Antisemitismus? Zoltan Kovacs, Regierungssprecher des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, sieht das Problem entspannt. Es gebe keine Zunahme antisemitischer Vorfälle in Ungarn, sagt er. Vertreter jüdischer Organisationen können diese Behauptung nicht bestätigen. Antisemitismus sei in Ungarn in den vergangenen Jahren "viel sichtbarer geworden", meint die Soziologin Eva Kovacs: "Die Gesellschaft hat die Kontrolle verloren." Kovacs forscht in Budapest und Wien über die Erinnerungskultur an den Holocaust. Ihre ungarischen Bekannten sind in jüngster Zeit öfter Ziel antisemitischer Beschimpfungen.

Ähnlich sieht es die Budapester "Stiftung für Aktion und Schutz", die Berichte über antisemitische Vorfälle veröffentlicht. Meist geht es um das Beschmieren jüdischer Grabsteine oder verbale Attacken, weniger um physische Gewalt, sagt Vorsitzender Daniel Bodnar. Da in Ungarn nahezu keine Moslems lebten, gebe es zwar keine Bedrohung durch Islamisten. "Aber der alte, kontinentale Antisemitismus lebt und wird wieder bedrohlicher."

Dass die alten Vorurteile vom jüdischen Reichtum und der globalen jüdischen Verschwörung in Ungarn wieder gesellschaftsfähig sind, hat mit dem Aufstieg der rechtsextremen Partei Jobbik zu tun, die 2014 bei den Parlamentswahlen auf 20,2 Prozent kam. Jobbik-Politiker verbrannten öffentlich eine israelische Fahne und forderten eine Kennzeichnung jüdischer Abgeordneter. Sie attackierten Juden auf der Straße und verunstalteten Holocaust-Denkmäler.

Die Haltung der nationalkonservativen Regierung zur rechtsradikalen Opposition bleibt ambivalent. Regierungssprecher Kovacs behauptet, dass der Antisemitismus bekämpft werde und verweist auf das Verbot der rechtsextremen paramilitärischen "Ungarischen Garde". Doch das Verbot wird nicht konsequent umgesetzt: Oft sieht die Polizei den Aufmärschen der Gardisten tatenlos zu. In der Lokalpolitik arbeiten die Regierungspartei "Fidesz" und Jobbik oft zusammen.

Gleichzeitig werden ungarische Rechtsextremisten und antisemitische Publizisten mit staatlichen Auszeichnungen belohnt, die Werke antisemitischer Schriftsteller zur Pflichtlektüre im Schulunterricht. Das Regime des großungarischen, antisemitischen Miklos Horthy in der Zwischenkriegszeit wird unter der Regierung Orban verklärt und verherrlicht, die Deportation und Ermordung von über 500.000 ungarischen Juden in Auschwitz hingegen allein dem Hitler-Regime angelastet. Die Beteiligung ungarischer Behörden bleibt ausgeblendet.