Ungama John schluchzt unentwegt, als er am späten Donnerstag von dem Blutbad erzählt, das sich in den Stunden zuvor auf dem Campus seiner Universität im Nordosten von Kenia ereignet hat. "Irgendwann am frühen Morgen hörten wir Schüsse, andauernd und immer mehr", sagt er. Keiner wusste, was genau geschah. "Ich hörte Frauen schreien und sah Mitstudenten um ihr Leben rennen", erinnert er sich. Erst dann habe er maskierte Männer gesehen - und sei selbst wie von Sinnen losgerannt.

Die vier Terroristen der Islamisten-Miliz Al-Schabaab waren wohl am frühen Morgen auf den Campus der kleinen Uni von Garissa vorgedrungen, die rund 200 Kilometer jenseits der Grenze zu Somalia liegt. Dort hat die Terrorbande ihr Hauptquartier. Die Täter erschossen zunächst zwei Wachmänner am Eingang. Dann machten die Islamisten gezielt Jagd auf christliche Studenten: Wer unter vorgehaltener Waffe keine Koranverse zitieren konnte, dem schossen sie in den Kopf. Erst als sie Stunden später von Soldaten umzingelt waren, stoppten die Täter ihr Töten und brachten sich durch Detonation ihrer Sprengstoffwesten ums Leben. Den Sicherheitskräften, die daraufhin den Campus durchkämmten, bot sich ein Bild des Grauens: Mindestens 147 Menschen waren erschossen worden, überwiegend Studenten, 79 weitere verletzt. Mehr als 500 Studenten gelang die Flucht. Ein fünfter Attentäter wurde angeblich verhaftet.

Vieles deutet darauf hin, dass die Islamisten ähnlich vorgingen wie bei dem Anschlag im September 2013. Damals hatte ein Terrorkommando der Al-Schabaab das Westgate-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi überfallen und vor allem Christen ermordet: Bei dem Geiseldrama, das sich wegen der Unfähigkeit der kenianischen Sicherheitskräfte vier Tage lang hinzog, wurden 71 Menschen getötet, darunter vier Milizionäre.

Unter Terrorexperten gilt das jüngste Massaker als Indiz dafür, dass Al-Schabaab nicht so geschwächt ist wie Berichte voreilig mutmaßten. Hier ist man überzeugt, dass der somalische Ableger von Al Kaida gerade wegen der längeren Anschlagspause auf sich aufmerksam machen wollte. Ansonsten bestünde die Gefahr, bei potenziellen Kämpfern aber auch Sponsoren des Terrors in Vergessenheit zu geraten. Erst vergangenes Wochenende hatte Al-Schabaab ein beliebtes Hotel in der somalischen Hauptstadt Mogadischu angegriffen. 15 Menschen kamen um, darunter der somalische Botschafter bei der Uno in Genf. Die USA rechnen mit weiteren Anschlägen in Ostafrika: So warnte die US-Botschaft in Uganda erst vor Tagen westliche Ausländer vor Al-Schabaab-Attentaten. Vor fünf Jahren waren bei einem Selbstmordanschlag der Gruppe in der ugandischen Hauptstadt Kampala 76 Menschen getötet worden.

Kenias Regierung hat bisher wenig Konkretes gegen den Terror unternommen. Sie hat versucht, die dramatische Entwicklung schönzureden. Selbst nach dem Anschlag in Nairobi, bei dem die Sicherheitskräfte kläglich versagten und sich an den Plünderungen von Geschäften beteiligten, wurden kaum Konsequenzen gezogen. Symptomatisch dafür ist, dass nur zwei Polizisten die Uni von Garissa in einem gefährdeten Gebiet bewachten.

Dabei nimmt Al-Schabaab immer öfter zivile Ziele wie Busse oder Marktplätze ins Visier. Mit ihren Angriffen entlang der Nordküste und auf die Ferieninsel Lamu haben die Terroristen einen der bedeutendsten Wirtschaftszweige des Landes getroffen Gegenwärtig liegt der Anteil des Tourismus am kenianischen Sozialprodukt bei 15 Prozent und ist nach Tee und Kaffee der wichtigste Devisenbringer

Die Terroristen rechtfertigen ihre Kampagne mit der Präsenz kenianischer Truppen in Südsomalia, Kenianische Soldaten waren 2011 nach Angriffe auf Touristenunterkünfte vorgedrungen, um die Terrormiliz zu zerschlagen. Noch ist dies nicht gelungen Allerdings können Kenia und die in Somalia stationierte afrikanische Friedenstruppe mit ihren 22 000 Soldaten durchaus Erfolge verbuchen. Es ist gelungen, die Islamisten aus Mogadischu in den Süden zurückzudrängen.

Skrupellos

Miliz Al-Shabaab verbreitet in Somalia und den Nachbarländern Angst und Schrecken. Seit Jahren kämpfen die Extremisten am Horn von Afrika für einen sogenannten Gottesstaat. Sie terrorisieren Christen und gemäßigte Muslime. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Islamisten von Boko Haram, die in Nigeria und den Nachbarstaaten Terror verbreiten.