Joaquim Torra erzählt, als wäre er selber dabei gewesen: damals im Juli 1713, als Barcelona von bourbonischen Truppen belagert wurde: "Ein Jahr lang halten wir gut durch", sagt er. "Aus Mallorca bekommen wir Getreide und Pulver. Bis uns Ludwig XIV. den berühmtesten General Europas, den Herzog von Berwick, mit 40.000 zusätzlichen Soldaten auf den Hals schickt." Am 11. September 1714 marschieren Berwicks Truppen siegreich in Barcelona ein. "Für Katalonien geht die Welt unter, und für die Katalanen beginnt eine lange Nacht."

300 Jahre später scheint eine milde Sonne auf Barcelona. Am nördlichen Ende der Passeig del Born glitzern die Scheiben der alten Großmarkthalle von Barcelona, einem Gebäude aus Glas und Eisen aus dem Jahr 1876. "Born Centre Cultural", steht über dem Haupteingang. Wer ihn durchschreitet, erlebt dahinter eine lohnende Geschichtsstunde. Seit der Wiedereröffnung der Markthalle als Kulturzentrum 2013 sollen sich hier alle daran erinnern, was dieser Stadt und diesem Land einst widerfahren ist.

Der Untergrund der alten Markthalle ist ein Ruinenfeld. Es sind 55 Häuser, die unter dem Geviert der Markthalle ans Licht gekommen sind, "die Häuser der Händler, der Handwerker und all der anderen Berufsstände des 18. Jahrhunderts", sagt Joaquim Torra, der enthusiastische Direktor des Born Centre Cultural. Er steht zwischen den Resten der Häuser.

Es ist eine Heldengeschichte, die hier erzählt wird: die Geschichte eines kleinen Volkes, das sich der großen Nachbarn Frankreich und Spanien erwehrt - und unterliegt. Der 11. September 1714, als die bourbonischen Truppen Barcelona erobern, "ist ein mythischer Tag für uns", sagt Torra. Seit 1980 ist der 11. September katalanischer Nationalfeiertag, der Tag, an dem Katalonien seiner selbst als Opfer gedenkt. Aber nicht nur: "Ich will, dass man diesen Ort als Ort des Kampfes und des Widerstands sieht", sagt Torra.

Nach Torras Interpretation kämpften Barcelona und ganz Katalonien vor 300 Jahren um ihre Eigenständigkeit, um ihre seit dem Mittelalter bestehenden Institutionen, um "die katalanischen Freiheiten". Das Fürstentum Katalonien gehörte zur Krone Aragón, die nach der Hochzeit Ferdinands II. von Aragón und Isabellas von Kastilien - der späteren Katholischen Könige - Ende des 15. Jahrhunderts im spanischen Königreich aufgegangen war, aber weiterhin starke Selbstverwaltungsorgane besaß. Mit denen war nach dem 11. September 1714 Schluss. Katalonien hatte sich im Spanischen Erbfolgekrieg auf die Seite des schließlich unterlegenen Thronprätendenten, des Habsburger Erzherzogs Karl, geschlagen. Als dessen Gegenspieler, der Bourbone Philipp, Enkel des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., die spanische Krone errang, bestrafte er die Katalanen mit dem Entzug aller Sonderrechte. In Barcelona ließ er 1000 Häuser niederreißen - darunter jene, deren Ruinen heute im Born Centre Cultural zu besichtigen sind.

Die Ereignisse von 1714 in Barcelona wären eine unter vielen blutigen Episoden der Geschichte, wenn sie nicht von den heutigen katalanischen Nationalisten mit so enormer Bedeutung aufgeladen würden. Es gehe darum, sich "eine fast mythische Vergangenheit zu rekonstruieren, mit der man Entwürfe für die Zukunft rechtfertigt", sagt der Philosophieprofessor Manuel Cruz von der Universität Barcelona. Der Zukunftsentwurf der katalanischen Nationalisten heißt: staatliche Unabhängigkeit. "1714 muss man als die Zerstörung einer Souveränität verstehen", sagt Torra, "und 2014 umgekehrt als die Errichtung einer verlorenen Souveränität."

Torra trägt eine quadratische, minzgrüne Anstecknadel am Hemd, mit dem Text: "9N. Abstimmen ist normal." 9N steht für den 9. November dieses Jahres, den Tag, an dem der katalanische Ministerpräsident Artur Mas eine Volksbefragung über die politische Zukunft Kataloniens abhalten will. Die Wahrscheinlichkeit, dass er diese Befragung anberaumen werde, sei "100 Prozent", verspricht der 58-jährige Mas. Dabei hat das spanische Parlament gerade mit großer Mehrheit den Antrag dreier katalanischer Parteien abgelehnt, Katalonien die Zuständigkeit für ein solches Referendum zu übertragen. Die katalanische Regierung will nun ein eigenes Gesetz auf den Weg bringen, das die Befragung ermöglichen soll, doch die spanische Regierung dürfte mit allen rechtlichen Mitteln versuchen, sie zu unterbinden.

"Alles, was wir tun, ist durch und durch demokratisch", sagt Artur Mas. Wenn eine klare Mehrheit der Katalanen - so wie er selbst - die staatliche Unabhängigkeit anstrebe, sei das ihr gutes demokratisches Recht. "Ich hoffe darauf, dass Europa diese Botschaft versteht." Doch Europa verschließt die Ohren: Ob Katalonien abstimmt oder nicht, sei eine innerspanische Angelegenheit, bekommen die katalanischen Emissäre in den europäischen Hauptstädten zu hören. Ein international verbrieftes Recht auf Abspaltung gibt es nicht.

Joaquim Torra will sich mit dem spanischen Nein nicht abfinden. "Alle Nationen", sagt er, " haben das Recht, über ihre Zukunft zu bestimmen." Aber so einfach ist es nicht. So wie viele Katalanen betrachten auch viele Spanier ihr Land als eine Nation mit eigener Geschichte und Kultur - und Katalonien als selbstverständlichen Teil davon. Die Klippe der sich überlagernden Nationalgefühle weiß im Moment niemand zu umschiffen.

Rufe nach Selbstbestimmung

Türme Mehrere Regionen wollen sich von Spanien lossagen: Katalonien und das Baskenland. Katalanische Separatisten machten am Sonntag in mehreren Städten Kataloniens und in europäischen Großstädten wie Berlin, London, Paris oder Brüssel mit Menschentürmen auf ihre Forderungen aufmerksam. Sie warben für das Unabhängigkeitsreferendum, das der in Katalonien regierende Ministerpräsident Artur Mas (CIU) am 9. November gegen den Willen der spanischen Zentralregierung in Madrid durchführen will.

Menschenkette Im Baskenland bildeten am Sonntag 100 000 Personen eine Menschenkette, um für die politische Unabhängigkeit zu protestieren. Die Kette war fast 123 Kilometer lang. Die Separatisten fordern die Gründung eines Staates, der neben dem Baskenland auch Navarra und das französische Baskenland umfassen sollen. dpa