Biogas Jede zweite Biogasanlage hat Mängel - Experten sehen jedoch keine gravierenden Gefahren

Biogasanlagen sind technisch anspruchsvoll – auch wenn nicht bei jeder Anlage alle Elemente dieser Grafik verbaut sind. Viele speisen zum Beispiel nicht ins Erdgasnetz ein oder verwenden hauptsächlich Mais.
Biogasanlagen sind technisch anspruchsvoll – auch wenn nicht bei jeder Anlage alle Elemente dieser Grafik verbaut sind. Viele speisen zum Beispiel nicht ins Erdgasnetz ein oder verwenden hauptsächlich Mais. © Foto: SWP Grafik
MADELEINE WEGNER 14.01.2016
Ein Bericht des Umweltministeriums bescheinigt jeder zweiten Biogasanlage im Land Mängel - undichte Fahrsilos, unbefestigte Wege und rein formale Fehler. Wie sicher sind die Anlagen im Südwesten tatsächlich?

Alle 850 Biogasanlagen lässt das Umweltministerium durch die Ämter zur Zeit in einer mehrjährigen Schwerpunktaktion überprüfen. Das bisherige Ergebnis: An jeder zweiten Anlage gibt es etwas zu beanstanden. Mängel, die besonders häufig auftauchen sind: ungenehmigte Änderungen, beschädigte Foliendächer und überfüllte Fahrsilos. Der erste Zwischenbericht, den das Umweltministerium bereits im vergangenen Jahr vorgelegt hatte, listet die Ergebnisse für die Untersuchungen von März 2013 bis Februar 2015 auf. Für die Regierungsbezirke Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe sind die Untersuchungen bereits abgeschlossen. Im Regierungsbezirk Tübingen dauern sie derzeit noch an: Hier stehen mit 408 Biogasanlagen rund die Hälfte aller Anlagen landesweit.

Doch auch die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchungen im RP Tübingen bestätigen den Bericht des Ministeriums vom vergangenen Frühjahr. Mängel an jeder zweiten Anlage – das klingt nach einem großen Sicherheitsleck. „Unerfreulich, aber nicht außergewöhnlich besorgniserregend“ nennt jedoch Daniel Hahn vom Regierungspräsidium Tübingen das Ergebnis. Er gibt zu bedenken: „Hätte man die Ergebnisse damals als gravierend angesehen, hätte es Nachfolgeaktionen gegeben.“ Außerdem war keine der Beanstandungen im Land so schwerwiegend, dass eine Anlage hätte stillgelegt werden müssen.

„Natürlich gibt es Mängel und Sünden“, sagt Siggi Wucher vom Fachverband Biogas. Doch viele der im Bericht erfassten Mängel seien aus seiner Sicht „Peanuts“: ein nicht angebrachtes Schild, nicht ausreichende Dokumentation oder ähnliche Kleinigkeiten. Laut Ergebnisbericht führten Anlagenbetreiber häufig bauliche oder leistungssteigernde Änderungen durch, die vorab nicht genehmigt waren. Bei jeder vierten Anlage gab es offensichtliche Mängel hinsichtlich wasserrechtlicher Anforderungen, das waren vor allem überfüllte, undichte oder fehlende Fahrsilos. Deren Inhalt – giftiger Silagesickersaft – wird zu einer großen Gefahr für Gewässer, wenn er ausläuft. Elf Prozent der Anlagen wiesen grobe Bauschäden auf, knapp sieben Prozent Mängel im Explosionsschutz.

Manches liegt in der Historie begründet: Von den rund 400 Anlagen im Land sind laut Wucher etwa 40 als „Bastleranlagen“ in den Anfängen der Biogasgewinnung entstanden. „In den 90er Jahren war's noch etwas lockerer. Da sind viele Selbstbauanlagen entstanden.“ Aber: „Es gibt keine Anlage, die nicht genehmigt wurde.“ In den vergangen 20 Jahren sind für Biogasbauern viele Vorschriften hinzugekommen oder haben sich geändert, manche davon sind nur schwer praktikabel für die Bauern, die ihre Biogasanlage oft nur im Nebenverdienst betreiben. Dieses Problem ist auch im zuständigen Ministerium bekannt: „Unser Eindruck ist, dass die Vorschriften kaum mehr händelbar sind. Für die Betreiber ist es schwierig, alle Auflagen zu erfüllen“, sagt Frank Lorho, Pressesprecher des Umweltministeriums. Dennoch seien es nicht nur formale Dinge, die im Bericht bemängelt wurden. So fehlten beispielsweise bei vielen Anlagen Abdichtungen, sodass Stoffe über den Boden des Silos ins Grundwasser sickern könnten.

Bundesweit sorgten Explosionen und Todesfälle in Biogasanlagen immer wieder für Schlagzeilen. Wie sicher sind die Anlagen im Südwesten nun tatsächlich? „Eine pauschale Antwort wird der differenzierten Situation nur schwer gerecht“, sagt Lorho, fügt jedoch hinzu: Eine echte Gefahr bestehe durch die Mängel – die zudem behoben werden mussten – nicht.

„Die meisten Beanstandungen hatte wir wegen fehlender Befestigungen von Wegen oder Flächen“, sagt Andreas Neft vom Reutlinger Umweltschutzamt, das für die Kontrolle der 36 Biogasanlagen im Kreis zuständig ist. Wie bei anderen Unternehmen auch, gebe es bei der Überprüfung immer wieder etwas zu beanstanden. Wegen der möglichen Gefahren schaue man bei Biogasanlagen jedoch oft mal genauer hin. Die zuständigen Ämter werden auch nach Abschluss der bundesweiten Überwachungsaktion weiterhin die Anlagen überprüfen. Schließlich war es auch die Gewerbeaufsicht, die die Aktion ins Rollen brachte: Ihr waren vermehrt Mängel an Biogasanlagen aufgefallen.

Feuerball überm Fermenter

Der letzte größere Schadensfall im Land war die Havarie einer Biogasanlage im Dezember 2007. Kurz nach Inbetriebnahme der Anlage in Riedlingen (Kreis Biberach) war der rund 20 Meter hohe Gärbehälter aus bautechnischen Gründen geborsten. Durch die Explosion wurde Substrat in die Umgebung geschleudert, sie überflutete das Gelände. Verletzt wurde niemand, aber die Anlage fast vollständig zerstört. Sie wurde wieder aufgebaut. In Bayern und Norddeutschland gab es zum Jahresende mehrere Todesfälle an Biogasanlagen, diese Arbeitsunfälle haben aber nichts mit Sicherheitsmängeln zu tun.