Berlin Immer mehr wollen kleinen Waffenschein

AFP 10.02.2016
Nachfrage nach so genannten kleinen Waffenscheinen ist in den vergangenen Wochen sprunghaft angestiegen. Mit einem Kommentar von Christoph Faisst: Trügerische Sicherheit.

Nachfrage nach so genannten kleinen Waffenscheinen ist in den vergangenen Wochen sprunghaft angestiegen. Zwischen Ende November und Ende Januar hätten die Behörden rund 21.400 solcher Erlaubnisse zum verdeckten Mitführen von Schreckschuss- oder Reizgaswaffen ausgegeben, teilte das Bundesinnenministerium auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic mit. Das entspreche einem Zuwachs von 7,7 Prozent binnen zwei Monaten. Ende November waren demnach im Nationalen Waffenregister rund 279.500 kleine Waffenscheine verzeichnet, Ende Januar waren es bereits 300.900.

Zu den Gründen machte das Ministerium keine Angaben. Die Beweggründe der Antragssteller werden nicht im Waffenregister erfasst. Mihalic vermutete eine Zusammenhang mit einer wachsenden Verunsicherung der Bevölkerung. Ihr bereite das Sorge: "Gerade in großen Menschenmengen kann allein die Andeutung, solche Waffen einsetzen zu wollen, die Lage auf gefährliche Weise chaotisieren.",

Der kleine Waffenschein berechtigt zum verdeckten Führen zugelassener Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen (SRS-Waffen) außerhalb privater Grundstücke. Der Erwerb dieser Waffen ist für Erwachsene frei, für das Mitführen in der Öffentlichkeit ist aber eine Erlaubnis nötig. Mihalic warnte davor, die SRS-Waffen zu verharmlosen.

Kommentar von Christoph Faisst: Trügerische Sicherheit

Deutschland rüstet auf. Pfefferspray gehört in immer mehr Hand- und Hosentaschen zur Grundversorgung. Und das, obwohl Händler oft und aus gutem Grund vom Kauf abraten - was manche nicht hindert, jetzt die extragroße Sprühflasche, die man bis dato nur von harten Polizeieinsätzen à la française kannte, für knapp 70 Euro prominent ins Schaufenster zu stellen.

Jetzt steigt obendrein die Zahl derer, die einen kleinen Waffenschein beantragen, mit dem sie eine Gaspistole mit sich herumtragen dürfen. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Abseits des Leids der Opfer der Silvesterübergriffe ist das negative Sicherheitsgefühl die wohl fatalste Auswirkung dieser Nacht von Köln: Waren die vergangenen Jahre vom Wunsch geprägt, privaten Waffenbesitz zu beschränken, hat sich der Trend nun umgekehrt.

Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Und doch hören immer mehr auf sie. Sicherheitspolitiker, denen sie ein willkommener Treibsatz für Gesetzesverschärfungen ist, ebenso wie verstörte Bürger. Zum Leidwesen der Sicherheitsorgane. Zum einen, weil die Aufrüstung das tiefe Misstrauen zum Ausdruck bringt, das viele einem Staat entgegenbringen, von dem sie glauben, er könne sie nicht mehr schützen. Zum anderen, weil jede Waffe ein unnötiges Eskalationsrisiko mit sich bringt.

Der kleine Waffenschein legalisiert das Pistölchen der Besorgten. Doch Hand aufs Herz: Wer traut sich, untrainiert und obendrein im Stress, zu, einen oder mehrere Aggressoren entschlossen kampfunfähig zu machen - mit einem Gerät, das er zum ersten Mal bedient? Die Sicherheit, die es verspricht, ist trügerisch.