Gespräch Interview mit Gregor Gysi

Gregor Gysi im Jahr 2015 im Bundestag.
Gregor Gysi im Jahr 2015 im Bundestag. © Foto: Michael Kappeler/dpa
Berlin / André Bochow 08.06.2018
Gregor Gysi hält nichts von Bewegungen, die von oben verordnet werden und warnt Sahra Wagenknecht davor, linke Anhänger zu verprellen.

Von Freitag bis Sonntag hält die Linkspartei ihren Parteitag in Leipzig ab. Die Delegierten wählen unter anderem die neuen Parteivorsitzenden. Da außer den bisherigen Funktionsträgern Katja Kipping und Bernd Riexinger bislang niemand kandidiert, wird das amtierende Duo auch in den kommenden zwei Jahren die Linken führen. Gleichzeitig schwelt der Streit zwischen den Parteivorsitzenden und dem Lager um die Bundestags-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht. Und dahinter stecken nicht zuletzt erhebliche Differenzen in der Migrationsfrage. André Bochow sprach vor dem Parteitag mit dem Chef der Europäischen Linken Gregor Gysi.

Herr Gysi. Sie werden auf dem Parteitag in Leipzig eine Rede halten. Was werden Sie sagen?

Das verrate ich Ihnen doch nicht vorher. Auf jeden Fall werde ich zu Problemen in der europäischen und auch in der deutschen Linken Stellung nehmen. Und ich werde etwas über mich sagen.

Warum etwas über Sie?

Weil ich Aufgaben übernommen und ein Gefühl der Verantwortung habe und weil ich den Leuten mal erzählen will, welche Gründe ich hatte links zu werden und links zu bleiben.

Klingt nach einer gewissen Unzufriedenheit.

So würde ich es nicht nennen. Es ist ja so: Wir erleben in den USA und in Europa eine eindeutige Rechtsentwicklung. Und viele fragen, warum es eigentlich nicht nach links geht. Das hat verschiedene Ursachen. Eine ist das Scheitern des Staatssozialismus. In Europa. Da wurde eine Chance nicht oder falsch genutzt. Das spricht nicht gegen den demokratischen Sozialismus. Aber da gab es nur drei Versuche. Die Pariser Kommune, der Prager Frühling, und den Versuch Salvador Allendes in Chile. Es ist hochinteressant, dass alle drei Versuche militärisch niedergemacht wurden. Um aber auf die aktuellen Herausforderungen zurückzukommen: Für die gibt es eine internationalistische oder eine nationale Antwort.

Könnte man in diesem Zusammenhang für Ihre Partei sagen: Auf der einen Seite stehen jene, die sich für „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ plädieren denen gegenüber, die sagen: „Proletarier aller Länder, bleibt wo ihr seid“?

(lacht) Nein. Natürlich nicht. Wir haben auch keine Nationalisten und Rassisten in unseren Reihen. Ich gehöre aber zu denen, die der Meinung sind, dass es für viele Probleme gar keine nationalen Lösungen gibt. Denken wir nur an das Klima, an die Ökologie, den Frieden.

Halten Sie denn beide Ansätze, also den nationalen und den internationalistischen, für gleich berechtigt?

Auf keinen Fall. Ich gehe ja davon aus, dass ich Recht habe. So wie alle bei sich davon ausgehen. (lacht) Entscheidend ist, dass wir uns auf unsere Gemeinsamkeiten in Europa und hier konzentrieren. Sonst spalten wir uns und werden noch schwächer, als wir es jetzt schon sind.

Trotzdem. Es gibt einen Richtungsstreit bei den Linken. Muss der auf dem Parteitag entschieden werden?

Zumindest weitestgehend. Denn die neue Parteiführung muss ja wissen, ob sie es nach wie vor mit einer Partei zu tun hat, die internationalistisch ausgerichtet ist, oder ob sich da etwas geändert hat. Für nationale Antworten gibt es bedeutende Stimmen in unseren Reihen…

….zum Beispiel die von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine….

….zum Beispiel. Jedenfalls muss geklärt werden, wofür die Partei steht.

Sahra Wagenknecht beschwert sich, dass Sie wegen Ihrer Äußerungen als rechts, oder als nationalistisch diffamiert wird.

