Berlin Interview mit Manfred Paulus: "Wir sind der Puff Europas"

Kenner der »Rotlichtszene«: Manfred Paulus.
Kenner der »Rotlichtszene«: Manfred Paulus. © Foto: Volkmar Könneke
Berlin / HANS-ULI MAYER 05.09.2014
Die Bundesregierung berät derzeit über eine Novellierung des Prostitutionsgesetzes von 2002. Manfred Paulus ist als Kriminalbeamter a. D. ein anerkannter Experte. Er hat große Bedenken.
Herr Paulus, Sie haben grundsätzliche Kritik an dem seit 2002 geltenden Prostitutionsgesetz. Welche?
MANFRED PAULUS: Das Gesetz umfasst zwar nur drei Paragrafen, aber in denen hat man die Realität völlig verkannt. Die Prostitution wird in dem Gesetz mit jedem anderen Gewerbe gleichgestellt, obwohl es das niemals sein kann. Es handelt sich um eine Subkultur mit eigenen Wertvorstellungen, Gesetzen, Richtern und wenn erforderlich auch mit eigenen Henkern. Die kümmern sich nicht darum, ob die Frauen krankenversichert sind.
 
Sie sagen, das Gesetz habe Deutschland zum Puff Europas gemacht.
PAULUS: Wir sind wahrscheinlich das einzige Land auf der Welt, das den Zuhältern ein ausdrückliches Weisungsrecht gegenüber Prostituierten einräumt. Das steht so im Paragraf drei des Gesetzes. Vieles, was bisher Zuhälterei war, wird dadurch ausdrücklich erlaubt. Der Zuhälter darf die Frauen beispielsweise anweisen, sich im Bordell nackt zu bewegen, oder kein Handy zu benutzen. Alles Dinge, die es der Polizei früher ermöglicht haben, wegen Zuhälterei zu ermitteln. Solche und andere Rechte ziehen Täter und Tätergruppen aus aller Welt an.
 
Gut gedacht, schlecht gemacht? Die Absicht war ja, Frauen zu helfen.
PAULUS: Geholfen hat es nicht den Opfern, sondern den Tätern. Die Prostitution ist ein Gewerbe, das seine Besonderheiten hat. Das Milieu wird immer noch verkannt, das ist der Grundfehler bei der Debatte. Natürlich gab es vor dem Gesetz auch schon Prostitution – aber nicht mit so vielen Freiheiten wie seither. Beispielsweise ist der Straftatbestand Förderung der Prostitution weggefallen. Oder das Geschlechtskrankheitengesetz, das es der Polizei immer wieder ermöglicht hat, Kontrollen durchzuführen. Und Kontrollen sind zumeist die einzige Möglichkeit.
 
In Ihrem neuen Buch thematisieren Sie vor allem den Menschenhandel als Organisierte Kriminalität.
PAULUS: Prostitution und Menschenhandel trennen zu wollen, wie derzeit von der Bundesregierung beabsichtigt, lässt Schlimmstes befürchten. Das geht nicht. Die einzige Folge wäre, dass sich die Herrscher im Milieu als Saubermänner präsentieren und lästige Konkurrenz loszuwerden versuchen, in dem sie diese als die Bösen diffamieren. Wir müssen an die Kriminalität heran. Den deutschen Zuhälter mit Goldkettchen und dicker Rolex gibt es kaum mehr. Die Szene wird beherrscht von Banden aus Albanien, der Ukraine, Russland und der Türkei. Das ist Organisierte Kriminalität, deren Bedeutung unterschätzt wird.
 
Organisiert klingt nicht nach Freiwilligkeit. Woher kommen die Frauen?
PAULUS: Eine Weißrussin aus dem Tschernobyl-Gebiet oder eine Roma-Frau aus einem Ghetto in Rumänien kommt niemals auf die Idee, sich alleine aufzumachen, um in Deutschland freiwillig im Bordell zu arbeiten. Die haben kein Geld, keine Bezugsperson, keine Anlaufstelle. Freiwillig ist das Zauberwort, die Lösung aller Probleme. Damit beruhigen sich die Zuhälter und die Freier gleichermaßen. Aber diese Freiwilligkeit gibt es nicht. 98 Prozent aller in Deutschland arbeitenden Prostituierten sind fremdbestimmt. Bei dem täglichen Spagat zwischen Abneigung und Ekel vor dem Freier und der verlangten körperlichen Hingabe hört die Freiwilligkeit schnell auf. Saubere Prostitution ist ein Mythos. Vermeintlich freiwillig arbeitenden Prostituierten begegne ich nur in Talkshows.
 
