Die Apotheker in Deutschland bereiten sich in der Corona-Krise auf italienische Verhältnisse vor. Der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Friedemann Schmidt, fordert deshalb eine schnelle Lockerung zentraler Auflagen für die Pharmazeuten. Nur so könnten vor allem die älteren Patienten geschützt werden.

Schreckt Corona die Kunden ab, in die Apotheken zu gehen?

Friedmann Schmidt: Bis vor kurzem nicht. Wir hatten im Gegenteil deutlich mehr Patienten als sonst. Viele chronisch Kranke haben offenbar ihre Ärzte gebeten, im Voraus Rezepte auszustellen. Aber auch verschreibungsfreie Präparate sind in unsinnigen Mengen nachgefragt worden. Sogar in den Apotheken wurde gehamstert. Ein Irrsinn. Doch das scheint besser zu werden. Die Zahl der unnötigen oder verschiebbaren Besuche senkt sich etwas.

Haben es jetzt alle verstanden?

In meiner Apotheke hat in der vergangenen Woche noch eine 80-jährige Frau die „Apotheken-Rundschau“ abgeholt. Die wollte sonst nichts, suchte aber einen Ort auf, an dem es viel wahrscheinlicher ist, sich mit Corona anzustecken. Doch abgesehen von solchen Fällen glaube ich, dass es so langsam in das Bewusstsein der Menschen dringt, wie gefährlich das Virus ist.

Das soziale Leben fährt dramatisch runter. Viele Menschen verspüren Einsamkeit und Isolation. Suchen ältere Kunden jetzt auch psychologischen Beistand in den Apotheken?

Ja, ganz sicher. Andere Geschäfte haben ja nicht mehr auf und die Leute haben wirklich viele Fragen. Die ganzen Gerüchte und Falschinformationen lassen sich nun einmal am besten im persönlichen Gespräch ausräumen. Das bedeutet für die Kollegen natürlich eine hohe Belastung. Zumal sich die Zahl der Infizierten weiter erhöht und die Ansteckungsgefahr für sie und das Personal beständig steigt.

Wie reagieren die Apotheken?

Die Kollegen begrenzen den Zugang zu den Räumlichkeiten. Je nach Größe darf nur noch ein Kunde herein. Viele Kollegen haben sich zudem für die Verkaufstheke Plexiglas-Wände bestellt, um damit einen gewissen Schutz vor dem Virus zu haben, das sich ja durch Tröpfcheninfektion verbreitet. Nach wie vor fehlt es an Schutzmasken.

Können die Apotheken ihren Dienst im Lauf der Krise aufrechterhalten?

Wir werden unser Bestes tun. Doch dafür müssen zwei Dinge geschehen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Zahl der Kundenbesuche reduziert wird und wir müssen die Abläufe in den Apotheken so erleichtern, dass wir uns besser um die Patienten kümmern können.

Wie wollen Sie die Patientenbesuche reduzieren?

Derzeit sind wir gezwungen, den Versicherten mancher Krankenkassen nur ganz bestimmte Medikamente auszuhändigen, weil die Kassen mit den Herstellern Rabattverträge geschlossen haben. Mitunter müssen die Apotheken diese Mittel schon in normalen Zeiten bestellen und die Kunden wiederkommen. Das trifft meist chronisch kranke und ältere Patienten. In Corona-Zeiten wird deren Ansteckungsrisiko dadurch enorm erhöht. Diese Verträge müssen schnellstens und bundesweit ausgesetzt werden. Solange Corona wütet, sollten alle Patienten das Recht haben, das verfügbare Ersatzmedikament sofort zu erhalten und nicht wiederkommen zu müssen.

Das wird doch schon gemacht…

Ja, aber da arbeiten wir auf Basis von einseitigen Zusagen einzelner Kassen. Wir brauchen Rechtssicherheit und -gleichheit für alle Versicherten. Die Apotheker wollen nach der Corona-Krise schließlich nicht vor dem Kadi landen, weil sie ihren Patienten geholfen haben. Das setzt natürlich Vertrauen in die Apotheker voraus. Aber ich denke, das haben wir uns verdient. In der Corona-Krise gehen wir täglich an die Grenze dessen, was wir fachlich und rechtlich tun dürfen – und mitunter auch darüber hinaus, um den Menschen zu helfen.

Können Sie dann alle Patienten schnell versorgen, vor allem dann, wenn der Arzneimittel-Bedarf und etwaige Engpässe noch weiter zunehmen?

