Welt-Aids-Tag Interview: UN-Ziele bei HIV nicht erreicht

Berlin / Thomas Block 28.07.2018

Hendrick Streeck ist Gründer und Direktor des Instituts für HIV-Forschung in Essen. Er hält HIV für gut behandelbar, doch ein Sieg über die Krankheit ist nicht in Sicht.

Herr Professor Streeck, Sie waren auf der Welt-Aids-Konferenz. Was haben Sie da mitgenommen?

Hendrik Streeck: Inhaltlich habe ich zwei Sachen mitgenommen: Zum einen, dass die HIV-Prophylaxe Prep tatsächlich in der Gesellschaft angekommen ist und in naher Zukunft wohl zur Eindämmung von HIV beitragen wird. Schon heute werden damit in vielen Ländern gute Ergebnisse erzielt. Und zum anderen habe ich mitgenommen, dass es auf der Suche nach einer Heilung eher Rückschritte als Fortschritte gibt.

Können Sie erklären, was Prep ist?

Die sogenannte Präexpositionsprophylaxe ist eine Pille, die vor dem Sex oder kontinuierlich eingenommen wird und sehr gut vor einer HIV-Infektion schützt. Sie verhindert, kurz gesagt, dass sich jemand mit HIV ansteckt, schützt aber natürlich nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten.

Gesundheitsminister Spahn will, dass Prep Kassenleistung wird.

Eine sehr gute Idee. Es ist vor allem sehr begrüßenswert, wie schnell die Regierung da reagiert hat. Prep ist erst vor relativ kurzer Zeit in der Forschung entwickelt worden und hat sich als sehr effektiv erwiesen. Deutschland hat hier eine Vorreiterrolle in der Prävention eingenommen.

Wieso gibt es noch Länder mit einer hohen Neuansteckungsrate?

Der beste Schutz vor HIV ist eine vernünftige Therapie von Menschen, die mit HIV infiziert sind. Mit den richtigen Medikamenten kann die Viruslast im Blut so stark verringert werden, dass auch eine HIV-positive Person nicht mehr ansteckend ist. Doch leider gibt es  auf der Welt viel zu viele Menschen, die gar nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Die können andere auch nicht vor einer Ansteckung schützen.

Warum ist das so?

Viele Menschen lassen sich einfach nicht testen. Vor allem in osteuropäischen Ländern ist HIV noch immer mit einem gewissen Stigma behaftet. Und in anderen Ländern ist es noch immer schwer, an Therapien ranzukommen. Da sind wir in der westlichen Welt natürlich sehr privilegiert. Es müssten weltweit mehr Menschen diagnostiziert und behandelt werden. Und es müssten mehr Menschen Zugang zu Verhütungsmitteln haben. Das schließt auch Prep ein. Das kostet schon in Deutschland derzeit etwas mehr als 50 Euro pro Monat. Hinzukommen die Untersuchungskosten. Viele Menschen in anderen Ländern können sich das nicht leisten.

Wie ist denn der aktuelle Stand im Kampf gegen Aids?

In den vergangenen zehn Jahren hat es einen dauerhaften Rückgang der HIV-Neuinfektionen gegeben. Wir kommen allerdings nicht so schnell voran, wie es manche erhofft hatten. Das UN-Programm UNAids hatte vorgesehen, dass im Jahr 2020 90 Prozent der HIV-Infizierten von ihrer Infektion wissen, 90 Prozent der Diagnostizierten behandelt werden und 90 Prozent der Behandelten eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben. Dieses Ziel wird wohl nicht erreicht.

Und wie ist der Stand in Deutschland?

Wir haben hierzulande eine konstante Zahl an Neuinfektionen, die liegt bei etwa 3400 pro Jahr. In einzelnen Risikogruppen sehen wir sogar einen leichten Abfall – etwa in der Gruppe der homosexuellen Männer.

Was bedeutet es heute, HIV-positiv zu sein?

Die Lebenserwartung eines HIV-Positiven, der in guter Behandlung ist, ist fast identisch mit der eines HIV-Negativen. Die einzige Einschränkung, die ein HIV-Patient derzeit hat, ist, dass er jeden Tag ein Medikament einnehmen muss. HIV ist heute eine chronische Erkrankung, mit der man sehr gut leben kann, ein bisschen wie Diabetes.

Werden Sie es erleben, dass HIV besiegt ist?

Ich glaube nicht, dass HIV noch zu meinen Lebzeiten geheilt werden kann. Für eine vollständige Heilung müsste der Virus aus jeder Zelle des Körpers vertrieben werden. Das sehe ich nicht kommen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir in absehbarer Zukunft einen Impfstoff haben werden, der vor Neuansteckungen schützt. Und dass auch wegen eines solchen Impfstoffes HIV weltweit zu einem kleineren Problem wird. Das werde ich hoffentlich noch erleben.

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