Berlin In Bulgarien regiert die organisierte Kriminalität

Berlin / NORBERT MAPPES-NIEDIEK 08.03.2013
Die Grenzkontrollen zu Bulgarien und Rumänien bleiben bestehen. Das hat Deutschland mit seinem Veto erreicht. Grund ist unter anderem die grassierende Kriminalität. Ein Beispiel aus Bulgarien.

Organisierte Kriminalität. Mit seiner Selbstverbrennung rüttelt ein 36-Jähriger Bulgarien auf: Der Kletterer und Kunstfotograf Plamen Goranow war einer der Anführer der Massenproteste gegen die Regierung und die hohen Strompreise in der Schwarzmeerstadt Warna. Am Wochenende erlag er seinen Verletzungen. Am Mittwoch trat in Warna der Bürgermeister zurück, der Stadtrat will es ihm gleichtun. Junge Leute hatten zuvor Steine vor dem Rathaus aufgetürmt, ein rohes, weithin sichtbares Denkmal für den toten Goranow. Tausende versammelten sich zur Trauerfeier. Sein Name, hoffen sie, soll das Fanal für eine Revolution sein.

Revolution wogegen? Das System TIM, aus dem Plamen Goranow keinen Ausweg mehr sah. TIM ist zunächst der Name einer Firma mit etwa 1200 Beschäftigten: Leibwächter, Monteure von Alarmanlagen, Sicherheitsleute. Zugleich aber ist TIM, gegründet 1993 von zwölf Elitesoldaten der Volksarmee, weit mehr. Firmenchef Tichomir Iwanow Mitew, 54, sitzt in den Aufsichtsräten der größten und wichtigsten Konzerne. Seine Holding betreibt Hotels, Schwarzmeerbäder, Videotheken, Spielhallen, zwei Fluglinien, sechs Fernsehsender und die größte Zeitung von Warna. Seine Handelsfirma Chimimport kontrolliert den Im- und Export von Dünger, Erdölprodukten und Chemikalien.

Mindestens so weit gestreut wie die dokumentierten Geschäfte sind die Vorwürfe, denen TIM ausgesetzt ist, die aber nie zu einer Verurteilung von Mitew und seinen Leuten geführt haben: Schutzgelderpressung, Einschüchterung, Prostitution, Drogenhandel, organisierter Autodiebstahl. Die Abkürzung kann sich auf Mitews Initialen beziehen, aber auch auf die Vornamen der drei wichtigsten Männer: Tichomir Mitews selbst, des 42-jährigen Iwo Georgiew, des Finanzchefs, sowie dem von Mitews Bruder Marin (55). TIM ist in Bulgariens Wirtschaft der wichtigste Machtfaktor, seit der Chef des bis dahin dominierenden kriminellen Netzwerks Multigrup, Ilija Pawlow, vor zehn Jahren erschossen wurde.

Mit den Mitews legt sich wenigstens im Nordosten Bulgariens keiner an, am wenigsten ein Politiker. Kiril Jordanow, der jetzt zurückgetretene Bürgermeister von Warna, galt als der Mann von TIM, was nicht einmal er selbst dementierte; er diente schon in der vierten Amtszeit den Interessen des Konzerns. Die letzte Wahl schlug er auf dem Ticket von Gerb, der Partei von Premier Bojko Borissow, der vorige Woche unter dem Eindruck der vielen Proteste ebenfalls zurücktrat. In einem ihrer letzten Beschlüsse sprach seine abtretende Regierung einer TIM-Firma ein 160 000-Quadratmeter-Grundstück auf dem Sofioter Flughafen zu - ohne Ausschreibung.

Jordanow sei das "kleinere Übel" gewesen, rechtfertigte jetzt Borissows Vize Zwetan Zwetanow die Zusammenarbeit mit dem zwielichtigen Bürgermeister von Warna. Was das größere Übel gewesen wäre, sagte er nicht. Etwa 100 Gruppen der organisierten Kriminalität gibt es in Bulgarien nach Schätzung der zuständigen Polizeibehörden, alle mit einem legalen und einem illegalen Zweig. Ihre Bosse heißen "Gandhi", "der Pascha" oder auch "der Schädel", und jedermann kennt sie. Manche Parlamentarier stehen direkt auf ihrer Gehaltsliste. Andere suchen mit den Bossen wenigstens ein Arrangement - wie einst sogar der Regierungschef und Ex-König Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha, der sich mit Pawlow traf, und Ahmet Dogan, der starke Mann der türkischen Minderheit, der sich zum Begräbnis des Gangsterbosses einfand.

Vorwürfe wie diese sind es, die den Beitritt Bulgariens zum Schengen-Raum verhindert haben. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bekräftigte beim Treffen der EU-Innenminister das deutsche Nein: "Derzeit ist die Zeit nicht reif." Der Minister warnte vor den Folgen offener Grenzen. So könnten Nicht-EU-Bürger, die sich in Rumänien und Bulgarien aufhielten, ohne Kontrolle in die EU weiterreisen: "Das hat etwas mit der Sicherheit unserer Bürger zu tun, und da kann es keine Kompromisse geben."

Als sich Plamen Goranow verbrannte, waren nach Augenzeugenberichten vier Kameras dabei, zwei der örtlichen Polizei, zwei der Stadtverwaltung. Der Mann hatte seine Selbstverbrennung angekündigt. Eigentlich hatte er dem Bürgermeister bis zum Abend desselben Tages ein Ultimatum stellen wollen. Dann aber, behaupten seine Freunde, hätte ein Unbekannter ihn vor der Zeit angezündet.

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