Dazu brauchen wir mehr Beinfreiheit. Wir müssen von Vorschriften für Packungsgrößen und Wirkstoffdosierung abweichen können. Zur Not bekommt der Patient eine kleinere oder größere Packung als die vorgesehene, ausgeeinzelte Tabletten oder eine andere Wirkstoffdosierung. Dann muss er z.B. statt einer ganzen eine halbe Tablette nehmen.  Es geht darum, die Vorräte möglichst optimal auszunutzen. Dazu brauchen wir klare Vorgaben des Gesetzgebers.

Wenn die Zahl der Infizierten weiter dramatisch ansteigt, wird der Weg in die Apotheke für die Risikogruppen zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit – trotzdem müssen die Menschen ja ihre Medikamente bekommen. Haben Sie da eine Lösung?

Wir arbeiten daran, aber auch hier brauchen wir die Hilfe der Politik. Sollten wir das öffentliche Leben nach Ostern wieder nach oben fahren und eine Durchseuchung zulassen, müssen wir dennoch ältere Menschen und Risikogruppen zu ihrem eigenen Schutz weiter abtrennen. Spätestens dann müssen wir massenhaft Botendienste für Medikamente durchführen.

Das bedeutet einen unglaublichen Aufwand…

Wie soll es anders gehen? Die Feuerwand zwischen Infizierten und alten Menschen muss halten so lange es eben geht. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder lockern können. Die Ärzte müssen daher die Risikopatienten möglichst telemedizinisch betreuen, und die Apotheker die Medikamente über Boten zustellen. Wir haben da Erfahrung, weil wir schon vor Corona etwa 250 000 Kunden täglich so betreut haben. Durch Corona sind es nun schon doppelt so viele.

Zahlen die Kassen das?

Nein, die Botendienste sind derzeit unbezahlte Serviceleistungen der Apotheken. Doch wenn wir sie ausdehnen, steigen die Kosten rapide an. Das bedeutet deutlich mehr Logistik, Personal und Verwaltung, das geht nicht mehr aus Bordmitteln. Die Kassen müssen die Kosten übernehmen. Und: Gesundheitsminister Jens Spahn muss für die Zeit der Krise eine direktere Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apotheken erlauben. Derzeit ist es Ärzten verboten, die Rezepte direkt an Apotheker weiterzugeben.

Wie lange können sie den regulären Apothekenbetrieb in der Krise noch aufrechterhalten?

Auch das hängt davon ab, wie schnell der Gesetzgeber handelt. Noch sind die Fälle selten, aber auch immer mehr Apotheker und ihre Mitarbeiter werden sich irgendwann mit Corona infizieren. Derzeit gelten aber strenge rechtliche Auflagen, was die Personalstärke in einer Apotheke angeht. Die kann keiner mehr aufrechterhalten. Da muss eine Übergangsregelung für die Krise her.

Können Sie die Patienten eigentlich durch eine Klappe bedienen, wie man das jetzt in Aufnahmen aus Italien sieht?

Apothekenleistungen durch die Klappe sind hierzulande nur im Nacht- und Notdienst erlaubt. Um einen regulären Dienst durch die Klappe zu machen, müssen Regeln geändert werden. Wir haben die Auflage, dass der Zugang zu unseren Betriebsräumen offen sein muss. Wir brauchen eine Notverordnung, damit wir das in der Corona-Krise aufheben können. Zum Schutz unserer Mitarbeiter, damit diese möglichst lange gesund bleiben und anderen helfen können.

In normalen Zeiten kämen Ihre Forderungen einer Revolution im Gesundheitswesen gleich. Eine ganze Handvoll wettbewerblicher Prinzipien würde zeitweise aufgehoben.

Die Bundeskanzlerin hat von der schwersten Situation seit Ende des Zweiten Weltkriegs gesprochen. Mutlose Lösungen können wir nicht brauchen.

Chef-Apotheker


Friedemann Schmidt führt seit 2013 Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände (ABDA). Der 55-jährige Sachse betreibt auch weiterhin eine eigene Apotheke in Leipzig. In der Corona-Krise kommt daher eine Doppelbelastung auf ihn zu, weil die Notfall-Planungen im Bundesgesundheitsministerium Schlag auf Schlag gehen. Schmidt sieht die Apotheker aber insgesamt gut gerüstet im Kampf gegen das Virus. gwb