Wie viele Prostituierte gibt es in Deutschland?
PAULUS: Realistisch dürften die Zahlen 300.000 bis 400.000 sein. Da sieht man die Dimension. In deutschen Puffs liegt der Ausländeranteil bei 85 bis 90 Prozent, sehr viele davon sind jünger als 21 Jahre alt. Der Großteil kommt aus den armen Regionen Ost- und Südosteuropas. Asiatische Frauen oder solche aus der Karibik gibt es zwar auch noch, zahlenmäßig spielen sie aber keine große Rolle.
 
Wer beherrscht die Szene?
PAULUS: Das ist regional ganz unterschiedlich. Aber stark unterschätzt werden albanische Banden, die in Italien beispielsweise der Mafia den Rang abgelaufen haben. Die Balkansyndikate kennen die Gesetzeslage in Deutschland ganz genau und auch die Bekämpfungsmethoden und -möglichkeiten der Polizei.
 
Wie kommen die Frauen nach Deutschland?
PAULUS: Auch das funktioniert ganz unterschiedlich. Es gibt im Grunde vier Schritte. Zum einen braucht es einen Auswanderungswillen aus der Heimat – den finden sie im Osten und Südosten Europas überall. Dann werden die Frauen durch falsche Versprechungen gelockt. In der Schleusungsphase kippt die Geschichte dann in Richtung der vierten Phase, der Ausbeutung in der Zwangsprostitution.
 
Nennen Sie ein Beispiel.
PAULUS: Mir wurde in Moldawien ein Fall bekannt, da wurde ein Kontingent von etwa einem Dutzend junger Frauen in eine Turnhalle getrieben und gezwungen, sich einer Meute von Zuhältern nackt zu präsentieren. Dann wurde der Preis festgelegt und die Frauen an Balkanbordelle verteilt. In aller Regel werden sie während und mit der Schleusung in die Schuldenfalle getrieben, sie werden abhängig gemacht und wenn erforderlich „zugeritten“ (Zuhälterjargon), so dass sie wissen, wohin die Reise geht.
 
Die Prostitution wird das älteste Gewerbe der Welt genannt. Hat das nicht auch seine Berechtigung?
PAULUS: Mir geht es nicht primär darum, die Prostitution abzuschaffen oder nach schwedischem Vorbild die Freier zu bestrafen, sondern darum, die Kriminalität endlich wirksam zu bekämpfen.
 
Was halten Sie von den Bemühungen, das Gesetz zu novellieren?
PAULUS: Dass das Gesetz verändert werden muss, ist klar. Schlechter kann es nicht werden. Bei allem was ich höre, befürchte ich aber, dass das Milieu immer noch verkannt wird. Wir brauchen ein Verbot von Prostitution unter 21 Jahren und den Zwang zur selbstständigen Erwerbstätigkeit – also die vollkommene Entkoppelung von der Zuhälterei. Die Polizei muss wieder in die Bordelle reinkommen und braucht Kontrollmöglichkeiten, beispielsweise durch Wiedereinführung des Geschlechtskrankheitengesetz und des Tatbestands der Förderung von Prostitution. Es ist doch absolut traurig für einen Staat, einem der größten Bordellbetreiber wie dem Prinz Marcus von Anhalt, der derzeit in U-Haft sitzt, nur mit dem Steuerrecht beizukommen.
 
Was halten Sie von der beabsichtigten Einführung einer Erlaubnispflicht für Bordelle?
PAULUS: Die brauchen wir, aber sie reicht nicht aus. Sie allein kann sogar kontraproduktiv sein, weil der Puffbetreiber oder der eingesetzte Strohmann eine Art staatliche Zertifizierung bekommt und sich dahinter albanische Clans, russische Tätergruppen oder die Hells Angels verstecken. Es wäre fatal, würde durch ein wieder unausgereiftes Gesetz wieder die in Teilen hochkriminellen Profiteure des Prostitutionsgeschäfts die Gewinner sein.
 
Info
Manfred Paulus: Menschenhandel, Tatort Deutschland, Verlag Klemm+Oelschläger, 158 Seiten, 14,90 Euro.

 
 
Biografie: Manfred Paulus, Erster Kriminalhauptkommisar a.D., war bis zu seinem Ruhestand 25 Jahre lang Leiter des Dezernats zur Bekämpfung von Sexualdelikten und für Rotlichtkriminalität bei der Kripo Ulm zuständig. Internationale Verfahren haben ihn bis nach Thailand geführt. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg und hat zudem auch Lehraufträge in Hannover und in München. Im Auftrag der Europäischen Kommission hat er die Ursachen und Bedingungen des Frauen- und Kinderhandels in Weißrussland erforscht. Er gilt bundesweit als ein ausgewiesener Kenner der Szene und wird im Zuge der aktuellen Debatte zur Novellierung des Prostituiertengesetzes von der CDU-Bundestagsfraktion mehrfach als Berater angefragt.
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel