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NSU
Chemnitz / TINO MORITZ, DPA  Uhr
Vor drei Monaten wurde die rechtsextreme Zwickauer Terrorzelle NSU enttarnt. Jahrelang war die Polizei dicht dran - allerdings, weil sie zwei Bankräuber suchte. Von der Mordserie des NSU wusste sie nichts.

Wie hat die Zwickauer Neonazi-Terrorzelle ihr mehr als 13 Jahre währendes Leben im Untergrund finanziert? Rund eine halbe Million Euro könnten Uwe M. und Uwe B. bei insgesamt 14 Banküberfällen erbeutet haben, vermuten Ermittler. Dringender Tatverdacht gegen die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) besteht nach Ansicht der Bundesanwaltschaft bisher bei drei Banküberfällen - zwei davon 2011 in Thüringen, einer 2006 in Zwickau. Diesen hatte entgegen der sonstigen Methode ein Bankräuber allein verübt - Geld erbeutete er nicht, ein Bank-Azubi wurde im Handgemenge mit dem Täter durch einen Bauchschuss lebensgefährlich verletzt.

Zu dieser Überfallserie zählte die Kripo von 1999 bis Anfang 2007 elf weitere Banküberfälle: In Mecklenburg-Vorpommern zwei, neun in Sachsen. Die Ermittler befürchteten damals weitere Raubzüge. Aber die blieben offenbar vier Jahre lang aus. Ob es am erhöhten Fahndungsdruck lag? Am 2. August 2007 berichtete die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" über den Fall. "Wir suchen zwei Täter, die von ihren Opfern als recht jung beschrieben wurden. Das erste Mal schlugen sie 1999 zu, das letzte Mal in diesem Jahr, im Januar 2007", sagte der Chemnitzer Kriminalist Jens Merten in der Sendung.

Als brutal und extrem gefährlich wurden die Räuber beschrieben. Das Risiko sei ihnen "egal" gewesen. Allein bei zwei Sparkassen-Überfällen innerhalb von fünf Tagen in Chemnitz entkam das Duo den Angaben zufolge mit einer Beute von 100 000 Euro. Bei der ersten Tat, am 14. Mai 2004, habe ein Passant auf der Straße sogar noch während des Überfalls per Telefon in ständigem Kontakt zur Polizei gestanden. "Wir waren damals dicht dran", sagte Merten.

Fünf Morde, die dem NSU heute angerechnet werden, waren bis dahin schon verübt. Fünf weitere sollten bis 2007 hinzukommen - der letzte, an einer deutschen Polizistin in Heilbronn, gut drei Monate vor der TV-Sendung. Die Polizei suchte weiter nach Bankräubern. Weil das Duo bei zwei Überfällen in Stralsund 2006 und 2007 zusammen erneut einen sechsstelligen Betrag eingesackt hatte, befürchtete Kriminalist Merten damals auch weitere Überfälle. "Zwei Bankräuber, die wirklich vor nichts zurückschrecken", kommentierte ZDF-Moderator Rudi Cerne den Fall in der Sendung. Cerne sah "nicht nur viele, sondern auch gute Ansatzpunkte", und rechnete deshalb mit vielen Hinweisen. Für die war immerhin eine Belohnung von 22 000 Euro ausgelobt. Aber nur ganze fünf Anrufer sollten sich melden, bestätigte eine Polizeisprecherin damals.

Den nächsten Banküberfall von Uwe B. und Uwe M. gab es nach derzeitigem Stand erst wieder am 7. September 2011 im thüringischen Arnstadt. Der Polizei fiel auf, dass die Täter nicht ihr Heil in der schnellen Flucht suchten. Vielmehr hätten sie ihre Fluchtfahrräder im nicht weit entfernten Wohnmobil verstaut und dort die Ringfahndung der Polizei "ausgesessen". Als am 4. November eine Bank in Eisenach überfallen wurde, waren die Beamten auf diese Taktik vorbereitet - mit den bekannten Folgen. Sie suchten ein Wohnmobil und fanden darin zwei Leichen: B. und M.

Schon 2007 wussten die Fahnder so einiges, wie der Blick ins "Aktenzeichen"-Sendungsarchiv beweist: Dass mindestens einer der Bankräuber Linkshänder war. Dass die von einem Täter getragene Freizeithose "vorwiegend im mitteldeutschen Raum durch vietnamesische Händler vertrieben" wurde. Dass die verwendete Pumpgun mit einem nicht erlaubten Pistolengriff versehen war. Mit einer Pumpgun soll M. vier Jahre später, am 4. November 2011, zunächst B. und dann sich selbst erschossen haben.