Immer mehr radikale Salafisten predigen in Berlin

Abdul Adhim Kamouss in der Berliner Al-Nur Moschee: Sein Fernsehauftritt bei Günther Jauch machte den radikalen Imam deutschlandweit bekannt.
Abdul Adhim Kamouss in der Berliner Al-Nur Moschee: Sein Fernsehauftritt bei Günther Jauch machte den radikalen Imam deutschlandweit bekannt. © Foto: Actionpress
PETER GÄRTNER 13.10.2014
In Berlin entstehen zunehmend "Keller-Moscheen", etwa in Souterrain-Wohnungen. Dem Neuköllner Migrationsbeauftragten Mengelkoch bereiten sie große Sorgen. Dort predigen oft radikale Islamisten, sagt er.

Offiziell gibt es im Berliner Bezirk Neukölln 17 Moscheen, darunter einige mit einem zweifelhaften demokratischen Leumund. Dazu zählt die fundamentalistische Al-Nur-Moschee, in der schon etliche berüchtigte Hass-Prediger aufgetreten sind. In dem grauen Betongebäude im Brennpunktkiez predigt auch    Abdul Adhim Kamouss, der mit seinem Redeschwall bei Günther Jauch kürzlich bundesweit bekannt wurde.    Der 37-jährige Imam propagiert eine besonders radikale Form des Islam, die sich auf die Lehren der Altvorderen bezieht, die zu der Zeit des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert lebten.

Kamouss gilt in der Hauptstadt als "Moslem-Macher", weil wegen seiner charismatischen Auftritte eine Reihe junger Deutscher zum Islam konvertierten. Zu seinen Ansichten zählen, dass beispielsweise Frauen einen männlichen Vormund bräuchten und dass Männer einen Vollbart tragen müssen - wie der Prophet. Rasieren hält Kamouss für eine Sünde. Diese Ideologie nach der Richtung der erzkonservativen Salafisten bildet auch die Grundlage für militante Dschihadisten; Gewalt lehnt der Imam allerdings grundsätzlich ab.

Nicht nur die Al-Nur-Moschee hat seit Monaten beachtlichen Zulauf von jungen Männern in Jeans und Turnschuhen. "Größere Sorgen bereiten uns die ,Keller-Moscheen, die sich in Hinterhöfen oder in Souterrain-Wohnungen befinden, und sich nicht in das Verzeichnis der Religionsgemeinschaften aufnehmen lassen wollen",  sagt der Neuköllner Migrationsbeauftragte Arnold Mengelkoch im Gespräch mit unserer Zeitung .

Mengelkoch hört von Nachbarn der Betstätten, dass in diesen Keller-Moscheen keine Frauen verkehren, sondern nur Männer mit Bärten und Rauscheklamotten. Er weiß inzwischen, dass "Headhunter", wie Mengelkoch sie nennt, Jugendliche auf Bolzplätzen und in Fitness-Studios ansprechen, um sie in die Kellerräume zu locken: "Kommt mit auf eine Tasse Tee, wir reden miteinander." Mengelkoch sagt: "Was ich so vernehme von Insidern, ist eine in diesen Kreisen wachsende Begeisterung für die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Von daher ist es auch kein Wunder, dass diese Gespräche nicht in offiziellen Moscheen geführt werden." Zwar kennt er nur vom Hörensagen Fälle, in denen junge Berliner nach Syrien oder Irak aufgebrochen sind. Doch er beobachtet, wie bestimmte Moscheen zu einer Macht im 330.000 Einwohner zählenden Neukölln werden: "Die Salafisten breiten sich inzwischen aus wie ein Krake."

Dass der frühere Innensenator Ehrhart Körting (SPD) mehrfach die Al-Nur-Moschee besucht hat, obwohl die schon länger im Berliner Verfassungsschutzbericht einen festen Platz einnimmt, hält Mengelkoch für einen Fehler. So konnte der Imam in der Jauch-Sendung mit einem Schreiben Körtings wedeln, in dem sich der Senator vor wenigen Jahren für seinen Einsatz gegen Gewalt bedankte.

