Hunderte radikale deutsche Muslime sollen in Syrien oder dem Irak kämpfen. Haben die islamischen Verbände Zugang zu ihnen?
AIMAN MAZYEK: Diese jungen Leute verkehren kaum in den Gemeinschaften. Ohnehin gilt für sie, dass in den Moscheen ein weichgespülter Glaube gelehrt wird. Nach unserer Beobachtung kommen diese Jugendlichen nicht aus intakten, schon gar nicht aus religiösen Elternhäusern. Nicht nur die Verbände sind da gefragt, sondern auch Jugendämter, Psychologen und vor allem die Politik, damit man in Zukunft mit adäquaten Programmen einen Teil jener erreicht, die auf der Kippe stehen. Die Verbände haben oft Angst, dass ihr Ruf leidet und spielen ihre Möglichkeiten nicht aus, auch weil sie die Gesellschaft bisher alleine lässt.

Heißt das, die islamischen Verbände schauen ohnmächtig zu, wie ihre Religion von Gewalttätern instrumentalisiert wird?
MAZYEK: Zunächst, die absolute Mehrheit der Muslime ist friedliebend und deshalb leidet man dadurch umso mehr. In allen Kriegen gab und gibt es übrigens eine Unkultur der Söldner. Die haben wir wieder. Diese Kämpfer geben sich diesmal pseudoreligiös, sind im Kern aber verroht, mordlustig und machtbesessen. Ganz im Zeitgeist agieren sie im Namen des Dschihad, der obendrein noch sinnentstellt wird, denn eigentlich bedeutet er: sich anstrengen auf dem Weg Gottes - und nicht morden.

Müssten dann nicht gerade die Verbände mit fundierten Religionskenntnissen den Hasspredigern vehementer widersprechen?
MAZYEK: Das tun Sie doch längst. Aber das Aufzeigen eines theologischen Widerspruchs zwingt Radikale nicht zur Umkehr. Dafür braucht es mehr, zum Beispiel die Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft, die Verbände nicht alleine zu lassen. Man darf auch nicht vergessen, die Terrormiliz "Islamischer Staat" wächst auf der Vertreibungs- und Gewalterfahrung vieler Menschen in Syrien und im Irak. Denken Sie nur an den Giftgasangriff durch Baschar al-Assad, der nicht geahndet wurde. Diese Ohnmacht befördert Gewalt.

Was macht Jugendliche hierzulande anfällig für Extremisten?
MAZYEK: Bildungsdefizite, keine Religions- und Werteerziehung, aufgestaute Wut und eine unkritische Unbekümmertheit gegenüber Gewalt und militärischen Vorgängen. Ich bedauere in diesem Zusammenhang sehr, dass Frau Käßmann beinahe schon geschmäht wird, weil sie sagte, Frieden lasse sich nicht mit Waffen schaffen.

Wie erklären Sie sich die Attraktivität gerade der rigiden, salafistischen Koranauslegung?
MAZYEK: In diesen Gruppen muss man kaum nachdenken. Da sagt ein Anführer, wo es lang geht. Er hat einfache Antworten für schwierige Fragen. Korpsgeist und Frustration sind gefährlich - nicht nur in Bezug auf Religion, sondern für jede Ideologie und Weltanschauung.

Steckt hinter der Radikalisierung der Wunsch nach Abgrenzung vom Elternhaus und einer Gesellschaft, in der man nicht heimisch ist?
MAZYEK: Auf jeden Fall eine große Unsicherheit. Der Fundamentalismus ist ein Ausdruck von mangelndem Selbstbewusstsein. Diese Leute möchten schnell zum Ziel kommen. Sie sind Brandbeschleuniger, weil sie sich nicht trauen, den eigentlichen Dschihad zu gehen; sich anzustrengen auf dem Weg Gottes - und jeden Tag gegen den inneren Schweinehund zu kämpfen, zum Wohl der Familie und zum Wohl des Landes. Dafür haben sie nicht die Kraft.

Wie kann dann Prävention funktionieren?
MAZYEK: Die beste Prävention ist ein stabiles Elternhaus und umfassende Islambildung. Aber wir müssen auch unsere Vermittler darin schulen, wie sie mit den Überwältigungsmethoden umgehen, die radikalisierte Jugendliche in die Gemeinden einbringen. Die Bundeszentrale für politische Bildung schult zur Vorbeugung gegen Rechtsradikalismus. So müsste es auch in Bezug auf den Neo-Salafismus gehen. Da brauchen wir Hilfe. Wir müssen auch Strategien üben, wie man den sogenannten Islamismus mit dem Islam bekämpft.

Ist es nur eine Frage des Wissens oder fehlen Verbänden auch Kenntnisse, wie junge Menschen angesprochen werden können?
MAZYEK: Die Gemeinden müssen stärker neue Medien nutzen. Hinzu kommt, die deutsche Ansprache ist immer noch in vielen Gemeinden stark verbesserungswürdig. Aber wie eine gute Prävention kostet das auch Geld. Das haben die allermeisten Gemeinden nicht und der Staat hält sich da leider noch zurück.

In der politischen Debatte geistert die Vorstellung, dass Syrienrückkehrer wieder eingegliedert werden müssten. Haben Sie eine Vorstellung, wie das gehen könnte?
MAZYEK: Eine bisher sehr ungenaue. Und die Antwort ist ernüchternd. Mein erster Gedanke bei dieser Frage ist nämlich: Wie kann ich die Gemeinden vor diesen Rückkehrern schützen? Dabei müssten wir - und damit meine ich islamische Gemeinden, Kommunen und Politik - uns Gedanken machen über Konzepte zur Wiedereingliederung. Weil wir Muslimverbände aber unter so großem öffentlichen Druck stehen, denke ich zuerst an den Schutz unserer Gemeinden. Damit greift das Ganze aber zu kurz.

Mancher islamische Fanatiker landet auch im Gefängnis. Sieht es da besser aus?
MAZYEK: Ja, da haben wir einige Programme und ausgebildete Ansprechpartner, die auch mit Hartgesottenen besser umgehen können. Es gibt auch eine muslimische Gefängnisseelsorge. Doch auch die ist noch ausbaubar.

Zur Person vom 26. August 2014

Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD). In dem Verband haben sich rund 300 Moscheegemeinden zusammengeschlossen. Rund 2000 gibt es insgesamt in Deutschland. Doch bei weitem nicht jeder der fünf Millionen Muslime hierzulande ist in einer Gemeinde organisiert. eb