Wittenberg Interview: Ein Ethiker erklärt Gefahren des Datenmissbrauchs

Martin von Broock ist Vorstand des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik.
Martin von Broock ist Vorstand des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik. © Foto: WZGE
Wittenberg / Igor Steinle 12.12.2017
Datenmissbrauch kann eine freiheitliche Gesellschaft untergraben, sagt der Wirtschaftsethiker Martin von Broock vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik.

Datenmissbrauch kann eine freiheitliche Gesellschaft untergraben, sagt Martin von Broock vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik. Der Wirtschaftsethiker befasst sich mit der Moral der Marktwirtschaft.

Herr von Broock, auch vor US- Gerichten hängt das Strafmaß Beschuldigter inzwischen von Datenanalysen über die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ab. Ist das moralisch vertretbar?

Martin von Broock: Das halte ich für ethisch bedenklich. Bei der Bestrafung muss der Grundsatz der Fairness und der Faktenlage gelten sowie die Unschuldsvermutung bis zum Nachweis der Schuld. Aber in den USA wird in vielen Fällen eine vorausschauende Einschätzung nur auf Grundlage von Datenzusammenhängen gegeben. Und wir wissen nicht, ob diese Zusammenhänge letztlich gültig sind.

Lügen die Daten?

Daten allein sind nie objektiv. Sie geben nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. Erst wenn man sie in einen Zusammenhang setzt, kann man mit ihnen vernünftig arbeiten.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ja, ein Kreditkonzern stuft Ihre Vertrauenswürdigkeit danach ein, ob Sie in der Vergangenheit Zahlungen zu einem bestimmten Zeitpunkt geleistet haben. Das sagt nur etwas darüber aus, ob Sie zu diesem Zeitpunkt gezahlt haben, aber nichts über Ihre Vertrauenswürdigkeit. Wer schon mal Probleme etwa mit einem Telekommunikationsanbieter hatte, weiß, wie schnell man eine ungerechtfertigte Mahnung bekommen kann, bei der der Fehler auf der anderen Seite liegt. Stellen Sie sich vor, Sie werden aufgrund eines solchen Fehlers für etwas vorauseilend bestraft, obwohl die Grundlage dafür falsch ist.

Beunruhigen Sie datensammelnde Konzerne mehr als der Überwachungsstaat?

Das ist keine Frage des Entweder-Oders, ich habe eher Bedenken, dass grundsätzlich Daten missbraucht werden und dass das, was wir uns in vielen Jahren erarbeitet haben, nämlich eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft, untergraben wird. Wer das macht, ob das der Staat ist, ob das Unternehmen oder kriminelle Organisationen sind, spielt keine Rolle.

Was ist Ihnen dabei wichtig?

Es geht darum, dass man dem grundsätzlich einen Riegel vorschiebt, auch mit Kontrollmechanismen des Staates. Ich sorge mich schon, dass wir in ein System hineingeraten, das den gesunden Menschenverstand ein Stück weit ausschaltet und eine gefühlte Objektivität herstellt, auf die sich dann alle berufen können und gegen die Sie als Einzelner kaum noch Einspruch einlegen können.

Was kann ein Einzelner tun?

Wir müssen uns fragen, wie viele unserer Transaktionen wir über ein- und denselben Anbieter abwickeln. Wir müssen genau überlegen, welche Angebote wir in Anspruch nehmen und ob wir nicht auch ein Stück weit selbst dazu beitragen, dass der Wettbewerb, und den halte ich nach wie vor für das beste Entmachtungs-Instrument, am Leben bleibt.

Halten Sie Szenarien wie aus den USA in Deutschland für grundsätzlich möglich?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit unserem Grundgesetz vereinbar ist. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir mit unseren gesellschaftlichen Kräften hier solche Entscheidungen zulassen werden. Aber wir haben ja in der Vergangenheit gesehen, dass es überraschende Entwicklungen gibt. Insofern würde ich da keine Garantie abgeben.

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