Ulm In die Wüste getrieben: Der deutsche Völkermord an Herero und Nama

Vernichtung durch Wassermangel: Hereros, die vor den deutschen Truppen geflüchtet waren, nach ihrer Rückkehr aus der Omaheke Wüste. Viele Überlebende der Todesmärsche wurden in Konzentrationslagern interniert, gequält, ausgebeutet und getötet.
Vernichtung durch Wassermangel: Hereros, die vor den deutschen Truppen geflüchtet waren, nach ihrer Rückkehr aus der Omaheke Wüste. Viele Überlebende der Todesmärsche wurden in Konzentrationslagern interniert, gequält, ausgebeutet und getötet. © Foto: ULLSTEIN_BILD (ullstein bild Ullstein)
Ulm / AXEL HABERMEHL 10.06.2016
Die Bundestags-Resolution zum Völkermord an den Armeniern hat eine Debatte in Gang gesetzt: Was ist eigentlich mit dem Genozid, den das deutsche Kaiserreich 1904-1908 im heutigen Namibia verübt hat?
Für Recep Tayyip Erdogan ist die Sache klar: Deutschland, so der türkische Präsident in seinem Zorn über die Bundestags-Resolution zum Genozid an den Armeniern, sei „das allerletzte Land“, das über einen „sogenannten Völkermord“ der Türkei abstimmen solle. Erst müsse Berlin Rechenschaft über den Holocaust und die Vernichtung der Herero in Südwestafrika Anfang des 20. Jahrhunderts ablegen, polterte Erdogan. Ähnliche Stimmen las und hörte man auch in Deutschland.

Der Bochumer Genozidforscher Medardus Brehl, der viel zum Thema veröffentlicht hat, sagt: „Ich halte es unbedingt für angezeigt, dass der Bundestag den Völkermord an den Herero und Nama anerkennt. Aber ich halte es für unklug, die beiden Fragen zu vermengen oder gar gegeneinander auszuspielen.“ Selbstverständlich handle es sich in beiden Fällen um Völkermorde, jedoch bestehe ein Unterschied im Umgang. „Die deutsche Kolonialgeschichte wurde zwar lange nicht sehr wahrgenommen, aber der Herero-Genozid wird ja von Deutschland nicht geleugnet. Es gibt hier einen entsprechenden Diskurs – anders als in der Türkei zum Armenier-Geozid.“

Dass die Vorgänge in Deutsch-Südwestafrika der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts war, ist in der Geschichtswissenschaft unbestritten. Verübt wurde er zwischen 1904 und 1908, 65.000 bis 85.000 Menschen wurden von deutsch-kaiserlichen „Schutztruppen“ in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, getötet.

Deutsch-Südwestafrika war seit 1884 Kolonie. In Folge von Unterdrückung, Ausbeutung und Verelendung der ansässigen Bevölkerung kam es Anfang 1904 zum Aufstand der Herero, der in einem Krieg mündete. Dieser wurde von den Besatzern schon zeitgenössisch als „Rassenkrieg“ und „Vernichtungsfeldzug“ bezeichnet. Nach einer verlorenen Schlacht im August 1904 flohen zehntausende Herero in die Omaheke-Wüste, die der befehlshabende deutsche General Lothar von Trotha daraufhin abriegeln ließ, um die Menschen verdursten zu lassen. In einem späteren Generalstabsbericht heißt es: „Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.“

Am 2. Oktober 1904 verlas Trotha eine Proklamation an die Herero, die in der Literatur häufig auch als „Schießbefehl“ oder „Vernichtungsbefehl“ bezeichnet wird. Dort heißt es unter anderem: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen.“

Unter der Befehlsgewalt Trothas – einem Rassisten, der aus der damals nicht seltenen Überzeugung von der Überlegenheit einer weißen Rasse das Recht, ja die Pflicht, zur Unterwerfung oder Vernichtung ableitete – nahm der Genozid seinen Lauf. Neben Massakern, Todesmärschen und sexueller Gewalt kam es zur Internierung tausender Menschen in Konzentrationslagern, wo Zwangsarbeit geleistet werden musste und sadistische medizinische Experimente stattfanden. Insgesamt wurden rund 80 Prozent der Herero, rund die Hälfte des ebenfalls aufständischen Nama-Volks sowie etliche Menschen der Völker San und Damara getötet.

In Deutschland wurde der Genozid offen kommuniziert, es entstand ein ganzer Literaturzweig, dessen Früchte sich gut verkauften und in denen die Vernichtung der „kulturlosen Schwarzen“ durch das Kulturvolk Deutschland als „legitim, wenn nicht zwangsläufig und notwendig“ dargestellt wurde, wie Brehl in einem Aufsatz schreibt. So galt dieser Völkermord in Deutschland lange als eine Art berechtigte Strafaktion oder als harte, aber heldenhaft bestandene, entbehrungsreiche Zivilisierungsmission. Brehl schreibt von „Vernichtung als Arbeit an der Kultur“.