Da hat es einzelne Stimmen gegeben. Von mir werden Sie so etwas nicht gehört haben. Auch nicht von den Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger. Die Linken sind insofern manchmal schwierig, weil sie davon ausgehen, dass sie die besseren Menschen sind. Schließlich stehen sie auf der Seite der Armen, der Rechtlosen, der Schwachen. Ein bisschen trifft diese Annahme ja auch zu. Blöderweise erwächst aus dieser Position häufig Rechthaberei. Oft fehlt es an der Fähigkeit, andere Meinungen zu dulden.

Seit Monaten führen die Fraktionsspitze mit Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch und die Parteivorsitzenden Katja Kippping und Bernd Riexinger teilweise heftige Auseinandersetzungen. Das hat offenbar teils inhaltliche und teils persönliche Gründe. Wie lässt sich diese Situation auflösen?

Das ist eine gute Frage, die schwer zu beantworten ist. Wenn sich Leute nicht mögen, dann ist es schwer, das abzustellen. Ich will noch einen Versuch machen, die Streitenden zum Kompromiss zu bewegen. Wobei gerade in letzter Zeit die Parteivorsitzenden keine persönliche Kritik gegen die anderen geäußert haben. Wenn ich Delegierter wäre, wählte ich beide.

2012 auf dem Parteitag in Göttingen haben Sie den Hass in ihrer Fraktion angesprochen und danach war eigentlich Ruhe.

Das war damals nötig. Es ging um die Atmosphäre in der Fraktion. Die war unerträglich. Jetzt ist die Situation anders. Die inhaltlichen Auseinandersetzungen spielen eine viel größere Rolle. Jedenfalls müssen wir zu einem besseren Umgang miteinander kommen. Wenn wir nach einem Meinungsstreit uns zu Beschlüssen durchgerungen haben, dann müssen sich hinterher auch alle daran halten. Von der Göttinger Dramatik sind wir aber entfernt. Wenn man es sich genau anschaut, dann wird man feststellen, dass die Parteiführung auf die Behauptung, sie intrigiere gegen die Fraktionsspitze, überhaupt nicht mehr reagiert. Sicherlich liegt das auch daran, dass die Parteivorsitzenden und nicht die Fraktionschefs gewählt werden. Aber die Auseinandersetzung wird derzeit einseitig geführt.

Wie wichtig ist Sahra Wagenknecht für die Partei?

Sie ist natürlich sehr wichtig. Ihre Auftritte in den Medien sind gut. Und sie ist schon so etwas wie eine Ikone…

Sie haben gesagt, Sie sei aber keine Göttin.

Und hinzugefügt, dass sie das auch weiß. Sahra spricht jedenfalls auch Menschen an, die uns bislang nicht wählen. Aber sie muss aufpassen. Zum Beispiel kann man mit nationalen Antworten auch Linke verprellen. Ob man die gewinnt, die sie gewinnen will, bezweifele ich. Ich will auch AfD-Wähler zu uns holen. Aber nicht dadurch, dass ich Ihnen entgegenkomme, sondern dadurch, dass ich sie von meinen Positionen überzeuge.

Sahra Wagenknecht sagt, sie hätte keine Zeit, selbst für den Parteivorsitz zu kandidieren, weil sie sich um die von ihr und Oskar Lafontaine initiierte linke Sammlungsbewegung kümmern müsse. Was halten Sie von der Sammlungsbewegung?

Grundsätzlich sind Sammlungsbewegungen sinnvoll. Weil es eine Menge Leute gibt, die nicht in eine Partei eintreten wollen, aber die Nähe zu ihr suchen. Doch so wie es aussieht, soll diese neue Sammlungsbewegung nicht um die Linke herum entstehen, sondern neben ihr. Ursprünglich sollte sogar eine eigene Partei daraus werden, auf deren Listen die Mitglieder der Linkspartei hätten kandidieren dürfen. Nachdem ich in einem Interview klargestellt habe, dass so etwas in Deutschland juristisch unmöglich ist, soll nun wohl ein Verein gegründet werden.

Aber ist der Gedanke so falsch, darüber nachzudenken, wie man angesichts der desolaten Lage des linken Lagers neue Wege beschreiten könnte?

Nein, gar nicht. Die Frage ist nur, ob es für eine Sammlungsbewegung überhaupt einen Bedarf gibt. Wissen Sie, ich habe in Ostdeutschland die „Komitees für Gerechtigkeit“ mitgegründet. Für die haben sich viele Prominente ausgesprochen. Mehr ist aber nicht passiert. Und warum? Weil es eine Idee von oben war. Im Beschlussweg bekommt man weder eine Bewegung noch eine Revolution zustande.

