Ist die steigende Zahl von Flüchtlingen für Deutschland eine Belastung oder eine Bereicherung? Ist ihre Aufnahme moralische Verpflichtung? Kaum eine Frage wird momentan heißer diskutiert. Doch wer sind die Menschen, die aus Diktaturen, Kriegsgebieten und Armutsregionen zu uns kommen?

Die Statistik zeigt: Es sind vor allem Männer. Rund zwei Drittel (65,2 Prozent) aller Antragsteller, die 2014 in Deutschland Schutz oder ein besseres Leben gesucht haben, waren Männer oder Jungen. Die meisten Neuankömmlinge waren zwischen 18 und 25 Jahre alt. Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern findet sich auch in anderen EU-Staaten, die viele Flüchtlinge aufnehmen. Frauen schaffen es alleine kaum, in die "Festung Europa" zu gelangen.

Dabei haben sie nach Einschätzung von Experten genauso viele Fluchtgründe wie die Männer. In Eritrea müssen Frauen genauso wie Männer zum Militärdienst, der oft in jahrelanger Misshandlung und Ausbeutung endet. Und weil viele Männer in Syrien kämpfen oder getötet wurden, leben in den Flüchtlingslagern der Region sogar etwas mehr Frauen als Männer.

Ein Großteil der Frauen und Mädchen, die in Europa Asyl beantragen, sind zudem nicht selbstständig gekommen, sondern wurden von männlichen Verwandten mitgenommen. Das erklärt, warum Kinder und Jugendliche unter den weiblichen Antragstellern die größte Gruppe stellen. "Dass vor allem Männer kommen, liegt vor allem daran, dass Frauen und Mädchen es nicht so leicht haben, in weiter entfernte Länder zu gelangen. Es gibt die Angst vor dem gefährlichen Weg über das Mittelmeer und vor sexueller Gewalt auf diesem oft sehr langen Weg", sagt Anna Büllesbach, die in Deutschland für das UN-Flüchtlingshilfswerk arbeitet. Außerdem hätten Frauen weniger finanzielle Ressourcen, "und wenn in diesen eher konservativen Gesellschaften die Auswahl durch die Familie erfolgt, dann investiert man lieber in einen jungen Mann".

Das, was die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl "europäische Abschottungspolitik" nennt, hat zu einem "Asyldarwinismus" geführt, der Frauen benachteiligt. Wer es trotzdem schafft, in Deutschland, Frankreich, Schweden oder Belgien anzukommen, gehört oft zu den Stärksten unter den Schwachen.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast sieht nur einen Weg, um die Benachteiligung weiblicher Flüchtlinge zu beenden: "legale Fluchtmöglichkeiten nach Europa schaffen". Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster sagt, gegen das Machtgefälle zwischen Mann und Frau in den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge könne man von Deutschland aus wenig tun. Gegen das zweite Hindernis, den "höchst gefährlichen Weg", schon. Schuster glaubt: "Solange wir nicht mit Flüchtlingszentren arbeiten wie im Niger wird es Frauen wahrscheinlich schwerfallen, in Europa Schutz zu suchen."

Die EU-Kommission bereitet ein Pilotprojekt im Niger vor, das zum Jahresende seine Arbeit aufnehmen soll. Dort sollen Menschen, die mit dem Gedanken spielen, in Europa Asyl zu beantragen, erfragen können, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihr Antrag erfolgreich ist. Wer kaum Chancen hat, soll sich über Möglichkeiten informieren können, ein Arbeitsvisum zu beantragen oder Hilfe bei der Rückkehr in die Heimatländer erhalten.

"Das Risiko einer Fahrt in einem kleinen Boot über das Mittelmeer ist sehr hoch, Frauen und Kinder bleiben dann oft zu Hause", sagt Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl. Seine Hoffnungen, dass kurzfristig eine Neuregelung erreicht wird, die diese "Auswahl" beendet, sind gering. Er sagt: "Im Moment zerbricht Europa an der Flüchtlingsfrage."