ANTJE BERG  Uhr
Die einen feiern die neue Freiheit der Eltern bei der Wahl der Schulart als Ende der Bevormundung. Die anderen fürchten ein Sterben des dreigliedrigen Schulsystems. Vor allem Lehrer fordern mehr Personal.

"Für das Gymnasium nicht geeignet", hieß es im Zeugnis des Zehnjährigen. Der Vater schaffte es trotzdem, seinen Sprössling an einer höheren Schule anzumelden. Neun Jahre später machte der Sohn das Abitur - mit der Note 1,0. Sein Name: Andreas Schleicher, heute Koordinator der internationalen Pisa-Schulvergleichsstudie und einer der schärfsten Kritiker des frühen Auslesedrucks.

Mit Genugtuung dürfte der Bildungsexperte daher zur Kenntnis nehmen, dass nun auch im grün-rot regierten Baden-Württemberg die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft ist. Nur noch in Bayern, Brandenburg, Sachsen und Thüringen haben die Lehrer nach wie vor das letzte Wort über die weiterführende Schule. Zumeist können die Eltern, wenn sie nicht einverstanden sind, eine Aufnahmeprüfung oder Probeunterricht verlangen. An dessen Ende aber steht erneut das Lehrerurteil.

Die Schüler im Südwesten brauchten bisher für einen Übertritt ins Gymnasium in Deutsch und Mathe einen Durchschnitt von mindestens 2,5, für die Realschule 3,0. Für die restlichen Kinder blieb die Hauptschule. Jetzt treffen erstmals die Eltern die Entscheidung - nach Beratung mit den Lehrern, die in diesen Tagen eine nichtbindende Empfehlung abgeben.

Die SPD-Kultusministerin stärkt den Elternwillen. Mütter und Väter sollten nicht mehr "durch einen staatlichen Verwaltungsakt bevormundet werden", sagt Gabriele Warminski-Leitheußer. Es dürfe nicht mehr darum gehen, Statusversprechen zu verteilen, sondern darum, Bildungszugänge zu ermöglichen.

SPD und Grüne sind überzeugt, dass der Notendruck sinken und die Lernmotivation der Kinder steigen wird. Ein weiteres Argument liefert die Iglu-Studie, mit der die Qualität deutscher Grundschulen regelmäßig getestet wird. Die Wissenschaftler prüften und bewerteten die Schülerleistungen, ohne den familiären Hintergrund zu kennen. Das Ergebnis: Ein Kind aus der Unterschicht musste für die gleiche Note oft eine bessere Leistung liefern als ein Schüler aus einer Akademikerfamilie. Mehr noch: Auch wenn die Noten für das Gymnasium gereicht hätten, wurde den Eltern die Realschule nahegelegt.

Mancher Lehrer sprach das beim Klassenabend offen an: "Wir tun den Schülern nichts Gutes, wenn wir ihnen eine Gymnasialempfehlung geben, ohne dass die Eltern zuhause helfen können." Um so wichtiger, meint die Ministerin, sei der Ausbau individueller Förderung.

Während der Auslesedruck in der 4. Klasse Kinder und Eltern zunehmend stresste, bescherte er den Nachhilfeinstituten eine sprudelnde Einnahmequelle. Zuletzt wurde jedes fünfte Grundschulkind ins Paukstudio geschickt. Einige warben damit, die Neun- und Zehnjährigen für eine "permanente Prüfungssituation" zu trainieren.

Die freie Wahl fordern Landeselternbeirat (LEB) und die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit Jahren. LEB-Vorsitzender Theo Keck freut sich nun über "eine Abkehr vom hierarchischen Denken", das das Urteil des Lehrers über die Erfahrungen der Eltern stellt. Wie die GEW hofft er, dass das Ministerium und die Kommunen auf die Veränderungen der Schülerströme schnell und flexibel reagieren. "Die Realschulen und Gymnasien werden mehr Lehrer brauchen", sagt GEW-Sprecher Matthias Schneider. SPD-Finanzminister Nils Schmid müsse wissen: Auch diese Reform koste Geld.

So groß die Freude auf der einen Seite, so heftig die Verärgerung auf der anderen: Nicht nur CDU und FDP wettern gegen die Neuerung, sondern auch mancher Lehrerverband. Die Opposition wirft der Ministerin ideologie-getriebene Politik vor, spricht von einem "ersten Schritt auf dem Weg zur Abschaffung des erfolgreichen dreigliedrigen Schulsystems" (CDU-Fraktionschef Peter Hauk) und warnt vor einer Verschärfung der sozialen Selektion. "Die Ungerechtigkeit wird zunehmen", sagt auch der Vorsitzende des Philologenverbands, Bernd Saur. Seine Argumentation sieht auch er durch Studien gestützt: Demnach entscheiden sich vor allem akademisch gebildete Eltern für das Gymnasium, selbst wenn ihr Nachwuchs ungeeignet ist. "Bildungsferne Schichten" trauten ihren Kindern weniger zu und schreckten davor zurück, sie trotz Eignung in einer Schulart anzumelden, die sie selbst nicht kennen.

Die Vorsitzende des baden-württembergischen Realschullehrerverbandes, Irmtrud Dethleffs-Niess, sieht den heftigsten Ansturm auf ihre Schulart voraus, die schon bisher "den größten Spagat" bewältige. Um das G 8 zu meiden, kämen viele Schüler auf die Realschule und machten später das Abitur an den beruflichen Gymnasien. Zuletzt wurden 18 Prozent der Empfehlungen für das Gymnasium nicht genutzt. Sollte nun eine Hauptschul-Flucht einsetzen, würden die Klassen "noch heterogener". Der Klassenteiler aber werde weiter bei 30 Schülern liegen - im Gegensatz zu 28 in der Gemeinschaftschule.

Die Sorge, man werde die Realschulen stiefmütterlich behandeln, sei unbegründet, heißt es im Ministerium. Nach Ablauf der Anmeldefrist wolle man mit den betroffenen Schulen Lösungen finden. Man gehe davon aus, dass die Eltern "verantwortungsbewusst" und "vorsichtig agieren", um ihren Kindern später einen schulischen Abstieg zu ersparen. Dass die Schülerströme sich gravierend verändern, hält man für unwahrscheinlich.

Philologe Saur bleibt skeptisch: Dass die Eltern die Grundschulzeugnisse bei der Anmeldung der Kinder nun nicht mehr vorlegen müssen, verhindere, rechtzeitig den Förderbedarf zu ermitteln. "Wir wollen und müssen wissen, welche Kinder wir bekommen." Das sieht man im Ministerium anders. Dessen Sprecherin findet, "dass allen Kindern an der neuen Schule vorurteilsfrei begegnet werden sollte".