Ulm Interview mit Thomas Mücke, Chef von VPN, zu Motiven der Dhihadisten

Ulm / ANTJE BERG 29.03.2016
Salafisten gehen auf junge Leute zu, die sich leicht manipulieren lassen. Oft sind sie in einer instabilen Phase, sagt Thomas Mücke, Chef von Violence Prevention Network, einem Verein, der den Eltern beisteht.

Herr Mücke, wer wendet sich an Sie?
THOMAS MÜCKE: In erster Linie besorgte Eltern, die hilflos und verzweifelt sind. Meist weil sie beobachten, dass sich ihr Kind verändert. Oder sie spüren, dass sie es nicht mehr erreichen. Manchmal haben sie auch entdeckt, dass sich ihr Sohn oder ihre Tochter bereits der Salafisten-Szene angeschlossen hat. Nicht selten fürchten sie, dass ihr Kind Deutschland verlassen will, um sich extremistisch motivierten Gewalttätern etwa in Syrien anzuschließen.

Wie viele Eltern betreuen Sie?
MÜCKE: Zur Zeit 160 Familien bundesweit, in Baden-Württemberg sind es 26. Hier im Land wird gerade eine Beratungsstelle eingerichtet. Erfahrungsgemäß vervielfacht sich dann die Zahl der Hilfesuchenden.

Wodurch fallen die jungen Leute auf?
MÜCKE: Gestern riefen mich Eltern an, deren Sohn immer wieder sagt: „Wenn ich nicht regelmäßig beten gehe, werde ich Schreckliches im Jenseits erleben – und deshalb muss ich jetzt unbedingt in die Moschee.“ Er lässt dann alles stehen und liegen. Andere brechen alle bisherigen sozialen Kontakte ab. Oder sie versuchen, in ihrer Familie zu missionieren, werfen ihren Eltern vor, keine richtigen Moslems zu sein. Manche behaupten auch, Moslems würden weltweit unterdrückt und dagegen müsse man etwas tun.

Wer ist besonders anfällig?
MÜCKE: Die Salafisten-Szene spricht religiöse Analphabeten an. So kann sie vermeintlich religiöse Berufung missbrauchen, um politischen Terror zu rechtfertigen. Das Erschreckende ist, dass das sehr viele Minderjährige anzieht, die größte Altersgruppe sind 22- bis 25-Jährige. Junge Männer überwiegen, etwa 20 Prozent sind Frauen.

Welche Rolle spielt die Bildung?
MÜCKE: Die Bildung ist unterschiedlich, die meisten haben einen Migrationshintergrund. Sie sind in einer instabilen Phase auf Identitätssuche und leicht zu manipulieren – das kann der Sohn eines Arbeitslosen sein, ebenso die Tochter einer Ärztin. Viele haben Schlechtes erlebt, fühlen sich ungerecht behandelt, suchen ein Ventil für Frustration. Dort, wo Väter fehlen, gibt es die Sehnsucht nach einem Ersatz, wo Streit herrscht, den Wunsch nach Harmonie, wo man sich ungerecht behandelt fühlt, das Verlangen nach Anerkennung.

Wie gehen die Salafisten vor?
MÜCKE: Meistens werden die jungen Leute von Gleichaltrigen angesprochen, die sie einladen doch einmal mitzukommen zu ihren religiösen Brüdern. Von ihnen werden sie dann warmherzig empfangen. Man bietet ein Gemeinschaftsgefühl, Geborgenheit, Orientierung und Halt. Erst später folgt der Zwang zur bedingungslosen Unterwerfung.

Wie helfen Sie besorgten Eltern?
MÜCKE: Wir versuchen, sie zu stärken und zu erklären, dass sie Eskalation vermeiden sollten, um die Ausreise des Kindes zu verhindern. Das Wichtigste ist, ihm das Gefühl zu geben: „Meine Eltern verstoßen mich nicht, sie lieben mich und würden leiden, wenn ich verschwinde.“ Danach beginnt unsere Arbeit mit dem Sohn oder der Tochter. Es geht darum, sich ihren Sorgen und Nöten zuzuwenden, Identität und Selbstbewusstsein zu stärken. In vielen Fällen öffnen sich die jungen Leute, wenn sie spüren, dass man sie ernst nimmt und ihnen hilft, ihre Zukunft zu gestalten.

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