Interview Interview mit dem Opferbeauftragten Kurt Beck: „Schneller informieren“

Kurt Beck.
Kurt Beck. © Foto: Maria Neuendorff
Maria Neuendorff 02.12.2017
Nach Anschlägen muss die Betroffenen schneller betreut und informiert werden. Das fordert der Opferbeauftragte Kurt Beck.

Der ehemalige SPD­-Chef Kurt Beck kümmert sich als Opferbeauftragter um Betroffene und Hinterbliebene des Anschlags auf dem Berliner  Weihnachtsmarkt.

Herr Beck, immer wieder werden neue Pannen im Fall des Attentäters Anis Amri bekannt. Wie reagieren die Betroffenen darauf?

Kurt Beck: Jede Nachricht reißt die Wunden neu auf. Die unglaublichen Versäumnisse, die da zu Tage kommen, sind für die, die einen Menschen verloren haben oder eine lebenslange Behinderung davontragen, ein Schlag ins Gesicht.

Was ist die größte Kritik der Angehörigen?

Viele fühlten sich in den ersten Tagen alleine gelassen. Ich habe einen Mann kennengelernt, der ist auf der Suche nach seiner Frau die ganze Nacht von Klinik zu Klinik gelaufen. Andere wurden über den Tod ihrer Angehörigen drei Tage lang im Unklaren gelassen. Wir sind da gerade in intensiven Gesprächen mit den Behörden, wie die Identifizierung schneller gehen könnte. Insgesamt muss die Erstinformation in solchen Fällen unbedingt verbessert werden.

Aus diesem Grund fordern  Sie eine dauerhafte Stelle für Anschlagsopfer. Wie genau soll die arbeiten?

Dort müssen Experten aus verschiedenen Fachstellen vernetzt werden, die von der ersten Sekunde an ansprechbar sind. Sie müssen eine Liste mit Namen von allen Betroffenen erhalten, damit sie diese kontaktieren können. Man kann nicht erwarten, dass jemand, der unter Schock steht, im Internet nach Hilfsangeboten sucht. Erst vor Kurzem hat sich eine Frau bei mir gemeldet, die nach dem Anschlag in den Zug nach München gestiegen ist und erst jetzt ihrem Therapeuten gesagt hat, dass sie mit dem Trauma nicht fertig wird.

Wie geht es denen, die schwer verletzt überlebt haben?

Es ist keiner mehr akut im Krankenhaus, aber viele weiter in Behandlungen. Manche haben bis heute mit starken Schmerzen zu kämpfen, andere sitzen im Rollstuhl. Es gibt einen jungen Mann, der einfach nur helfen wollte und nun aufgrund einer Kopfverletzung komplett gelähmt ist. Dazu kommen die seelischen Leiden. Viele sind in langwierigen Trauma-Behandlungen.

Sie fordern die Erhöhung der  Soforthilfe von 10 000 Euro.

Geld kann niemals den Verlust eines Menschen ersetzen. Aber wenn jemand völlig aus der Bahn geworfen wird und zum Beispiel erst einmal sein Geschäft schließen muss, kann man ihm damit wenigstens ein Stück Sorge nehmen.

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