Interview Ist das Klima noch zu retten, Herr Schellnhuber?

Berlin / Thomas Block und Gunther Hartwig 07.09.2018
Seit 26 Jahren warnt der Professor aus Niederbayern unermüdlich vor den Folgen des Klimawandels. Ein Gespräch.

Sein Chefbüro im Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung räumt Hans Joachim Schellnhuber in den nächsten Wochen. Auf seinem Schreibtisch türmt sich ein bedrohlicher Aktenberg, auf dem Boden stehen Umzugskartons. Es hat sich einiges angesammelt in 26 Jahren Institutsleitung.

Der Professor aus Niederbayern ist zuständig für die ganz großen Fragen unserer Zeit. Zum Beispiel: Auf welchem Weg sehen Sie die Menschheit gerade? Er erzählt dann gerne von einem Mann, der sich vom Dach des Empire State Buildings stürzt. Auf Höhe des zweiten Stockwerks ruft er: „Bis jetzt ist alles gut gegangen.“ Und wo befindet sich der Mensch heute? „Ungefähr auf Höhe der 20. Etage“, sagt Schellnhuber, „aber ich habe die Hoffnung, dass er einen Fallschirm trägt.“

Professor Schellnhuber, beginnen wir mit Rilke: „Der Sommer war sehr groß.“ Sonne satt, Temperaturen wie auf Mallorca oder Kreta. Was ist schlecht daran?

Hans Joachim Schellnhuber: Dieser Sommer war nicht nur groß, er war auch außergewöhnlich trocken. Dagegen war der Sommer 2017 überdurchschnittlich feucht, vor allem in Ostdeutschland. Extreme Schwankungen wie diese machen uns Sorgen. Für die Landwirtschaft zum Beispiel ist es eine riesige Herausforderung, sich an das Verschwinden der „normalen“ Witterung anzupassen.  Die „neue Normalität“ sind in einer insgesamt wärmer werdenden Welt Tagestemperaturen von 38 Grad und mehr und Tropennächte an der Spree – wie zuletzt erfahren. Das spürt auch jeder Einzelne, denn in einer nicht klimatisierten Dachwohnung schläft sich’s dann nicht mehr gut. Bei der europäischen Hitzewelle 2003 kam es übrigens zu Zehntausenden von vorzeitigen Todesfällen.

„Das ist noch lange nicht der Ernstfall“

Ist das schon die „Heißzeit“, die Sie jüngst prophezeit haben?

Keineswegs. Heute ist die Welt ein bescheidenes Grad Celsius wärmer als noch vor Beginn der Industrialisierung. Infolgedessen sind bereits häufigere oder stärkere Wetterextreme zu erwarten, aber das ist noch lange nicht der Ernstfall.

Trotzdem ist bemerkenswert, mit welchen Herausforderungen dieses eine Grad schon verknüpft ist, von der Landwirtschaft bis zur öffentlichen Gesundheit. Vor allem ältere oder kranke Menschen sind gefährdet, und dem muss man strategisch und institutionell Rechnung tragen.

Bei ungebremstem Klimawandel könnten wir aber irgendwann vor der Wahl stehen, Häuser und Wohnungen entweder voll zu klimatisieren, was Kosten und zusätzliche Emissionen verursachen würde, oder aufs Land zu ziehen oder gleich in kühlere Regionen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, liegt die globale Erwärmung Ende dieses Jahrhunderts vielleicht schon bei vier Grad – das bedeutet dann „extreme“ Extreme.

Und mit diesem Ausblick geben Sie die Leitung des Instituts ab. Der amerikanische Präsident leugnet den Klimawandel, im Bundestag sitzen auch Klimaskeptiker. Frustriert Sie das nicht?

Natürlich ist es enttäuschend, wenn im 21. Jahrhundert die wissenschaftliche Evidenz von mächtigen Politikern ignoriert wird. Aber die allermeisten Menschen, auch die allermeisten Entscheider, haben das Klimaproblem heute begriffen. Manchmal denke ich allerdings, wir Forscher hätten vielleicht von Anfang an selbstbewusster auftreten müssen und uns nicht scheuen dürfen, auch als „Alarmisten“ beschimpft zu werden. Wenn man aus einem brennenden Haus herausläuft und Feuer ruft, ist man ja wohl kein Hysteriker. Zu einer ehrlichen Bilanz gehört aber auch festzustellen: Die Politik hat immer wieder entscheidende Möglichkeiten, den Klimaschutz voranzutreiben, ungenutzt gelassen.

