Jordanien Jordanien: Letzter Ruhepol in Nahost

Amman / Martin Gehlen  05.07.2017
König Abdullah II. hält in schwierigen Zeiten sein Land zusammen, in das jetzt deutsche Tornado-Einheiten aus der Türkei verlegt werden.

Er ist das bekannteste Gesicht Jordaniens und immer für eine Überraschung gut. In seinen ersten Jahren als König machte Abdullah II. durch spektakuläre Inkognito-Aktionen von sich reden, mit denen er die Probleme seiner Heimat erkunden wollte. Einmal verkleidete er sich mit einem aufgeklebten zotteligen Bart als Bettler. Dann fuhr er getarnt als Fernsehjournalist in die Freihandelszone von Zarka und hörte sich dort die Klagen von Geschäftsleuten über die Inkompetenz der Bürokraten an. Als er seine Identität offenbarte, umringte ihn am Ende eine jubelnde Menschenmenge. Seit 1999 sitzt der 55-Jährige auf dem Thron, ist populär und zupackend geblieben. Erst kürzlich filmte ihn zufällig ein Augenzeuge, wie er in Jeans und T-Shirt mithalf, ein Buschfeuer in einem Forst am Stadtrand nahe des Palastes zu löschen.

Nicht nur im Nahen Osten ist Abdullah II., der als junger Mann eine Ausbildung an der britischen Militärakademie Sandhurst genoss und internationale Politik in Oxford und Washington studierte, eine feste Größe. Auch in Deutschland und Europa gilt er als gern gesehener Gast, als verlässlicher Partner und Bindeglied zwischen der arabischen und westlichen Welt. In einer Rede zum Karls­preis in Aachen unterstrich der Monarch die gegenseitige Abhängigkeit Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas: „Was in einer unserer Regionen geschieht, kann sich direkt auf etwas auswirken, das in der anderen Region geschieht, und das ist häufig auch der Fall“, erklärte er, dessen Land neben Ägypten als einzige arabische Nation einen Friedensvertrag mit Israel abgeschlossen hat. Als er im vergangenen Jahr in Münster mit dem Westfälischen Friedenspreis ausgezeichnet wurde, lobte ihn der damalige Bundespräsident Joachim Gauck für sein Engagement in der Flüchtlingskrise. Der Monarch und seine Landsleute setzten „Maßstäbe für Humanität und Mitmenschlichkeit“.

Überfordert mit so vielen Flüchtlingen

So entschied nun auch der Bundestag kurz vor der Sommerpause, die deutschen Aufklärungstornados vom türkischen Incirlik in das jordanische ­Al Asrak zu verlegen, um weiteren außenpolitischen Eskapaden und Erpressungsversuchen durch Ankaras unberechenbaren Recep Tayyip Erdogan zu entgehen. Asrak ist ein kleines staubiges Oasenstädtchen zwei Autostunden östlich von Amman. Außer einem alten Schloss aus schwarzem Basalt, das Lawrence von Arabien während der arabischen Revolte im Ersten Weltkrieg als Hauptquartier nutzte, gibt es hier nichts Nennenswertes. Nur dass die Regierung 20 Kilometer nördlich von Asrak das zweitgrößte Flüchtlingscamp des Landes für 36 000 Menschen mitten in diese Einöde platzierte, was auch von Deutschland finanziell unterstützt wird.

An dem Luftkrieg der internationalen Koalition gegen den IS waren Jordaniens Kampfjets von Anfang an beteiligt. Auf der Luftwaffenbasis Muwaffak Salti von Al Asrak sind bereits 1000 US-Soldaten sowie eine Handvoll Niederländer und Belgier stationiert. Die 260 deutschen Soldaten werden in den nächsten drei Monaten dorthin umziehen zusammen mit etwa 10 000 Tonnen Material. Anfang Oktober sollen die sechs Tornado-Jets dann wieder startklar sein und von Jordanien aus operieren. Der Airbus 310 zur Luftbetankung wird bereits Mitte Juli am neuen Einsatzort eintreffen.

Koordiniert wird die alliierte Offensive gegen die IS-Gotteskrieger von den Vereinigten Staaten. Und so war Abdullah II. Anfang Februar der erste arabische Staatschef, der von Donald Trump im Weißen Haus empfangen wurde. In Moskau hatte er zuvor mit Präsident Wladimir Putin die Lage im syrischen Bürgerkrieg diskutiert, der nicht nur Jordanien, sondern auch die anderen Nachbarstaaten Libanon, Irak und Türkei in starke Mitleidenschaft zieht.

Seit Beginn des Blutvergießens, das mittlerweile mehr als 350 000 Menschen das Leben gekostet hat, gehört  Jordanien zu den Hauptzielländern der Flüchtlinge. ­1,4 Millionen Syrer leben heute in dem kleinen haschemitischen Königreich, wo sie 15 Prozent der 9,5 Millionen Einwohner ausmachen. Die Hälfte der Vertriebenen ist offiziell beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen registriert. Lediglich 20 Prozent leben in Lagern, die meisten sind irgendwo in den Dörfern und Städten untergekommen. Auch in den Jahrzehnten zuvor strömten viele Flüchtlinge ins Land, in den 50er und 60er Jahren die Palästinenser, nach dem Kuwaitkrieg 1991 und der US-Invasion 2003 vor allem Iraker, von denen
300 000 permanent Zuflucht fanden. Doch Jordanien ächzt zunehmend unter der Last der vielen Neuankömmlinge aus Mesopotamien. Die öffentlichen Mittel sind knapp, die Infrastruktur, angefangen von Schulen, über Krankenhäuser bis hin zur Verwaltung, ist völlig überlastet und überfordert.

