"Nein, nie", sagt der Bremer Regierende Bürgermeister Carsten Sieling auf die Frage ob, er schon einmal einen Joint geraucht habe. Dass er dennoch, erst wenige Tage im Amt, die Legalisierung von Cannabis für Erwachsene fordert, begründet der SPD-Mann damit, dass die Kriminalisierung des Rauschgifts "nicht mehr zeitgemäß" sei.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht sich für eine Legalisierung der hierzulande am häufigsten konsumierten illegalen Droge aus. Das Thema stehe aber nicht auf der Agenda der grün-roten Koalition: Es gebe dazu keine Übereinstimmung. Die Debatte werde schwierig, weil die alte Kulturdroge Alkohol zwar erlaubt, aber nicht weniger gefährlich sei als das illegale Rauschmittel. Mit Blick auf Sieling sagt er: "Aber es ist gut, wenn sich andere Kollegen, die weniger zu tun haben, darum kümmern."

Neu ist der Ruf nach Legalisierung nicht: Grüne, Linke und FDP betrachten sie als überfällig. Zuletzt fassten die Liberalen auf ihrem Parteitag einen Beschluss zur kontrollierten Freigabe von Cannabis, das Schätzungen zufolge von knapp einem Viertel aller Bundesbürger im Lauf des Lebens einmal oder mehrmals konsumiert wird. "Durch die Kriminalisierung werden unzählige Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt", meint die FDP.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi versuchte sich 1990 an seinem ersten Joint, den ihm ein Mädchen bei einer Veranstaltung zugesteckt hatte - verbunden mit der Aufforderung, es zu probieren, um sich eine Meinung zum Corpus Delicti zu bilden. Gysi rauchte trotz Angst, die Bild-Zeitung könne Wind davon bekommen, und spürte - nichts. "Kein Wunder", sagt er in einem Zeitungsinterview, "wir waren zu fünft." Seither findet er: "Wir müssen Cannabis wie Alkohol behandeln."

Tief verwurzelt ist die Cannabis-Liebe bei den Grünen. 2014 legte die Bundestagsfraktion einen Gesetzentwurf vor, wonach Erwachsenen der Besitz von bis zu 30 Gramm Cannabis erlaubt sein sollte, außerdem der Anbau von drei Pflanzen zum Eigenbedarf.

Gemeinsam ist FDP, Linken und Grünen die Überzeugung, dass durch den staatlich geregelten Verkauf Drogendealern die Kundschaft entzogen wird, die Qualität des Stoffes besser kontrolliert werden kann und Polizei sowie Gerichte entlastet werden. Erwünschter Nebeneffekt, analog zur Tabaksteuer: höhere Einnahmen für den Fiskus. "Selbst bei sehr vorsichtigen Schätzungen kann man davon ausgehen, dass bei einer Cannabislegalisierung mindestens 1,4 Milliarden Euro pro Jahr direkt in die Staatskassen fließen", schätzt der Deutsche Hanfverband.

Nach der Logik der Befürworter gutes Geld für Jugendschutz- und -prävention - minderjährige Konsumenten sind im Schnitt beim ersten Joint 16 Jahre alt - , aber auch für die Beratung von Menschen mit problematisch hohem Gebrauch.

Unterstützt wird das von 122 Strafrechtsprofessoren, die in einer Petition eine liberale Cannabispolitik fordern. Das mit der Kriminalisierung verbundene Ziel - Handel und Konsum zu unterbinden - sei nicht erreicht worden, sagt Professor Ulfrid Neumann von der Universität Frankfurt gegenüber Medien. Die derzeitige Drogenpolitik habe mit Rationalität "nur sehr partiell etwas zu tun".

Auch in der Gesellschaft tut sich etwas: Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage sind 38 Prozent der Bürger dafür, Konsum und Handel zu verfolgen, 37 dagegen, 25 sind unentschieden. 2012 waren noch 56 Prozent für eine Bestrafung.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sieht zwar Handlungsbedarf, Schwerkranken den Zugang zu Cannabis-Medikamenten zu erleichtern, lehnt aber eine generelle Freigabe ab. Auch die Kanzlerin sagt: "Cannabis ist keine harmlose Droge." Für eine unbegrenzte Freigabe sei weit und breit keine politische Mehrheit in Sicht. Ebenfalls dagegen ist die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU): "Es gibt keine Belege dafür, dass Cannabiskonsum unbedenklich ist." Wenn die Risikowahrnehmung zurückgehe - durch die falsche Botschaft, Kiffen sei harmlos - bestehe die Gefahr, dass noch mehr konsumiert werde.

Wie lange wird sich diese Politik noch durchhalten lassen? Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat dieser Tage einen Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für vier Cannabis-Verkaufsstellen gestellt. Zwar ist eine Genehmigung angesichts der Gesetzeslage höchst unwahrscheinlich. Diskutiert aber wird immer öfter darüber, so auch in Hamburg. In Bayern läuft derzeit sogar ein Volksbegehren zur Freigabe.

Spätestens Ende des Jahrzehnts sieht Cem Özdemir, der 2014 in einem Internet-Video mit einer Hanfpflanze auf seinem Balkon zu sehen war, das Cannabis-Verbot fallen. Die Berliner Staatsanwaltschaft, die zunächst gegen ihn ermittelte, stellte ihre Bemühungen bald wieder ein. Ihre Begründung: die geringe Schuld des Grünen-Chefs.

Risiken: Von der Hirnschädigung bis zur Psychose

Begriffe Cannabis lautet die Bezeichnung für die Hanfpflanze samt Inhaltsstoffen. Aus der Blüte der weiblichen Pflanze wird Marihuana, aus dem Harz Haschisch gewonnen.

Rechtslage Der Anbau und Besitz von Cannabis sowie der Handel sind in Deutschland strafbar. Das Gesetz sieht Geld- und Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren vor, bei gewerbsmäßigem Handel bis zu 15 Jahren. Wer eine kleine Menge zum Eigenverbrauch besitzt (je nach Bundesland 5 bis 10 Gramm), handelt illegal. Die Tat wird meist jedoch nicht geahndet.

Urteil Für Aufsehen sorgte 2014 ein Urteil des Verwaltungsgerichts Köln, das Schwerkranken den Eigenanbau von Cannabis erlaubt hätte. Dagegen legte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Berufung ein. Eine Entscheidung steht noch aus.

Suchtpotenzial Befürworter der Freigabe - "totgesoffen hat sich schon mancher, totgekifft noch keiner" - argumentieren, Cannabis sei nicht gefährlicher als Alkohol. Eine großangelegte US-Studie weist nach, dass 9 Prozent aller Cannabis-Konsumenten süchtig werden, aber 23 Prozent aller Menschen, die jemals Alkohol getrunken haben. Als kaum mehr haltbar gilt die These, Cannabis sei eine Einstiegsdroge: In Ländern mit liberaler Cannabis-Politik steigt die Zahl der Heroinsüchtigen nicht automatisch.

Gefahren Unbestritten sind massive Gesundheitsrisiken für Jugendliche: Früher Konsum kann die Hirnentwicklung deutlich beeinträchtigen. Auch bei Erwachsenen können Motivation, Konzentration und Merkfähigkeit leiden. Wird Cannabis häufig konsumiert, steigt nach Ansicht vieler Mediziner das Risiko von Psychosen, andere wiederum bestreiten das. Da Cannabis meist mit Tabak geraucht wird, ist mit dieser Art des Konsums ein erhöhtes Krebsrisisko verbunden.