Gesundheit Kassenärzte: „Mehrarbeit honorieren“

Berlin / Hajo Zenker 04.06.2018

Andreas Gassen vertritt rund 150 000 niedergelassenen Ärzte. Zu Themen wie Ärztemangel bringt der KBV-Chef eigene Vorschläge ein.

Nach den Vorstellungen von Gesundheitsminister Jens Spahn sollen Praxen künftig mindestens 25 statt 20 Stunden pro Woche geöffnet sein. Warum kritisieren sie das?

Andreas Gassen: Fünf Stunden mehr Arbeitszeit bei einer Berufsgruppe zu verlangen, die im Mittel bereits über 50 Stunden die Woche arbeitet, ist ja schon verwegen. Wenn manche Politiker das aber noch in einer Situation tun, wo diese Berufsgruppe 10 bis 15 Prozent ihrer Leistung nicht bezahlt bekommt, und dann Mehrarbeit ohne ein Mehr an Honorar gefordert wird, ist es einfach nur eine Unverschämtheit. Deshalb haben wir gesagt: Es ist das Mindeste, dass die Kollegen, die diese Mehrarbeit auf sich nehmen, das vergütet bekommen.

Und wie?

Unser Vorschlag ist, den Erstkontakt überall ungedeckelt zu vergüten. Dann ist natürlich ein Anreiz für den Arzt da, ein paar Patienten mehr anzuschauen. Die Krankenkassen haben ja übervolle Kassen. Das sollte für die Versorgung der Versicherten aufgewendet werden.

Aber das kostet...

Es würde etwa eine halbe Milliarde  Euro kostet. Das ist gerade eine halbe Tagesausgabe des deutschen Gesundheitswesens. Damit würde jeder Behandlungsfall weniger als einen Euro mehr kosten. Das ist doch moderat.

Hintergrund ist ja, dass es gerade bei Fachärzten schwierig ist, einen Termin zu bekommen, besonders in ländlichen Räumen.

Wenn wir die gerade geschilderte Entbudgetierung haben, glaube ich schon, dass wir die Terminsituation an der einen oder anderen Stelle entlasten können. Aber das Problem, dass wir Regionen haben, wo keine Ärzte hingehen, wird sich damit allein nicht lösen lassen. Besonders schwierige Regionen müssen wir identifizieren und dafür Konzepte entwickeln.

Gegen den Ärztemangel soll ja auch die Videosprechstunde helfen. Was halten Sie davon?

Alle digitalen Dinge, die jetzt auf den Markt kommen, können durchaus an der einen oder anderen Stelle Zeit sparen und die Informationsfülle erhöhen. Aber damit wird ja keine Arztminute mehr geschaffen. Ob ich jetzt als Patient auf der anderen Seite des Schreibtischs oder vor einer Videokamera sitze: Da läuft die Zeit des Arztes. Und Digitalisierung kann sogar zusätzliche Zeit kosten. Aus anderen Ländern mit bereits sehr ausgeprägter Digitalisierung wissen wir, dass sie sogar weniger Patienten behandeln können, weil sie bei jedem Einzelnen eine viel, viel größere Datenfülle abarbeiten müssen.

Das klingt skeptisch.

Ich kann mir durchaus eine ganze Reihe von Einsatzgebieten vorstellen, wo telemedizinische Leistungen sinnvoll wären, etwa Schrittmacher- oder  Blutzuckerkontrollen. Voraussetzung ist allerdings ein leistungsfähiges Internet.

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