Doch manche der Geflohenen wissen sich auch selbst zu helfen. Mit ihrer Kreativität und ihrem Geschäftssinn haben sie aus der schläfrigen Hauptstadt eine polyglotte, kulturelle Drehscheibe gemacht mit Galerien, Kulturcafés, Künstlertreffs und Vernissagen. Für mehr und mehr arabische Künstler ist Amman „ein Hafen in einer instabilen Region“, wie sie sagen. Für 2017 wurde sie zur Hauptstadt der Islamischen Kultur gekürt. Darüber hinaus besitzt Jordanien atemberaubend schöne Landschaften, ist Ort frühester menschlicher Kultur und Zivilisation und hat fünf Unesco-Weltkulturstätten – die bekanntesten sind die Nabatäerstadt Petra, das Wadi Rum im Süden sowie das Wüstenschloss Qusair Amra aus der Frühzeit des Islam.

Jordanien ist eine konstitutionelle Monarchie. Die Dynastie der Haschemiten leitet ihre Herkunft vom Propheten Mohammed ab. 96 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, vier Prozent Christen, die ganz selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind. Das politische System ist autoritär, in den meisten Staatsfragen hat Abdullah­ II. das letzte Wort. Er ist Oberbefehlshaber des Heeres und bestimmt die Außenpolitik. Nach dem Arabischen Frühling 2011 setzte der König auf „Reformen von oben“, so dass es – anders als in Ägypten, Libyen, Jemen, Syrien und dem Irak – weitgehend friedlich und gewaltfrei blieb. Auch Jordaniens Bilanz bei den Menschenrechten ist weniger problematisch als bei den meisten anderen arabischen Staaten. 2012 setzte König Abdullah ein Verfassungsgericht ein und dekretierte ein neues Wahl- und Parteiengesetz. Trotzdem ist die Politikverdrossenheit groß. Aktivisten der Zivilgesellschaft klagen über ständige staatliche Gängelei. Die Beteiligung an den Parlamentswahlen 2016 lag bei nur 37 Prozent.

Das Königreich leidet unter chronischer Wirtschaftsschwäche. Die Arbeitslosigkeit beim Nachwuchs liegt bei 30 bis 40 Prozent. Rund ein Viertel der Jordanier lebt unterhalb der Armutsgrenze. „Wenn mir etwas nachts den Schlaf raubt, dann die Frage, wie ich der jungen Generation Chancen im Leben eröffnen kann“, sagte der Vater von vier Kindern in einem Fernsehinterview. „Denn Radikale haben nirgendwo so leichten Erfolg wie bei frustrierten Jugendlichen.“

Kampf um Herz und Verstand

Umso mehr fühlt sich das Staatsoberhaupt in der Pflicht, dem islamischen Radikalismus immer wieder öffentlich entgegenzutreten und für ein tolerantes und aufgeklärtes Zusammenleben der Religionen zu werben. Den Kampf um die Herzen und den Verstand der Menschen müssen nach seiner Überzeugung alle gemeinsam führen. „Dieser Kampf ist keiner zwischen Völkern, Gesellschaften oder Religionen, sondern einer zwischen den Gemäßigten, den Moderaten aller Glaubensrichtungen gegen Extremisten in allen Religionen.“

Denn auch in einem Teil der jordanischen Bevölkerung genießt der IS unverhohlen Sympathie und Zustimmung. Das genaue Ausmaß lässt sich schwer abschätzen. Meist kommen die Anhänger aus den Armenvierteln der Städte Amman, Irbid, Zarka oder Maan, wo salafistische Prediger und Muslimbrüder das ideologische Monopol haben. 2000 bis 2500 Jordanier kämpfen in Syrien und im Irak in den Reihen der Extremisten ­– nach Tunesien und Saudi-Arabien das drittgrößte arabische Ausländerkontingent. Videos von jordanischen Dschihadisten, die ihre Pässe zerreißen und König Abdullah mit dem Tode drohen, zirkulieren im Internet. Und nach der absehbaren militärischen Niederlage des IS in Mossul und Rakka könnten aberhunderte Extremisten nach Jordanien zurückkehren und versuchen, ihre blutrün­stige Ideologie daheim fortzusetzen.

Im Dezember wurden beim bisher schwersten IS-Terrorattentat auf jordanischem Boden in der Stadt Kerak sieben Sicherheitskräfte und drei Zivilisten getötet, darunter eine kanadische Touri­stin und der Chef der jordanischen Spezialeinheiten – ein blutiges Fanal, das zeigt, wie verwundbar auch Jordanien ist.
700 Islamisten wurden daraufhin festgenommen und 15 Imame, die sich weigerten, an der nationalen Trauerfeier für die Opfer teilzunehmen, wegen des Verdachts der Sympathie mit dem IS entlassen. „Wir werden mit eiserner Faust reagieren“,  erklärte König Abdullah. „Wir werden nicht zulassen, dass die Stabilität Jordaniens und die Sicherheit seiner Bevölkerung zerstört werden.“

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