IOC und Doping: Im Wohlfühlbecken

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VON THOMAS GRUBER 26.07.2016

Zunächst angetreten als Reformer, der „härteste Maßnahmen“ gegen die Doping-Sünder durchsetzen wollte, aber mittlerweile kuschelig breit eingetaucht im sanft sprudelnden Wohlfühlbecken der Mächtigen, lässt Thomas Bach aus dem Spa-Bereich der Top-Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) weltmännisch grüßen. Staatlich betreutes Massendoping in Russland? Ja, hat es gegeben, räumen alle ein. Konsequenzen? Nada statt Wada.

Intelligente Kampfführung auf der Planche – das war stets ein Markenzeichen des einstigen Fechters Thomas  Bach gewesen. Zu Zeiten, als er seinen sportlichen Höhepunkt, den Olympiasieg mit der Mannschaft 1976 im kanadischen Montréal, erreicht hatte. Die mit reichlich Fleiß antrainierten Eigenschaften übernahm der Tauberbischofsheimer nur fünf Jahre später auf die Bühne der Sportpolitik. Seitdem tüftelte er mit feiner Klinge an seiner Karriere nach der Karriere: Fintenreich, sensibel diplomatisch, egoistisch, wenn es sein musste, auch taktisch klug defensiv. So wie jetzt bei der Entscheidung, Russlands Athleten doch in Rio teilnehmen zu lassen. Der lange Atem über Jahrzehnte hinweg als Sport-Funktionär hat sich für ihn bezahlt gemacht. Bach mutierte vom reinen Fechter zum Verfechter des gesamten olympischen Sports und hatte vor drei Jahren die IOC-Herrschaft dank einer Ausdauer und Zielstrebigkeit übernommen, die nur wenigen eigen ist.

Als erster Deutscher war er in das Amt des Präsidenten des IOC gewählt worden. Es war eine logische Wahl:  Bach kannte die Seite des aktiven Sportlers, er wusste um jeden Zentimeter des sportpolitischen Terrains. Zudem hatte der 62-Jährige über mehr als drei Jahrzehnte der kontinuierlichen Arbeit hinter den Kulissen hinweg Kontakte geknüpft. Kaum ein Zweiter gilt auf der sportpolitischen Bühne als derart einflussreicher Strippenzieher wie er. Aalglatt schlängelte er sich um Problemzonen herum. So auch nun in der Entscheidung, russischen Sportler beim Sommer-Spektakel an der Copacabana einen Auftritt zu geben. Ein Komplett-Ausschluss der Athleten Russlands war schließlich nicht von irgendjemandem empfohlen worden, sondern von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die staatlich organisiertes Doping von Moskau aus belegt hatte. Ob politischer Druck oder kommerzielles Interesse den Ausschlag gegeben haben, die Russen nun doch teilnehmen zu lassen, ist nur auf den ersten Blick zweitrangig. Bei den Winterspielen im russischen Sotschi 2014 war auffällig, wie sich Bach ungeniert in die persönliche Nähe des Präsidenten Wladimir Putin drängte. Vom Tauberbischofsheimer hatte die Mehrheit der Sportler schon damals eine deutlichere Positionierung in vielen Bereichen erwartet. Stattdessen gab’s leichtgewichtiges, IOC-linienförmiges Dahingleiten. Wie auch jetzt wieder, wenn er sämtliche Entscheidungen wachsweich an die Verbände weiter delegiert – wobei man hier schon die Frage stellen muss, wie fair das sein soll!

Bach kämpfte als Fechter stets hinter einer  Maske. Das war er gewohnt. Und diese hat er als Sportpolitiker nie abgesetzt. Nun hätte er einem fairen Sport Gesicht geben können, sein Gesicht. Welch verpasste Chance! Vor einem Jahr hatte er im Zuge der Doping-Anschuldigungen gegen die internationale Leichtathletik angekündigt: „Sollten davon auch Fälle bei den Olympischen Spielen betroffen sein, wird das IOC mit null Toleranz reagieren“, so Bach zum Abschluss der IOC-Session in Kuala Lumpur. Das Motto heute: Schaue lieber selbstgefällig in einen verschmutzten Medaillen- als in den Rück-Spiegel.

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