 Etwa zur gleichen Zeit rührte Kamouss zusammen mit dem Berliner Rapper Dennis Cuspert alias Deso Dogg die Werbetrommel für salafistische Islam-Seminare.  Der Ex-Rapper wird mittlerweile dem engeren IS-Zirkel zugerechnet und soll an Gräueltaten in Syrien beteiligt gewesen sein. Laut "Spiegel" will die Bundesregierung Cuspert auf die UN-Terrorliste setzen lassen: Damit wäre der IS-Kämpfer, dessen Videos schon einige junge Dschihadisten zur Ausreise ins Kriegsgebiet bewegt haben sollen, von Geldströmen und Reisemöglichkeiten abgeschnitten. Zugleich sollen damit auch potentielle "Gotteskrieger" aus Deutschland abgeschreckt werden.

 Während Deso Dogg , der jetzt weltweit vom Bundeskriminalamt gesucht wird, ein bekanntes Gesicht hat, sind die meisten der mehr als 400 deutschen Salafisten, die bislang in den "Heiligen Krieg" zogen, für die Sicherheitsbehörden unbeschriebene Blätter. Manche Rückkehrer gelten als tickende Zeitbomben, zumal sie nicht unbedingt wie der 9/11-Attentäter Mohammed Atta aussehen und eben auch Namen wie Klaus Deffert oder Dieter Müller tragen.

Tahir D., der seit mehr als 20 Jahren in Berlin lebt, hat über seine Söhne erfahren, dass die nach Berlin zurückgekehrten Dschihadisten "fast wie Heilige" in der kleinen radikalisierten Szene verehrt würden. Nach Angaben der Sicherheitsbehörden leben unter den mehr als 250 000 Muslimen der Hauptstadt nur knapp 600 Salafisten, Tendenz allerdings steigend. Der einst aus Syrien geflohene Techniker Tahir D. beobachtet, wie manche muslimische Jugendliche gerade in den sozialen Brennpunktkiezen Neukölln, Kreuzberg und Wedding nach Anerkennung und Gemeinschaftsgefühl lechzen. "Die vorrückende Terrormiliz IS verspricht ihnen ein Leben voller Abenteuer und vor allem unter Gleichgesinnten", sagt er. Mehr noch: Im Internet sei kürzlich eine Karte zu sehen gewesen, die die Größe des Kalifats zeigt, das der IS erschaffen will. Das skizzierte neue Weltreich reiche von Westafrika bis zum Himalaja und umfasse auch Südosteuropa und die iberische Halbinsel. "Für radikale Gotteskämpfer", sagt Tahir D., "ist das genau die Vision, die sie benötigen."

Bundesweite Islamisten-Szene

Gefahr Hassprediger, "Scharia-Polizei" und Rückkehrer aus dem syrischen Bürgerkrieg: Die deutschen Behörden warnen seit langem vor einer Radikalisierung junger Muslime in Deutschland. Bundesweit wächst nach Ansicht der Verfassungsschützer die Bereitschaft zum bewaffneten Kampf und zu Terroranschlägen.

Schätzungen Mehr als 43 000 Menschen gehören nach Schätzungen zur islamistischen Szene in Deutschland. Der Anteil der deutschen Staatsangehörigen unter ihnen hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Propaganda Muslime sollen mit islamistischer Propaganda in Deutschland zu Spenden für die Kämpfer in Syrien und im Irak bewegt werden. Benefizveranstaltungen im Umfeld meist salafistisch geprägter Moscheen werden laut Verfassungsschutz regelmäßig im Bundesgebiet abgehalten. Die Salafisten wollen der Gesellschaft ihre als "gottgewollt" propagierten Normen aufzwingen.

Sorge Deutschland ist seit langem Ziel islamistischer Terroristen. Bis auf einen konnten bislang alle Anschläge vereitelt werden, oder sie schlugen fehl.

Im März 2011 erschoss ein junger Kosovo-Albaner auf dem Flughafen in Frankfurt zwei US-Soldaten. Sorge bereiten den deutschen Sicherheitsbehörden jene, die auf Seiten der Islamisten - etwa in Syrien oder im Irak - gekämpft haben und zurückkehren. Oft sind sie radikaler als zuvor.

Anschlag Erst gestern verübte nach übereinstimmenden Angaben von Dschihadisten und Kurden ein deutscher Islamist im Nordosten des Iraks einen Selbstmordanschlag. Neben zwei anderen Attentätern starben bei der Attacke mindestens 14 weitere Menschen.

 

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