Interview Interview mit Autor Bernard zu Kinderwunsch

Kulturwissenschafler Andreas Bernard.
Kulturwissenschafler Andreas Bernard. © Foto: Andreas Labes
Berlin / Michael Gabel 13.03.2018

Andreas Bernard, ist Professor für Kulturwissenschaften am „Center for Digital Culture“ der Leuphana Universität Lüneburg und war zuvor Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“. In seinem Buch „Kinder machen“ warnt er davor, in die künstliche Befruchung zu große Hoffnungen zu setzen.

Haben manche Paare übersteigerte Erwartungen an die Fortpflanzungsmedizin?

Andreas Bernard: Ja. Die Reproduktionsmedizin verspricht mehr, als sie statistisch halten kann. Wenn man sich die Zahlen genau ansieht, sind gute Erfolgsquoten vor allem für Frauen gegeben, die in einem Alter sind, in dem auch die natürliche Zeugung vielversprechend ist. Je älter die Beteiligten werden, desto schwieriger ist es.

Warum warten viele Frauen so lange, bis sie ein Kind bekommen wollen?

In den vergangenen 30, 40 Jahren hat es massive gesellschaftliche Veränderungen gegeben. Die Lebenswege von Männern und Frauen haben sich in dieser Zeit stark angeglichen. Frauen wie Männer stellen heutzutage in ihren Zwanzigern und frühen Dreißigern den beruflichen Weg in den Vordergrund. Mit Mitte dreißig stehen viele dann zum ersten Mal vor der Frage, ob sie ein Kind bekommen wollen. Vor vielen Jahren, in einer Zeit, in der die meisten weiblichen Biographien schon früh auf Mutterschaft und Hausarbeit fixiert waren, wären die meisten Paare gar nicht in eine solche Situation gekommen.

Finden Sie es gut, dass die Regierung mehr Paare bezuschussen will?

Soweit ich die Pläne kenne, finde ich es gut, was da beabsichtigt ist. Nicht nur Wohlhabende sollen sich eine künstliche Befruchtung leisten können, sondern der Staat und die Krankenkassen sollten einen Teil der Kosten übernehmen.

Woher kommt der Glaube an die Macht der Reproduktionsmedizin?

Ungewollte Kinderlosigkeit ist vermutlich eine der größten Kränkungen in einer menschlichen Biografie und kann bei den Betroffenen eine existenzielle Krise auslösen. Wenn man als Paar irgendwann anfängt, sich mit dem Thema Kinderkriegen zu beschäftigen, und die Gewissheit immer stärker wird, dass es nicht problemlos geht, desto stärker wird bei manchen vielleicht sogar der Wunsch nach einem Kind.

Im Ausland gibt es mehr Möglichkeiten. Sollte Deutschland die Vorgaben lockern?

In Ländern wie Thailand und Indien engagieren begüterte weiße Paare aus USA oder Europa Frauen, die für sie Kinder bekommen. Das lehne ich ab, weil ich das für neokolonialistisch halte.

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