Geschichte Kindesentzug: In der DDR von den Eltern getrennt

Berlin / Maria Neuendorff 02.10.2018
In der DDR wurden Kinder von ihren Eltern getrennt. Auch nach 30 Jahren suchen viele nach Angehörigen. Ein Beispiel.

Susanne Knabe ist als Kind von Republikflüchtlingen in DDR-­Heimen aufgewachsen. Sie wurde mit Elektroschocks gequält und vom Pflegevater missbraucht. Auch 28 Jahre nach der Wende sucht die Berlinerin wie viele Zwangsadoptierte immer noch nach ihren Geschwistern.

Die ersten Erinnerungen, die sie an ihre Kindheit hat, sind Gebrüll und Schläge. Sie weiß, dass sie in den dunklen Keller musste, wenn sie bestraft wurde. Von ihrer Zwillingsschwester hat die 48-Jährige dagegen keine Bilder im Kopf. „Da ist nur dieses Gefühl, dass wir so verbunden waren, dass sie uns extra nicht nebeneinander gesetzt haben.“ Ungefähr drei Jahre alt muss sie gewesen sein, als man sie von ihrer Schwester trennte, glaubt Susanne Knabe. Sie weiß nicht einmal ihren Vornamen. Sie hat nur das eine Foto. Es zeigt beide Mädchen in der heimtypischen Einheitskleidung.

Das Bild kam nach der Wende anonym per Post. Kurz nachdem Susanne Knabe das erste Mal im Standesamt Gardelegen (Sachsen-Anhalt) angerufen hatte, um Licht in das Dunkel ihrer zerrissenen Biografie zu bringen. Wenn in diesen Tagen der 28. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert wird, ist für Susanne Knabe immer noch nicht zusammengewachsen, was zusammen gehört.

Geschwister angeblich tot

Susanne Knabe sucht nicht nur ihre Zwillingsschwester (*10. April 1970), sondern noch die älteren Geschwister Axel Knabe und Margot Knabe. Beide wurden 1966 und 1967 in Schönebeck an der Elbe geboren. Und beide sollen im Kleinkindalter plötzlich über Nacht zu Hause verstorben sein. Doch Susanne Knabe findet keine Gräber. Sie findet nur Ungereimtheiten.

Schon als Kind hat sie Friedhöfe abgesucht. „Sie behaupteten immer, meine Eltern sind tot.“ Heute weiß sie, dass sie kurz vor ihrer Geburt aus der DDR fliehen wollten. Der leibliche Vater saß deshalb bis 1972 in Haft.  Die Mutter wurde in ihre Heimat Oberwesel am Rhein nach Westdeutschland abgeschoben. In die DDR übergesiedelt war sie Jahre zuvor mit einem Stasi-Mann. Peter K. war „U-Offizier in besonderem Einsatz. Er war attraktiv.“ Ein sogenannter Romeo-Agent, der auf Westfrauen angesetzt wurde.

Peter K. lebt seit 1991  in Namibia. Ihr leiblicher Vater ist tot. Das Verhältnis zur Mutter, die sie nach der Wende kennenlernte, ist schwierig. „Sie ist bis heute nicht in der Lage, offen über alles zu reden.“ Um ihre eigene Biografie wie ein Puzzle zusammenzusetzen, muss sie sich alle Informationen mühsam zusammensuchen. Auszüge aus Melderegistern, Stasiunterlagen und Heim-Protokollen füllen mehrere Ordner.

Sie selbst  kam im Alter von drei Jahren allein ins Vorschulkinderheim Lüttgenziatz. Im Dezember 1975 reist ihr leiblicher Vater dorthin, um sie zu sich zu holen. Doch er bekommt das Kind nicht einmal zu Gesicht.  Auch der Antrag der Mutter auf Übersiedlung ihrer Tochter wird abgelehnt. „Alleine 1972 wurden 1179 Kinder von republikflüchtigen Eltern in der DDR festgehalten“, hat Heidrun Budde von der Uni Rostock recherchiert.  „Die Familienzusammenführungen wurden mit der Begründung abgelehnt, dass dadurch nur andere zur Flucht angeregt würden“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Elektroschocks und Spritzen in den Unterleib

Stattdessen sollen sich Susanne und andere Heimkinder jeden Sonntag für Adoptionsbewerber hübsch machen. „Wir wurden begutachtet wie im Zoo. Wenn ich mich verweigerte, schleuderten sie mich schon mal an den Haaren an die Wand.“ Eines Tages wird sie mit einem Köfferchen zum Bahnhof gebracht. Ein Paar aus Oebisfelde, er Grenzoffizier, sie Reichsbahnsekretärin, hat sich das Kind ausgeguckt. Zum Kennenlernen geht es zwei Wochen in den Urlaub.

Anfangs genießt das Kind die Freiheiten. Endlich lachen dürfen, einfach rennen, statt immer nur in Reihe und Glied zu gehen. Doch die Körperlichkeit, mit der sich der Adoptiv-Vater in spe ihr nähert, ist dem Mädchen zuwider. Als sie gegen die Adoption aufbegehrt, wird die Siebenjährige in die Kinderpsychiatrie Uchtspringe zur „operativen Arbeit“ weitergeleitet. Elektroschock-Therapie ohne Narkose. „Ich habe gebettelt, geschrien und geheult, dass sie bitte aufhören. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie sogar Spaß dran hatten.“ Dazu gibt es  Spritzen in den Unterleib zur angeblichen Blasenstärkung. „Diese fürchterlichen Quälereien unter dem Denkmantel der Medizin, um Menschen zu ,bekehren’, waren vielfältig“, sagt DDR-Forscherin Budde.

Vom Pflegevater missbraucht

Nach neun Monaten Martyrium kommt die Achtjährige dann in die neue Familie. Im Kinderzimmer stehen ein grünes Kanapee und ein großer Schrank. „Darin war seine Briefmarkensammlung.“

Von März 1978 bis Juni 1980 vergeht sich der Pflegevater immer wieder an dem Kind. „Er hat mich teilweise fast erwürgt dabei.“ Nach zwei Jahren klaut sich die Elfjährige schließlich ein Fahrrad und  flieht zurück ins Heim.

Susanne Knabe ist eine toughe Frau mit Tätowierungen auf dem Arm. Nach der Wende hat sie sich zur Altenpflegerin ausbilden lassen, einen Sohn großgezogen, eine Krebserkrankung besiegt. Doch wenn diese Ohnmachtsgefühle wieder hochkommen, dann raubt ihr das den Atem. Tränen fluten die stahlblauen Augen. „Wir waren der Abschaum der Gesellschaft“.

Doch Susanne Knabe will keine Rache. „Nur die ganze Wahrheit wissen, damit ich endlich abschließen kann.“ Als Vorstand des Vereins „Geschwister Suche“ hilft die Berlinerin inzwischen auch anderen Betroffenen. „Es ist seelisch zermürbend, dass oft Jahre vergehen, bevor man überhaupt eine Antwort von Ämtern erhält“, kritisiert Susanne Knabe. Alleine auf ihre Geburtsanzeige aus dem Krankenhaus musste sie fast 30 Jahre lang warten. Erst vor wenigen Tage kam endlich die Bestätigung der Friedhofsverwaltung aus Schönebeck, dass die Geschwister Margot und Axel dort  nie bestattet wurden.

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