Interview Interview mit einem Metropolenforscher: Er sieht viel Potenzial in Berlin.

Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba.
Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba.
Berlin / Mathias Puddig 11.11.2017
Berlin hat seinen Ruf weg – und der ist nicht unbedingt ein guter. Metropolenforscher Wolfgang Kaschuba plädiert im Interview trotzdem für Nachsicht mit der Hauptstadt.

Berlin hat seinen Ruf weg – und der ist nicht unbedingt ein guter. Metropolenforscher Wolfgang Kaschuba plädiert im Gespräch mit Mathias Puddig trotzdem für Nachsicht.

Herr Kaschuba, Berlin wird nachgesagt, dass in der Stadt rein gar nichts funktioniert. Stimmt das?

Wolfgang Kaschuba: Natürlich hat Berlin große Probleme – aber darin stecken auch große Chancen. Und natürlich hat Berlin große Chancen – in denen auch Probleme stecken. Was den Kritikern fehlt, ist die Fähigkeit zum Denken in Ambivalenzen. Ich halte das aktuelle Berlin-Bashing für intellektuell nicht angemessen.

Wo sehen Sie Chancen?

Berlin ist wieder einmal – wie schon in den 20er Jahren – ein Spurter. Die Stadt hat einen gewaltigen ökonomischen, kulturellen und sozialen Rückstand aufgeholt. Und bei allem, was schief­läuft, ist es ja offenbar trotzdem möglich, gute Startups zu gründen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dazu kommt die Autonomie der Großstadt, die Berlin gerade für Jüngere sehr attraktiv macht. Sie spüren in Berlin den Duft der Freiheit. Das führt dazu, dass in den letzten 15 Jahren eine Million Menschen zugewandert sind und eine knappe Million die Stadt verlassen hat. So eine Dynamik gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Und das muss auch verwaltet werden.

Wieso steht Berlin denn in vielem schlechter da als andere Städte?

Das hat mit drei Eigenarten zu tun, die die Sache nicht so einfach machen wie in München und Hamburg. Zum einen ist in Berlin die ökonomisch-soziale Entwicklung seit dem Nationalsozialismus gebremst worden. Berlin ist eine arme Stadt – sie war es zumindest. Zugleich muss Berlin jetzt erst einmal lernen, selbstständig zu agieren. Die Stadt war fast ein Jahrhundert lang abhängig von der Alimentierung durch die Reichs- und später durch die Bundesregierung. Die zweite Eigenart ist die Teilung. Und die dritte ist die Berliner Mentalität, die stark von Autonomie, Selbstbestimmung und Freiheit geprägt ist. Die Folge ist eine starke Zivilgesellschaft, die erst einmal integriert werden muss. Da lernt Berlin noch, und es lernt nicht immer schnell und gut.

Kann eine Stadt überhaupt eine Mentalität haben?

Ja, Städte funktionieren als kollektives Ganzes. Ihren Einwohnern wird ständig gezeigt, wie sie sind, und das reproduzieren sie dann. Das geht vom Taxifahrer bis zum Professor, und in ganz Deutschland gibt es kaum extremere Selbstbilder als in Berlin, der ehemaligen Mauerstadt.