Hintergrund Im Kampf gegen Aids fehlt Geld

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Berlin / Thomas Block, Dieter Keller 28.07.2018

Eigentlich, sagt Holger Wicht von der Deutschen Aids-Hilfe, habe man schon viel erreicht im Kampf gegen den HI-Virus. „Die Dramatik, die Aids in den 80ern und 90ern hatte, die will man wirklich nicht zurück haben“, sagt er. „Das war eine unvergesslich schreckliche  Zeit.“ Eine Infektion war lebensbedrohlich, die Epidemie verbreitete sich rasend schnell überall auf der Welt.

Heute ist das  anders. Auf der Welt-Aids-Konferenz wurde nun noch einmal wissenschaftlich bestätigt, was vorher bereits bekannt war: Ein HIV-positiver Mensch in Behandlung trägt mit modernen Medikamenten so wenige Viren in sich, dass er niemanden mehr anstecken kann. Vor 20 Jahren wäre das eine sensationelle Nachricht gewesen.

In diesen sensationellen Zeiten ist gestern die 22. Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam zu Ende gegangen. 3000 Forschungsarbeiten aus 100 Ländern wurden vorgestellt, zur Eröffnung am Sonntag kamen 15 000 Menschen.  Der medizinische Fortschritt hat auch dazu geführt, dass der Krankheit nicht mehr so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie manche es sich wünschen würden.

„HIV ist ein Thema, das noch sehr viel Aufmerksamkeit verdient“, sagt Wicht. „Es sterben noch immer sehr viele Menschen an Aids, obwohl wir das verhindern könnten.“  Eigentlich hatte sich die Uno das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2030 die Epidemie zu beenden. Doch in etwa 50 Ländern nimmt die Zahl der Infizierten zu.

Im Jahr 2017 waren weltweit 36,9 Millionen Menschen mit HIV infiziert, die meisten davon in Afrika, schätzt UNAids, eine Organisation der Uno. Jeder Vierte weiß nicht, dass er infiziert ist. Im vergangenen Jahr infizierten sich 1,8 Millionen neu und 940 000 starben an Krankheiten, die auf Aids zurückzuführen waren. Trotzdem bekommen weltweit nur 21,7 Millionen die notwendigen Medikamente, also gerade mal etwa 60 Prozent der Infizierten.

„Eine Katastrophe“ sei das, sagt Wicht. „Da muss die Weltgemeinschaft, da muss Deutschland helfen – auch finanziell.“ Laut Aidshilfe fehlt der UNAids, allein für das laufende Jahr 50 Millionen Euro. „UNAids weiß nicht einmal, wie sie ihr Programm bis Ende des Jahres finanzieren soll.“ Das ist besonders dramatisch, weil gerade die Länder mit den meisten HIV-Infektionen auf die Arbeit von solchen Organisationen angewiesen sind.

Eine Harvard-Studie geht davon aus, dass in den betroffensten Ländern  80 Prozent der Mittel für den Kampf gegen die Krankheit aus der Entwicklungshilfe kommen. „Wir haben alle Mittel, die HIV-Epidemie dauerhaft in den Griff bekommen und Aids zu beenden. Aber zu viele Menschen sind von Prävention und Behandlung ausgeschlossen. Viele Menschen infizieren sich, erkranken und sterben, weil die Verantwortlichen zu wenig tun“, sagt Sven Warminsky vom Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe.

Besonders beunruhigt die Experten, dass die Neuinfektionen in Osteuropa und Zentralasien stark zunehmen. Dort gebe es jährlich 130 000 neue HIV-Infizierte, davon 80 Prozent in Russland, und nur eine Minderheit habe Zugang zu Medikamenten, schätzt UNAids. „Das ist besonders dramatisch, weil hier wirksame Methoden aus ideologischen Gründen nicht angewendet werden“, sagt Wicht. „In Russland wird die heterosexuelle Treue als zentrale Präventionsmaßnahme in den Vordergrund gestellt.“ Mit der Lebenswirklichkeit habe das nichts zu tun. Die meisten Neuinfektionen kämen über infizierte Spritzen beim Drogenkonsum.

In Deutschland lebten Ende 2016 nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts insgesamt 88 400 Menschen mit dem HI-Virus. Jeder Siebte wusste nichts von seiner Infektion. Neu infizierten sich in Deutschland 2500 Männer und 570 Frauen. In Baden-Württemberg gab es Ende 2016 etwa 10 000 Infizierte, davon ein Viertel Frauen. Neu infizierten sich im Südwesten 300 Menschen, 45 starben.

Der Virus
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