Als ehemaliger Poker-Weltmeister weiß Stephan Kalhamer, worauf es bei Verhandlungen ankommt. Heute berät er Vertreter aus Wirtschaft und Spitzensport.

Als Coach arbeiten Sie mit Ihrer Erfahrung beim Pokern und übertragen sie auf andere Bereiche.

Stephan Kalhamer: Der Begriff des Politpokers ist nicht durch Zufall entstanden. Da gibt es Parallelen. Wie in der Politik ist das Wichtigste beim Poker das Gegenüber. Die Menschen und ihre Interaktionen stehen im Vordergrund. Gesprochen wird in der Sprache der Jetons. Wer einen bestimmten Betrag setzt, macht eine Offerte. Die kann einladend oder bedrohend sein, aktiv oder passiv. So entsteht ein Markt der Behauptungen. Einige Ideen werden gekauft, andere nicht. Das ist eine typische Verhandlungssituation.

Die Obergrenze für Flüchtlinge könnte so eine Offerte sein.

Ja, Horst Seehofer braucht seine Obergrenze, um sich zu Hause noch blicken lassen zu können. Und seine Verhandlungspartner wissen das. Sie müssen einen eleganten Weg finden, ihm das maximal teuer zu verkaufen.

Seehofer ist also im Nachteil?

Das ist ja nicht nur jetzt der Fall, sondern fast schon ein traditionelles Muster. Aus pokertechnischer Sicht ist das immer dieselbe Leier.

Wer macht es denn besser?

Angela Merkel. Bei ihr habe ich immer das Gefühl, dass sie mit jeder Situation umgehen kann und auf alles vorbereitet ist. Sie lotet sehr gut aus, was sie wann sagt, und hat dabei schon im Kopf, dass es später auf sie zurückfallen könnte, wenn sie etwas nicht clever formuliert. Mir gefällt das: Ich bin Mathematiker, sie ist Physikerin. Wir denken artverwandt.

Gibt es in den Sondierungen jemanden auf Augenhöhe mit Merkel?

Auf Merkels Level ist da keiner. Wen ich von der Außenwirkung aber sehr gut finde, ist Cem Özdemir. Der ist sehr charismatisch und gewinnend, er funktioniert als Person. Der kommt noch am ehesten an Merkel ran, weil er gekonnt manipulieren kann. Das hört sich sehr negativ an. Für eine Privatperson ist das ja nichts anderes als Lügen. Aber ich meine das als Kompliment. Aus professioneller Sicht sehe ich diese positiven Attribute bei Merkel und Özdemir.

Merkel hat große Mühe mit dem Pokerface.

Angela Merkel bringt ihr Gesicht sehr ausdrucksstark zur Geltung. Wenn sie Karten spielen würde, dann würde sie sich wohl sichtbar freuen, wenn sie ein gutes Blatt hat.

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