Frau Rodust, welche Fischsorten kann der verkaterte Karnevalist zu Aschermittwoch ohne schlechtes Gewissen verzehren?
ULRIKE RODUST: Hering, Rollmops oder sauren Brathering kann man ruhigen Gewissens essen! Wenn der Fisch „zertifiziert“ ist, also das MSC-Siegel hat, kann man sicher sein, dass er nachhaltig gefischt wurde.

In den EU-Gewässern schwimmen 83 kommerziell genutzte Arten. Welche sind noch bedroht?
RODUST: Das kann man so pauschal nicht sagen. In der Vergangenheit haben die Fischerei-Minister jedes Jahr im Dezember die Mengen nach dem Motto ausgekungelt „Gibst du mir den einen Bestand, gebe ich dir den anderen“ –   ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Nach der Reform des Systems gilt klipp und klar die Regel, dass nur noch soviel gefangen werden darf, wie nachwachsen kann, nach den Vorgaben der Wissenschaftler.

Was ist, falls ein Bestand unvorhergesehene Probleme bekommt?
RODUST: Es darf nicht bis zum berechneten ,maximalen Dauerertrag’ abgefischt werden.  Die Größe des Bestands muss darüber liegen. So steht es im Gesetz.  Die Entwicklungen sind schließlich nicht immer abzusehen.   Gefährdung kann plötzlich auftreten und hat mitunter mit Überfischung nichts zu tun. Wir hatten zum Beispiel in der Ostsee eine Erkrankung der Heringslaiche.

Welche exotische Fischarten können Sie noch empfehlen?
RODUST: Was auf den europäischen Markt kommt, ist gesundheitlich unbedenklich. Wir haben strikte Standards, die von den Importeuren eingehalten werden müssen. Aber Bestandsgefährdung ist nicht ausgeschlossen – unsere strengen Vorgaben gelten leider nicht weltweit. Immerhin können auch Import-Fische das MSC-Siegel bekommen, wenn die Kriterien erfüllt sind. Inzwischen wollen die Verbraucher wissen, woher ein Fisch stammt. Wenn er das – sehr anspruchsvolle – Siegel hat, kann man sicher sein, er kommt aus nachhaltig befischten Beständen. Ich persönlich wäre auch für ein Total-Verbot der Tiefssee-Fischerei. Dafür gibt es aber keine Mehrheit, weder bei den Fischerei-Ministern noch hier im Parlament.

Bis 2019 soll in der EU ein Rückwurfverbot gelten: Toter Fisch aus Beifängen darf nicht mehr ins Meer gekippt werden. Warum erst so spät?
RODUST:  Das hat zum Teil mit biologischen Umständen – langen Reproduktionszyklen einzelner Arten –  zu tun, zum Teil mit der Fangtechnik. Die Fischer sind nicht hinreichend für selektives Fischen ausgestattet. Für manche Sorten ist die Technik noch in der Entwicklung. Wenn wir für alle Arten das Rückwurf-Verbot ab 2015 verhängt hätten, hätte das nur zu ganz viel Schwarz-Fischerei geführt.

Was ist mit den Riesen-Trawlern mit Fängen bis 350 Tonnen pro Tag, denen auch  viel Beifang ins Netz geht?
RODUST: Die sind in der Tat hauptverantwortlich dafür, dass die Meere leergefischt werden! Deswegen begünstigt unsere neue Quotenverteilung die kleine und handwerkliche Fischerei, die früher nur geringe Fangrechte bekommen hat. Auch die großen Trawler dürfen nur nach EU-Recht fischen, also nur so viel wie nachwachsen kann, und ohne Rückwurf. Es droht vorübergehender Entzug der Lizenz.

Kann die EU das praktisch durchsetzen?
RODUST:  Die Kontroll-Agentur der EU in Vigo erfasst alle Schiffe, die eine bestimmte Mindestlänge haben und mit GPS ausgestattet sind. Die kann man wirksam kontrollieren, und ich behaupte: Europäische Fischer mit größeren Booten betreiben keine Piratenfischerei mehr. Für die kleinen, die kein GPS haben, kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Was Fremd-Fahrzeuge anlangt –  da können wir nur hoffen, dass wir sie erwischen. Gottseidank machen  uns unsere Fischer mittlerweile Meldung, wenn sie jemanden entdecken.