„Es braucht nicht nur das Ziel, sondern auch einen guten Plan.“

Was ist denn besser geworden durch die Arbeit Ihres Instituts?

Erst durch die Erkenntnisse der Klimaforschung konnte ein Bewusstsein dafür entstehen, dass wir mit der Erderwärmung vor einer einzigartigen Herausforderung stehen. Dazu haben wir hier am Institut maßgeblich beigetragen. Fakten sind sinnlos ohne eine sie einbettende Erzählung. Diesen Rahmen haben wir geduldig und hartnäckig geschaffen, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und der ganzen Welt.

Deutschland ist als klimapolitischer Vorreiter gestartet und kann jetzt nicht einmal die Klimaziele 2020 einhalten. Was ist da schiefgelaufen?

Nun, wenn es um langfristige Probleme geht, ist die Politik oft schon zufrieden, wenn sie einen symbolischen Beschluss fasst. Deutschland hat einmal Klimaziele beschlossen – und damit war es dann auch gut. Ob diese jemals erreicht würden, war erstmal zweitrangig.

Ich war dabei, als 2015 in Frankreich das Zwei-Grad-Ziel beschlossen wurde. Die Politiker lagen sich in den Armen, Freudentränen wurden vergossen, hunderte von Journalisten aus der ganzen Welt berichteten über das „Wunder von Paris“. Wir Wissenschaftler haben damals aber schon gesagt, dass es nicht nur das Ziel, sondern auch einen guten Plan braucht, wie man dorthin kommt. Sonst könnte man ja auch beschließen, Erdbeben von Stärke Acht aufwärts einfach zu verbieten. Die Umsetzung war für die Politik in Paris aber zunächst nebensächlich, weil man so glücklich war, eine Einigung zu haben.

Warum ist das so?

Der Mensch scheint evolutionär darauf programmiert zu sein, kurzfristig zu agieren. Nehmen Sie das Thema Chemnitz: Das ist eine tragische aktuelle Geschichte, über die selbstredend berichtet werden muss. Aber so wichtig diese Konfrontation auch ist: Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die entstehen, wenn wir weiter Kohle, Gas und Öl verfeuern, dürften noch viel tiefer sein. Nur wird das kaum öffentlich wahrgenommen, während die Vorgänge in Chemnitz jetzt die Schlagzeilen beherrschen. Die Diskussion über die dringend notwendigen klimapolitischen Weichen, die wir stellen müssen, wird durch tagespolitische Aufregungen immer wieder getoppt werden. Da stimmen die Dimensionen einfach nicht.

„Trägheit des Systems ist enorm“

Dabei haben Sie doch wichtige Leute beraten – die Kanzlerin, den Papst. Haben die nicht auf Sie gehört?

Ich glaube schon, dass die aufmerksam zugehört und sogar etwas gelernt haben. Aber die Trägheit des Systems ist enorm. Früher dachte ich noch, wenn man nur mit den richtigen Politikern spricht, werden diese schon die richtigen Maßnahmen rechtzeitig in die Wege leiten.

Doch die Politik nimmt Zukunftsverantwortung über die Legislaturperiode hinaus immer seltener wahr, weil sie dafür sofort abgestraft wird. Inzwischen glaube ich, neben all dem Werben für politische Maßnahmen ist es mindestens ebenso wichtig, eine gute Geschichte zu erzählen, in der die Menschen gerne vorkommen wollen.

Das müssen Sie näher erklären.

Wir brauchen eine neue Erzählung der Moderne, die bewegen und begeistern kann. Eine von Wirtschaften, die sich in Kreisläufen bewegen, von anständigem Konsum, der nicht auf Tierquälerei fußt, von Städten, die nicht dem Auto geopfert werden, sondern ein nachhaltiges urbanes Leben zulassen. Eine Erzählung, die Chancen aufzeigt, Zukunft selbst mitgestalten zu können. Es gibt tatsächlich eine bessere Erzählung als die, die unser heutiges Leben beherrscht. Am Ende all meiner physikalischen und mathematischen Weisheit ende ich bei dieser einfachen Erkenntnis.

