Italien Italiens Rechte erobert linke Hochburgen

Susanna Ceccardi von der Lega Nord ist die erste rechtspopulistische Bürgermeisterin in Cascina. 70 Jahre lang hatten hier Linke regiert.
Susanna Ceccardi von der Lega Nord ist die erste rechtspopulistische Bürgermeisterin in Cascina. 70 Jahre lang hatten hier Linke regiert. © Foto: imago stock&people
Rom / Bettina Gabbe 29.12.2017
Der Niedergang der Wirtschaft treibt viele Italiener in die Arme von Rechtspopulisten. Ein Beispiel ist der Ort Cascina.

Wenn die Marktverkäufer mittags ihre Stände abbauen, bleibt auf der Hauptstraße von Cascina der Abfall liegen, den die Müllabfuhr rasch abtransportiert. Wo einst das Leben des kleinen Ortes in der Nähe der toskanischen Touristenmetropolen Lucca und Pisa pulsierte, stehen heute viele Ladengeschäfte leer, Autos dürfen nicht mehr durch die breite Straße zwischen den altertümlichen Arkaden fahren, denn sie ist zur Fußgängerzone erklärt worden. „Die neue Bürgermeisterin hat versprochen, dass sich das ändert“, sagt ein Kioskbesitzer, der dem regen Verkehr mit den parkenden Wagen zum schnellen Zigarettenholen oder Kauf von Rubbellosen nachtrauert.

Damit alles wieder besser wird, wählten die Bürger von Cascina im vergangenen Jahr Susanna Ceccardi zur ersten Bürgermeisterin der rechtspopulistischen Lega Nord in der traditionell  von linken Parteien regierten Toskana. 70 Jahre lang hatten in dem Ort mit seinen 45 000 Einwohnern Kommunisten und später Sozialdemokraten von der römischen Regierungspartei der Demokraten die Bürgermeister gestellt. Doch der Verlust vieler Arbeitsplätze durch den Niedergang der heimischen Möbelindustrie führte zu wachsender Verunsicherung.

Während der Vorsitzende der Demokraten im Büro des Ortsvereins von Cascina, Fernando Mellea, nur ein müdes Lächeln für die junge Bürgermeisterin übrig hat, hofft deren Partei, im Frühjahr mit Silvio Berlusconis Forza Italia die Regierung zu übernehmen. „Die Wahl war eine Entscheidung gegen uns, nicht für sie“, sagt der Lehrer resigniert. Im Schaufenster des Büros wirbt die Partei mit der Parole „Militanter Antifaschismus“. Ob sie damit Probleme einer unter Entvölkerung und globalem Wettbewerb leidenden ländlichen Region von heute lösen kann, bezweifeln offenbar auch eingefleischte Wähler der Sozialdemokraten.

Furcht vor Einwanderung

Die Lega Nord setzte in Cascina ebenso wie auf nationaler Ebene auf die Furcht vor Einwanderern. „Wer legal einreisen will, hat Riesenprobleme, wer illegal kommt, landet auf Lampedusa und erhält automatisch einen Flüchtlingsstatus“, empört sich die 30 Jahre junge Bürgermeisterin in ihrem Büro auf der anderen Seite des Hauptplatzes. Sie fordert mit einem entwaffnend offenen Lächeln die Zurückweisung von Migranten. Sie wolle die Probleme der Bürger lösen und schiele nicht auf ein Parteiamt in Rom, sagt die Juristin. Ihr wichtigstes Anliegen, den Migrantenzustrom zu stoppen, deckt sich allerdings mit den Parolen von Parteichef Matteo Salvini – und hat in Cascina kaum eine Grundlage. Dort gibt es außer in einer Aufnahmestelle am Stadtrand –  anders als in den meisten italienischen Städten – kaum Flüchtlinge. Dennoch will Ceccardi damit punkten, dass Sozialwohnungen nur noch an Italiener vergeben werden.

Wie die traditionelle Linke in Cascina die Probleme des sterbenden Einzelhandels und fehlender Infrastrukturen wie Straßenbeleuchtung in neuen Stadtvierteln nicht in den Griff bekam, so verlor sie auch in anderen italienischen Regionen wichtige Kämpfe. Trotz des Wachstums nach langen Jahren der Krise sind noch immer knapp 40 Prozent der jungen Leute arbeitslos. Laut nationaler Statistikbehörde lebten im vergangenen Jahr mit 4,7 Millionen Menschen rund sechs Prozent der Italiener in absoluter Armut. Schulen und Behörden sind in vielfach stark renovierungsbedürftigen Gebäuden untergebracht, während nur diejenigen auf das staatliche Gesundheitswesen zurückgreifen, die sich private Ärzte nicht leisten können. Gegen das wachsende Gefühl der Unsicherheit hat die neue Bürgermeisterin von Cascina im Rathaus und in öffentlichen Schulen wieder Kruzifixe anbringen lassen. „Das ist nicht nur ein religiöses Symbol, sondern ein Zeichen für unsere Identität“, sagt die junge Anwältin.

In einer Zeit schrumpfender Gewissheiten kommt ein politisch tot geglaubter Silvio Berlusconi als Heilsbringer gerade recht. Der 81-Jährige kann wegen eines Ämterverbots bei  der im Frühjahr anstehenden Parlamentswahl zwar nicht selbst kandidieren. Seine Partei könnte Umfragen zufolge gemeinsam mit der Lega Nord jedoch mit 30 Prozent das stärkste Bündnis bilden.

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