Istanbul IS tötet acht Deutsche

Schock in Istanbul: Rettungskräfte bergen ein Opfer des Terroranschlags nahe der Hagia Sophia.
Schock in Istanbul: Rettungskräfte bergen ein Opfer des Terroranschlags nahe der Hagia Sophia. © Foto: dpa
DPA/HÖH 13.01.2016
Es ist eine Attacke auf das Herz des Tourismus in der Türkei: In der Nähe der weltbekannten Hagia Sophia reißt ein IS-Terrorist zehn Menschen in den Tod.

Ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im historischen Zentrum Istanbuls mindestens acht Deutsche mit sich in den Tod gerissen. 15 weitere Menschen, unter ihnen neun Deutsche, wurden zum Teil schwer verletzt. Der Angreifer sprengte sich nach türkischen Angaben mitten in einer deutschen Reisegruppe in die Luft. Der Attentäter habe der Terrormiliz angehört, sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in Ankara.

Die deutschen Touristen waren mit einem Berliner Reisebüro unterwegs. Nach Angaben des Unternehmens kamen sie aus dem ganzen Bundesgebiet. Die Gruppe war auf Drei-Länder-Reise von Istanbul über Dubai nach Abu Dhabi.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach von "Stunden der Trauer, der Wut und des Entsetzens". Zugleich versicherte er: "Wir dürfen und werden uns von Mord und Gewalt nicht einschüchtern lassen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte den Terror als "mörderischen Akt". "Die Terroristen sind Feinde aller freien Menschen, ja, sie sind Feinde aller Menschlichkeit", sagte sie. Am Abend informierte Merkel das Bundeskabinett in einer Sondersitzung über den Anschlag.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland forderte mehr Anstrengungen im Kampf gegen den Terror. "Die Weltgemeinschaft muss jetzt ernsthaft zusammenrücken, um der Terrorgefahr zu begegnen", sagte Gökay Sofuoglu.

Nach dem Anschlag verhängte die türkische Regierung eine Nachrichtensperre. Zur Begründung teilte die Medienaufsicht mit, ein solcher Schritt sei möglich, wenn er der "nationalen Sicherheit" diene.

Der IS hatte im vergangenen Jahr mehrere Anschläge in der Türkei verübt, sich dabei aber vornehmlich auf kurdische Ziele konzentriert. Touristen waren in der Türkei bisher kein Anschlagsziel des IS, anders als in Tunesien und Ägypten.

Das Auswärtige Amt bittet dringend darum, Menschenansammlungen in Istanbul zu meiden. Viele Reiseveranstalter bieten kostenlose Umbuchungen an.

Kommentar von Martin Gehlen: Maximaler Schrecken

Wie kein anderes Monument am Bosporus symbolisiert die Blaue Moschee die stolze Geschichte des Osmanischen Reiches. Ausgerechnet hier reißt ein Attentäter des "Islamischen Staates" zehn Touristen mit in den Tod, fast alle aus Deutschland. Das Attentat will maximalen Schrecken verbreiten - nicht nur in der Türkei, sondern auch in Europa. Denn je stärker der IS auf seinem Territorium in Syrien und Irak unter Druck gerät, desto mehr metastasieren seine Anhänger in die umliegenden Staaten und in die Nationen, die sich am Luftkrieg gegen ihn beteiligen.

Die Türkei fungierte lange als Hauptdurchgangsland der Terrormiliz. Seit Ankara auf internationalen Druck stärker gegen durchreisende Gotteskrieger vorgeht und seine Grenzen besser kontrolliert, gerät das Land selbst in den Fokus. Denn ohne die stillschweigende Duldung der türkischen Führung würde der Nachschub an Extremisten, Waffen und Geld für das Imperium des Abu Bakr Al-Baghdadi schnell versiegen.

Daher ist Ankaras neuer Kurs für dessen Zukunft viel bedrohlicher als alle alliierten Luftschläge zusammen. Kein Wunder, dass sich die Angriffe der Terrorfanatiker jetzt auch gegen ihren langjährigen klammheimlichen Sponsor richten. Das Attentat im Oktober auf einer Friedenskundgebung in Ankara war der blutige Auftakt. Zudem ist zu befürchten, dass dem Terrorakt neben der Blauen Moschee viele weitere folgen werden.

Tourismus: Was Urlauber wissen müssen

Wie ist die Sicherheitslage in der Türkei? Sie ist angespannt, immer wieder kommt es zu Gewalt. "Landesweit ist weiter mit politischen Spannungen sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen", schreibt das Auswärtige Amt. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat 2015 mehrere Anschläge in der Türkei verübt, bislang jedoch nicht gegen Touristen. Außerdem kommt es im Osten des Landes zu schweren Zusammenstößen zwischen den Sicherheitsbehörden und der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Wie sollten sich Urlauber jetzt verhalten? Reisende in der Türkei sollten sich grundsätzlich von Demonstrationen und Menschenansammlungen insbesondere in größeren Städten fernhalten. Auf belebten Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln halten sie sich am besten so kurz wie möglich auf, rät das Auswärtige Amt. In einem aktualisierten Reisehinweis für das Land wird jetzt Reisenden in Istanbul dringend geraten, Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden.

Kann ich eine Städtereise nach Istanbul jetzt kostenlos stornieren? Wahrscheinlich schon. Es bestehe nach derzeitiger Rechtsprechung ein Kündigungsrecht wegen Gefährdung durch höhere Gewalt, erklärt der Reiserechtler Prof. Ernst Führich aus Kempten. Urlauber dürfen ihre Istanbul-Reise also kostenlos umbuchen oder stornieren. Anders sieht es etwa für Badeurlaub in der südlichen Türkei aus. Solche Reisen könnten nicht einfach kostenlos storniert werden, sagt der Jurist.

Wie reagieren die Reiseveranstalter? Tui bietet für Istanbul-Reisen bis zum 18. Januar kostenlose Umbuchungen und Stornierungen an; Thomas Cook für Istanbul-Reisen mit Beginn bis einschließlich 22. Januar. Bei DER Touristik mit den Marken ITS, Jahn Reisen, Travelix, Dertour, Meier's Weltreisen und ADAC Reisen lassen sich Städtetrips nach Istanbul bis zum 10. Februar ohne Gebühren umbuchen oder kündigen. Der Studienreiseanbieter Studiosus bot seinen Kunden schon vor dem jüngsten Anschlag eine kostenlose Umbuchung von Türkei-Reisen bis vier Wochen vor der Abreise an.

Wie steht es um den Tourismus in der Türkei? Er leidet vor allem unter dem Ausbleiben der russischen Urlauber wegen der Sanktionen nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets. Die Russen waren die wichtigste Urlaubernation für die Türkei. Nun sind es die Deutschen.