Gesundheit Kliniken: Spezialisierung oder Schließung

Berlin / Hajo Zenker 29.12.2017
Es gibt zu viele Kliniken in Deutschland. Die Kassen fordern weitere Spezialisierung und die Schließung kleiner Häuser.

Viele Patienten in Deutschland sterben zu früh, weil sie in Kliniken operiert werden, die zu wenig Erfahrung mit komplizierten Operationen haben. So könnte allein die Zahl der Todesfälle infolge von Lungenkrebs-Operationen durch die Einführung einer Mindestmenge von 108 Eingriffen pro Jahr um ein Fünftel sinken – von 361 auf 287 Todesfälle pro Jahr. Das zumindest beschreibt der AOK-Qualitätsmonitor 2018. Ein ähnliches Bild zeige sich bei Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen- sowie Blasen- und Darmkrebs. Und so sagt denn Martin Litsch, Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, „Gelegenheitschirurgie“ sei nicht akzeptabel.

Kleinere Krankenhäuser dürften in Deutschland künftig weit weniger schwierige Behandlungen durchführen als heute, sagt Josef Hecken. Der ehemalige saarländische Gesundheitsminister leitet den sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) als höchstes Gremium der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens, in dem Vertreter von Kassen genauso sitzen wie der Ärzteschaft und auch der Krankenhäuser. Der G-BA hat kurz vor Weihnachten neue Qualitätsindikatoren und Mindestmengen für einzelne Behandlungen beschlossen. Das soll beim Strukturwandel helfen. Diverse Behandlungen müssten dringend zentralisiert werden – „aus ökonomischen Gründen, aber auch um der Qualität und Sicherheit willen“.

Laut der OECD-Studie „Gesundheit auf einen Blick 2017“ gibt es in der Bundesrepublik 70 Prozent mehr Krankenhausbetten als im Schnitt aller 35 Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – 8,1 Betten pro 1000 Einwohner, während der OECD-Schnitt 4,7 beträgt. Nur Japan (13,2) und Südkorea (11,5) liegen noch höher, Nachbarländer wie Polen (6,6), Frankreich (6,1) und die Schweiz (4,6) leisten sich deutlich weniger Klinikkapazitäten.

Das hat ökonomische Folgen: Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen legt in seinem aktuellen „Krankenhaus Rating Report“, der auf Zahen von 2015 basiert, dar, dass 21 Prozent der derzeit noch 1951 deutschen Krankenhäuser rote Zahlen schreiben, neun Prozent seien von der Pleite bedroht. Was der kurz vor Weihnachten eingereichte Insolvenzantrag der Paracelsus-Kliniken mit 5200 Mitarbeitern an 23 Standorten unterstreicht. Für Professor Boris Augurzky vom RWI ein Musterbeispiel der deutschen Problemlage: Paracelsus habe „viele kleine Krankenhäuser, die auch sehr verstreut sind“.

Von den kleinen Kliniken in Deutschland müssten diverse komplett verschwinden oder zumindest Abteilungen schließen, findet Josef Hecken. Das aber können nur die Bundesländer tun. Und da gibt es erfahrungsgemäß viel Widerstand, weil selbst kleinste Kliniken als Teil einer unbedingt notwendigen Infrastruktur angesehen werden.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hält den AOK-Qualitätsmonitor zwar für „schlichtweg unseriös“, Hauptgeschäftsführer Georg Baum räumt aber ein, dass Mindestmengen bei Operationen „ein auch von den Kliniken längst anerkanntes Instrument der Qualitätssicherung“ seien. Bewegung also scheint in die Konsolidierung der Krankenhauslandschaft durchaus zu kommen.

Kliniken in Deutschland
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