Vor dem Weißen Haus in Washington kamen bereits kurz nach der Tragödie am Freitag dutzende Menschen zusammen und entrollten Plakate, auf denen Parolen wie "Schützt unsere Kinder - verbietet Waffen jetzt" standen. Doch Präsident Obama wagte sich nur vorsichtig aus der Deckung. Stets wurde in den USA nach Schießereien über ein restriktiveres Waffenrecht gestritten, passiert ist nie etwas.

Der Todesschütze Adam Lanza war mit mehreren Waffen in die Sandy-Hook-Grundschule gestürmt und tötete dort 20 kleine Kinder und sechs Erwachsene. Nach Angaben der Gerichtsmedizin feuerte der junge Mann auf alle Opfer mehrfach, vor allem mit einem halbautomatischen Sturmgewehr vom Typ "Bushmaster .233."

Der mit den Tränen kämpfende Obama forderte in einer Ansprache nur Stunden nach der Tat zwar Konsequenzen aus dem Massaker. "Wir haben zu viele dieser Tragödien durchgemacht", sagte der Präsident. Er hatte sich, ehe er gewählt wurde, für ein Verbot halbautomatischer Waffen ausgesprochen. Die kann praktisch jeder Volljährige, sofern er nicht vorbestraft ist, in den USA problemlos kaufen.

In seiner wöchentlichen Radioansprache wiederholte Obama am Samstag seine Forderung nach "entscheidenden Maßnahmen", um Amokläufe wie in Newtown zu verhindern. Unklar blieb aber, was er genau meinte. Der Präsident müsse endlich ein Gesetz an den Kongress schicken, verlangte der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, ein entschiedener Befürworter schärferer Waffengesetze. "Wir müssen sofort handeln. Wir haben all diese Rhetorik schon gehört."

Das Recht auf Waffenbesitz ist im zweiten Zusatzartikel zur US-Verfassung verbrieft. In den USA befinden sich Schätzungen zufolge etwa 270 Millionen Pistolen und Gewehre in Privathaushalten. Jedes Jahr sterben mehr als 30 000 Menschen durch Schusswaffen. Etwa 60 Prozent davon sind Selbstmorde, 40 Prozent sind Tötungsdelikte.

Nach Schießereien mit vielen Toten entfaltete sich in den vergangenen Jahren gewöhnlich eine Debatte, die grob drei Phasen umfasste: Unmittelbar nach der Katastrophe zeigt sich die Nation betroffen, dann liefern sich Befürworter und Gegner von schärferen Waffengesetzen ein Wortgefecht.

Schließlich ebbt die Diskussion wieder ab - ohne größere Änderungen am Waffenrecht. Als im Juli in einem Kino in Aurora im US-Bundesstaat Colorado ein Mann während der Premiere des neues "Batman"-Films zwölf Menschen umbrachte, führten die USA eine jener Debatten - bis sie im Nachrichtenstrom unterging. Viele US-Bürger reagieren auf eine mögliche Verschärfung der Waffengesetze ähnlich allergisch, als solle ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen werden.

Auch die Kirchen können sich offenbar nur schwer Gehör verschaffen. Die Präsidentin des ökumenischen Nationalen Kirchenrates, Kathryn Lohre, verwies auf erfolglose kirchliche Appelle, die Schusswaffengesetze zu verschärfen. Der Rat forderte seit Jahren, den Zugang zu Handfeuerwaffen zu erschweren.

Konservative Kirchenvertreter machen "moralischen Zerfall" für die Morde verantwortlich. Die Gesellschaft habe Gott aus den staatlichen Schulen verdrängt, hieß es im Rundfunkprogramm des "Amerikanischen Familienverbandes". Daher komme es zu solchen Bluttaten.

Auch nach dem Massaker von Aurora änderte sich an den Umfragewerten nicht viel. In einer Erhebung des Nachrichtensenders CNN sprachen sich im August 50 Prozent gegen größere Einschränkungen des Waffenbesitzes aus. Dagegen forderten 48 Prozent eine stärkere Waffenkontrolle. Die üblichen Verdächtigen der Waffen-Debatte brachten sich nach dem Massaker von Newtown bereits in Stellung. Die Nichtregierungsorganisation Brady Campaign, die sich für schärfere Waffengesetze einsetzt, erklärte, dass eine Reform "lange überfällig" sei. Schusswaffen garantierten Freiheit, behauptet dagegen der nach eigenen Angaben drei bis vier Millionen Mitglieder zählende Verband der Schusswaffen-Freunde, "National Rifle Association" (NRA). Die mächtige Waffenlobby überhöht Waffen im Haushalt zur kulturellen Eigenheit der USA und brandmarkt jede Reform als Angriff auf bürgerliche Freiheiten.

Zur jüngsten Tat gab sie noch keinen Kommentar ab. Dafür äußerte sich etwa auf dem erzkonservativen TV-Sender Fox News der frühere republikanische Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee. Mit strengeren Gesetzen lasse sich ein derartiges "Blutbad" nicht verhindern, sagte er. Stattdessen brachte er als Rezept mehr Gott und Religion in den Schulen ins Gespräch.