Und was ist mit der Oktoberrevolution? Eine Minderheit unter Lenins Führung hat die Sache vorangetrieben. Oder nehmen wir die Gründung der Linkspartei. Das haben doch Oskar Lafontaine und Sie ausgehandelt.

Da bin ich aber ganz anderer Ansicht. Bei der Oktoberrevolution war es so, dass die Massen die Verhältnisse nicht mehr ertragen wollten. Das haben mehr oder weniger professionelle Revolutionäre genutzt und die Macht erobert. Und bei der Gründung der Linkspartei hatten wir sehr wohl ordentlich Druck von unten. Die Mitglieder der West-PDS waren mit ihrer marginalisierten Position unzufrieden, die im Osten merkten, dass sie nicht auf die Dauer nur Ostpartei bleiben konnten und die Mitglieder der WASG begriffen schnell, dass sie es allein nicht schafften. Und deswegen gab es bei den Mitgliedern damals weniger Widerstand als bei einigen Funktionären. Als seinerzeit die PDS in Linkspartei.PDS umbenannt werden sollte, hat Sahra Wagenknecht die schärfste Gegenrede gehalten. Auch gegen Oskar Lafontaine übrigens. An der Auseinandersetzung wäre die Vereinigung beinahe gescheitert.

Leidet die Idee einer linken Sammlungsbewegung nicht auch darunter, dass es ja Gründe dafür gibt, dass verschiedene Parteien im linken Spektrum agieren? Diese Gründe sind ja nicht verschwunden.

Richtig. Außerdem gibt es schon Gesprächskreise, in denen sich unsere Leute mit unzufriedenen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten und mit unzufriedenen Grünen treffen. Ich denke, der eigentliche Zweck der Sammlungsbewegung ist, Druck auf die Linkspartei auszuüben, um sie in eine Richtung zu drängen, die den Positionen von Sahra und Oskar näher ist, als die jetzige.

Bei Linken wird viel mit Thesenpapieren gearbeitet. Gerade vor einem Parteitag. Damit gewinnt man vielleicht irgendwann ideologische Klarheit, aber nicht die Herzen der Menschen. Fehlt Ihnen jenseits der hart geführten Kämpfe gegeneinander die Emotion? Das Mitreißende?

Ein wenig fehlt das. Und ja, es wird zu viel theoretisiert. Karl Marx hat gesagt: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“ Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Ich bin in den 90ern sehr oft nach Bischofferode gefahren. Zu den Kali-Kumpeln, die darunter litten, dass ihre Grube geschlossen werden sollte, obwohl es dafür keine ökonomischen Gründe gab und als sie die IG Chemie im Stich ließ. Wen ich dort nie traf, das waren die Revolutionäre aus meiner Partei, die auf Parteitagen so leidenschaftliche Reden halten.

Sahra Wagenknecht sieht man bei solchen Gelegenheiten eigentlich auch nie.

In Bischofferode habe ich sie jedenfalls nicht gesehen.

Die Linkspartei verändert sich. Mehr Gewicht für die Westverbände. Viele junge Leute kommen. Sehen Sie die Veränderungen eher positiv oder negativ?

Sie sind vor allem notwendig. Inzwischen sind die ehemaligen Mitglieder der SED in der Minderheit. Das war ja doch mal ganz anders und die Veränderung hat Folgen. Zum Beispiel die, dass die jungen Leute mit der Parteigeschichte kritischer umgehen. Junge Leute zu gewinnen, ist außerordentlich wichtig. Und die kommen nicht zuletzt wegen der internationalistischen Antwort auf die Flüchtlingsfrage. Wir müssen da eindeutig sein. Das müssen wir generell sein. Die SPD hat das Problem, dass sie sich nie entscheiden kann. Das darf uns nicht passieren.

Sie haben, als sie 2015 den Fraktionsvorsitz niederlegten, gesagt, sie würden nun wieder Herr über Ihren Terminkalender. Kurze Zeit später stellten Sie fest, daraus wird erst einmal nichts. Nun sind Sie Chef der Europäischen Linken. Wie sieht das jetzt mit der Herrschaft über die Termine aus?

Darum ringe ich noch. (lacht) Mehr Zeit habe ich jedenfalls nicht. Das hängt auch mit meiner Autobiografie und den Lesereisen zusammen. Aber meine Kinder sagen: Du hast zwar nicht mehr Zeit als früher, aber Du hörst jetzt anders zu.

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