Ist das etwas, das Sie in Ihrer Zeit am Institut gelernt haben: Dass positive Anreize förderlicher für Ihr Ziel sind als Verbote und Vorschriften?

Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es immer besser ist, Menschen für etwas zu begeistern, als ihnen etwas zu verbieten. Am Anfang meiner Karriere habe ich zum Beispiel die Frage, was der Einzelne für den Klimaschutz tun kann, immer für eine unpolitische gehalten. Inzwischen halte ich sie für die politischste Frage überhaupt. Wenn man Menschen einredet, dass sie selbstsüchtige Monster sind, dann glauben sie es am Ende selbst. Aber in unserer Gesellschaft ist viel guter Wille vorhanden.

„Das habe ich so noch nie erlebt.“

Sie sitzen ebenfalls in der Kohlekommission. Wie sieht es dort mit dem guten Willen aus?

Die Zusammensetzung dieser Kommission ist vielversprechend – Umweltverbände, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Industrieverbände, unabhängige Experten. Das ist ein guter Spiegel der Gesellschaft.

Problematisch ist natürlich, wenn die mit Rederecht anwesende Politik – Dutzende von Staatssekretären und Minister und sogar gewisse Ministerpräsidenten – ständig behauptet, dass die Demokratie in Deutschland zusammenbricht, wenn die Braunkohleverstromung zügig endet. Der politische Druck ist unglaublich hoch, das habe ich so noch nie erlebt. Es wird einem da eine Verantwortung aufgehalst, die das Mandat der Kommission gar nicht hergibt.

Ist es legitim, einer Kommission diese Bürde aufzulasten?

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich davon halten soll. Eigentlich wäre es doch Pflicht und Schuldigkeit einer Regierung, die Zukunftsentscheidungen über die Kohleverstromung zu treffen. Dafür wurde sie gewählt. Nun hat diese Regierung sich entschlossen, ein Stück ihrer Zukunftsverantwortung an ein zivilgesellschaftliches Gremium auszulagern. Das ist zunächst ein interessanter Ansatz. Doch wenn die Politik das tut und den Kommissionsmitgliedern solche Verantwortung auf die Schultern packt, dann darf sie nicht gleichzeitig versuchen, die Kommission massiv zu beeinflussen.

Wie sieht ein Beratungsgespräch zwischen einem Klimaforscher und dem Papst aus?

Der Papst spricht hauptsächlich Spanisch, das spreche ich auch ganz gut. Er spricht Italienisch, was ich nicht besonders beherrsche, dazu leidlich Englisch und ein bisschen Deutsch. Wenn wir sprechen, ist das am Ende ein biblisches Kauderwelsch. Das Entscheidende ist aber nicht die Sprache, sondern die Ausstrahlung. Franziskus ist jemand, der mit seinem Charisma eine ganze Debatte verändern kann. Meine Aufgabe ist es, zu helfen, dieses Charisma in die richtige Richtung zu lenken.

Und der Papst macht da mit?

Dieser Papst hat sich mit seiner Enzyklika des Klimathemas angenommen, er ist bereit, seine enorme Autorität und Glaubwürdigkeit hier einzubringen. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich in Potsdam anfing: Dass eines Tages der größte Unterstützer von Klimaforschung und Klimaschutz ausgerechnet das Oberhaupt der katholischen Kirche sein würde, einer Kirche, die oft als eine der reaktionärsten Institutionen der Weltgeschichte wahrgenommen wird. In einer Welt, in der solche Dinge geschehen können, braucht man die Hoffnung nicht zu verlieren.

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Pionier der Klimaforschung

Der Physik-Professor Hans Joachim Schellnhuber (68) gründete vor 26 Jahren das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er wuchs auf einem Bauernhof im niederbayerischen Landkreis Vilshofen auf und studierte an der Universität Regensburg. Lehraufträge führten ihn nach Kalifornien und Oxford.

Das PIK baute Schellnhuber zu einer weltweit renommierten Forschungseinrichtung aus, an der heute über 300 Professoren, Doktoranden und andere Mitarbeiter beschäftigt sind. Ende September übergibt er die Leitung des Instituts an Ottmar Edenhofer (56), bisher Chefökonom am PIK, und den schwedischen Umweltwissenschaftler Johan Rockström (52).

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