Nach 1918 wurde eher der Verlust der deutschen Kolonien bedauert als das massenhafte Morden an den Einwohnern derselben. Und nach 1945 trat der Herero-Genozid unter der Auseinandersetzung mit dem Holocaust in den Hintegrund. Erst ab den späten 1960er Jahren, so Medardus Brehl, entwickelte sich langsam ein Bewusstsein für die kolonialen Verbrechen, es wurde mehr geforscht, ab dem Ende des Jahrhunderts begann eine ausgiebige wissenschaftliche Aufarbeitung.

Die offizielle deutsche Politik indes gab erst 100 Jahre nach dem Völkermord zu, dass es sich um einen Völkermord handelte – doch auch dann noch zögerlich. Zwar sprach die damalige Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul 2004 in Namibia von „Völkermord“, doch das wurde nachträglich zur „Privatmeinung“ erklärt. Erst seit 2015, also 111 Jahre nach dem Beginn des Genozids, lautet die offizielle Sprachregelung des Auswärtigen Amtes: „Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.“

Zur Zeit befindet sich die Aufarbeitung in einer potentiell entscheidenden Phase. Im November vergangenen Jahres wurde Ruprecht Polenz (CDU) zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für den Dialog mit Namibia ernannt. Auch Polenz, der mit den Vertretern der namibischen Regierung über Schritte zur Vergangenheitsbewältigung verhandelt, sprach dieser Tage gegenüber der Nachrichtenagentur kna von Völkermord. Ziele des Dialogs seien eine deutsche Entschuldigung, deren Annahme durch Namibia und „Projekte, die besonders geeignet sind, fortwirkende negative Folgen der Kolonialzeit zu mindern“. Die Gespräche sollen dieses Jahr abgeschlossen werden, damit sich die Bundesregierung noch in der laufenden Legislaturperiode, also bis Herbst 2017, positionieren könne.

Einige Opfervertreter aber sind mit dem deutsch-namibischen Dialog unzufrieden. „Die deutsche Regierung hat alle friedlichen Gesten der traditionellen Herero- und Nama-Vertreter zur Aufarbeitung des Genozids und zu Entschädigungsfragen durch direkte Gespräche ignoriert“, ließ sich Bob Kandetu, Sprecher des Herero-Opferverbands diese Woche in einer Pressemitteilung zitieren. Der Verband kündigte daher an, Deutschland vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu verklagen.

Auch Israel Kaunatjike, in Berlin lebender Herero-Aktivist, kritisiert das deutsch-namibische Verhandlungsformat: „Die Bundesregierung verhandelt nur mit der namibischen Regierung, das akzeptieren wir nicht“, sagt er. „Die namibische Regierung sollte nur Mediator sein, nicht alleiniger Gesprächsführer.“ Seiner Ansicht nach vertritt die namibische Regierung nicht die Interessen der Opfer. Die Herero seien nicht nur als Volk fast ausgelöscht und durch Vertreibungen und Flucht geografisch zerstreut worden, sie seien auch nach dem Abzug der Deutschen schwer benachteiligt worden.

Auch Genozid-Forscher Brehl sagt: „Die Herero sind in Namibia politisch marginalisiert. Das ist auch eine Folge des Völkermordes.“ Er halte zwar alles andere als bilaterale Verhandlungen zwischen den Regierungen für völkerrechtlich schwierig, könne sich aber im Anschluss durchaus gesonderte Gespräche mit den Herero vorstellen. „Namibia hat nicht als Ganzes gleichermaßen gelitten“, sagt er. „Ich kann das Anliegen der Herero daher sehr gut verstehen, an den Gesprächen beteiligt zu sein.“
 
Die meisten Experten gehen davon aus, dass es demnächst zu einer offiziellen Entschuldigung des Bundestags kommen wird. Interessant bis heikel wird der Schritt danach: die Frage von Entschädigungszahlungen. Polenz sagt: „Nach über 100 Jahren kann es nicht mehr um persönliche Entschädigungen an die Ur-ur-Enkel gehen.“ Für Israel Kaunatjike steht außer Frage, dass Geld fließen muss. Nötig sei aus seiner Sicht, Land zu kaufen, um Nachkommen vertriebener Herero zu repatriieren. Auch müsse man über den staatsbürgerlichen Status der Nachkommen deutscher Kolonialisten reden, außerdem müssten Schulen wie Infrastruktur in Herero-Gebieten verbessert werden. Einfach nur die deutsche Entwicklungshilfe zu erhöhen – Namibia bekommt seit der Unabhängigkeit 1991 die größte Pro-Kopf-Entwicklungshilfe aus Deutschland, insgesamt wurden nach Angaben der Bundesregierung rund 870 Millionen Euro gezahlt – sei inakzeptabel, von dem Geld komme zu wenig bei den Herero an. Kaunatjike sagt aber auch: „Wir wollen nicht einfach nur Geld.“ Zuerst gehe es um ein Eingeständnis der deutschen Verantwortung und um eine Entschuldigung.