Zur Person Jean-Claude Juncker: Härte charmant verpackt

Zwei, die sich verstehen: Jean-Claude Juncker (hinten) und Donald Trump.
Zwei, die sich verstehen: Jean-Claude Juncker (hinten) und Donald Trump. © Foto: Pablo Martinez Monsivais/AP/dpa
Brüssel / Chrstian Kerl 27.07.2018

Jean-Claude Juncker hatte lächelnd eine falsche Fährte gelegt: Beim Besuch im Weißen Haus wolle er vor allem den Gesprächsfaden aufrechterhalten, mit einer Einigung rechne er nicht, konkrete Angebote habe er auch gar nicht im Gepäck, versicherte Juncker vor seiner Abreise nach Washington. Doch als dann die Einigung mit Donald Trump stand, erklärte der EU-Spitzenmann stolz: „Ich wollte einen Deal bekommen, und ich habe einen bekommen.“

Für den 63-jährigen Luxemburger, seit 2014 als Kommissionspräsident einer der mächtigsten Männer der EU, ist es ein Triumph der besonderen Art: Er erreichte, woran sich Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Zähne ausgebissen hatten.

Den größten Erfolg seiner Amtszeit erlebt er in einem Moment, da ihn viele schon abgeschrieben haben: Seit Juncker beim Nato-Gipfel vor zwei Wochen durch die Reihen der Regierungschefs schwankte – wegen starker Ischiasschmerzen, wie er sagt  – sieht er sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Bereits im Frühjahr stand Juncker wegen der überfallartigen Ernennung seines Vertrauten Martin Selmayr zum Generalsekretär der Kommission unter Druck, verletzt drohte er mit seiner vorzeitigen Demission. Als amtsmüde hatten ihn EU-Politiker schon vorher mitunter erlebt, seinen Rückzug 2019 hat Juncker längst angekündigt. Für den leidenschaftlichen Europäer war die Brexit-Entscheidung der Briten 2016 auch eine persönliche Niederlage. Dennoch steuerte er die EU danach souverän durch stürmische Zeiten.

Juncker, der 18 Jahre lang Premier von Luxemburg war,  ist ein alter Fuchs, erfahren im Umgang auch mit schwierigen Staatslenkern – und gern unterschätzt, weil er politische Härte mit einer charmanten, vielsprachigen Kumpelhaftigkeit tarnt. Sein Hang, Gesprächspartner mit Küssen auf Glatze, Wange und Nacken zu begrüßen, ist berüchtigt. Trump und Juncker kennen sich schon eine Weile, beim G7-Gipfel attestierte der US-Präsident dem freundlichen Europäer bewundernd, er sei ein „brutal killer“. Der Luxemburger hatte früh verstanden, dass Trump nur Politiker respektiert, die nicht klein beigeben. So zeigte er noch in Brüssel die europäischen Waffen, die EU-Kommission ließ er weitere Vergeltungszölle gegen die USA vorbereiten und kurz vor dem Besuch eine Milliarden-Strafe gegen den US-Konzern Google verhängen.

In Washington aber umwarb Juncker den Gastgeber mit Erinnerungen an die historische Freundschaft zwischen Europa und den USA, brachte als Gastgeschenk Fotos mit, die amerikanische Soldaten 1945 in Luxemburg zeigen. Das, hieß es später, habe Bewegung in die Gespräche gebracht. Juncker sorgte auch geschickt dafür, dass Trump sein Gesicht wahren konnte. Er ließ dem US-Präsidenten schon beim Eingangs-Pressestatement viel Raum – und ermöglichte ihm später, die Verständigung als großen Erfolg des „Deal-Makers“ Trump zu feiern.  Trumps Dankbarkeit war ihm sicher: Der US-Präsident schwärmte hinterher von der warmen, guten Stimmung während der Gespräche – und ließ sich zum Abschied von Juncker sogar einen der berüchtigten Schmatzer aufdrücken. Trump verschickte das Bild von dieser Szene per Twitter:  Die EU und die USA, repräsentiert durch die beiden Präsidenten, „lieben einander“, schrieb er dazu. In Berlin, Paris und Brüssel dürfte man sich verwundert die Augen gerieben haben.

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