Interview Interview: Präsident Trump ist „Gift für die Außenpolitik“

Sylke Tempel, Politikwissenschaftlerin: Donald Trump ist „Gift für die Außenpolitik“
Sylke Tempel, Politikwissenschaftlerin: Donald Trump ist „Gift für die Außenpolitik“ © Foto: Karlheinz Schindler (dpa)
Berlin / dpa 09.11.2016
In Europa sind die Sorgen vor dem neuen US-Präsidenten Donald Trump groß. Was hat Deutschland zu erwarten? Die Expertin Sylke Tempel sieht schwarz.

Jetzt also doch: Donald Trump wird neuer Präsident der USA. Welche Auswirkungen hat das auf die amerikanische Außenpolitik insgesamt und die Beziehungen zu Deutschland im Besonderen? Die Deutsche Presse-Agentur befragte dazu die USA-Expertin Sylke Tempel von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

dpa: Die USA haben tatsächlich Donald Trump gewählt. Wird in der amerikanischen Außenpolitik nun alles anders?

Tempel: „Ja. Und zwar sehr viel mehr, als wir uns heute vorstellen können. Mit Trump wurde ein Mann in das wichtigste Amt der Welt gewählt, der sich nicht beherrschen kann, keine politische Erfahrung besitzt, Kritik als Angriff auf seine Person empfindet und ganz offensichtlich rachsüchtig ist. Das alles ist Gift für eine gedeihliche Außenpolitik.“

Für viele in Europa ist das Wahlergebnis ein Alptraum. Worauf müssen sich Deutschland und die anderen Europäer einstellen?

„Auf einen isolationistischen Präsidenten und eine USA, die noch sehr, sehr viel weniger als Barack Obama Verantwortung für globale Angelegenheiten übernimmt. Im schlimmsten Fall wird die US-Außenpolitik erratisch und destruktiv. Im besten Fall stören die USA wenigstens nicht sonderlich, müssen die Europäer aber noch sehr viel stärker als je zuvor Verantwortung übernehmen: politisch, wirtschaftlich, kulturell und auch in der Verteidigung.“

Manche erinnern jetzt an die Wahl von Ronald Reagan - ein Schauspieler, der zu Beginn in Europa ebenfalls sehr unbeliebt war, aber dann doch zu einem bedeutenden Präsidenten wurde. Warum kann das jetzt nicht auch passieren?

„Ronald Reagan war zuvor Gouverneur einer der wichtigsten US-Bundesstaaten, nämlich Kaliforniens. Er verfügte auch über ein Programm, das vielleicht viele zunächst ablehnten, das aber in sich schlüssig war. Und er hat nie die Grundlage der Demokratie in Frage gestellt. Trump hat bereits im Wahlkampf die Grundlagen der Verfassung in Zweifel gezogen. Er hört notorisch nicht auf Berater, liest keine Briefings, ist erratisch. Er hat höchstens das Zeug, zum unverantwortlichsten Präsidenten der USA zu werden.“

Trump ist in vielem ein krasser Gegen-Entwurf zu Angela Merkel. Können die beiden überhaupt miteinander auskommen?

„Als Kanzlerin muss sie sich zumindest bemühen. Und wird es wohl auch. Es gibt ja nun zahlreiche schwierige Politiker - siehe Wladimir Putin, siehe Recep Tayyip Erdogan - mit denen sie auskommen muss. Die spannende Frage aber ist: Wird man auch gemeinsamen Grund finden?“

Zur Person

Die Politologin Sylke Tempel (53) gehört zu den renommiertesten USA-Experten in Deutschland. Sie arbeitet bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), einer der wichtigsten Denkfabriken in Sachen Außenpolitik. Zudem ist die ehemalige Nahost-Korrespondentin Chefredakteurin der Zeitschrift „Internationale Politik“.