Interview Polizeiliche Vorhersagemethoden: Expertin skeptisch

 Lorena Jaume-Palasí forscht zur Ethik der Digitalisierung.
Lorena Jaume-Palasí forscht zur Ethik der Digitalisierung. © Foto: privat
Berlin / Dorothee Torebko 07.09.2018
Expertin Lorena Jaume-Palasí sieht den Einsatz von Predictive Policing in der Polizeiarbeit kritisch.

Lorena Jaume-Palasí ist Mitgründerin der Organisation Algorithm-Watch und forscht zur Ethik der Digitalisierung. Dorothee Torebko sprach mit ihr über die Gefahren des Vorhersageinstruments Predictive Policing und die Zukunft der Polizeiarbeit.

Ist Predictive Policing das Wundermittel der Polizei?

Lorena Jaume-Palasía: Nein, denn die Technik allein reicht nicht. In Deutschland werden geografische Daten erhoben. Wann wurde eingebrochen, zu welchem Zeitpunkt? Diese Daten werden in Relation mit anderen gesetzt – am Ende ergibt das ein Muster. Das muss aber interpretiert werden durch einen Menschen. Deshalb ist das System allein kein Wundermittel.

Welche Gefahren sehen Sie?

Die Systeme können Auswirkungen auf das soziale Gefüge in einer Stadt haben. Etwa wenn die Polizei in bestimmten Bezirken häufig Streife fährt. Das kann dazu führen, dass sich Menschen nicht mehr sicher fühlen. Denn die Streife signalisiert ihnen, dass ihr Bezirk eine Problem-Gegend ist.

Was passiert, wenn Bezirke unter Generalverdacht gestellt werden?

Je öfter die Polizei kontrolliert, desto mehr Straftaten fallen ihr auf. Das wiederum verzerrt die Datensätze. Im schlimmsten Fall kann das bewirken, dass reichere Menschen den Bezirk verlassen und die Mieten fallen. Indem man statistisch Vorurteile verankert, befördert man die Gentrifizierung und gefährdet den inneren Zusammenhalt eines Staates.

Menschen müssen immer prüfen, ob Maschinen richtig liegen

In den USA, wo personenbezogene Daten ermittelt werden, reichen Mordfälle im Bekanntenkreis aus, um ins Visier der Algorithmen zu geraten. Man gilt dann als potenzieller Mörder. Könnte es soweit auch in Deutschland kommen?

Ich kann es mir nicht vorstellen, weil es in Deutschland weniger Akzeptanz für diese Ermittlung von Daten gibt. Allerdings kann sich das schnell ändern – durch ein unvorhergesehenes Ereignis wie einen Terroranschlag. Der 11. September hat dazu geführt, dass einige Maßnahmen in den USA eingeführt wurden, die 17 Jahre später hinterfragt werden.

Wie sieht für Sie denn die Zukunft der Polizeiarbeit aus? Wird die Maschine bald den Menschen komplett ersetzen?

Wir sind gerade in einem Prozess, in dem immer mehr automatisiert geschieht. Allerdings gibt es niemals eine Vollautomatisierung. Maschinen sind in einigen Prozessen besser, allerdings ist am Ende immer der Mensch beteiligt. Er muss prüfen, ob das stimmt, was die Maschine errechnet hat.

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