehen wollen, müssen sie erst noch erbringen.

Hotline für Opfer

Von Dienstag an bis zum 28. September wird für die Opfer erneut eine Hotline geschaltet unter Telefon  0800 0005640. Ebenso gibt es ein Online-Angebot unter: www.hilfe-nach-missbrauch.de

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Rottenburg-Stuttgart nennt Details

Im Zusammenhang mit der Studie hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihre Untersuchungsergebnisse vorgelegt. Bereits seit 2002 hat die Diözese Regularien im Falle von Missbrauchsvorwürfen formuliert. Eine unabhängige Kommission arbeitet Verdachtsfälle auf. Zwischen 1946 und 2014 wurden 72 Priester und Diakone beschuldigt, Kinder missbraucht zu haben.

45 Verdächtige sind inzwischen verstorben. 11 besonders schwere Vorgänge wurden der Glaubenskongregation in Rom gemeldet, in 7 Fällen wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. eth