Die römischen Verkehrsbetriebe sind praktisch pleite: 140 Millionen Euro Verlust im vergangenen Jahr und knapp 60 Millionen Minus im ersten Quartal 2015. Doch Touristen staunen in der brütenden Sommerhitze nicht nur über überfüllte Busse ohne Klimaanlage und U-Bahnen, die von einem nicht erklärten Streik gelähmt werden. An malerischen Ecken der römischen Altstadt blicken sie auf wilde Mülldeponien, wenn sie nicht gerade Erholung in Grünanlagen suchen, deren Verantwortliche seit dem letzten Korruptionsskandal kein Gras mehr mähen.

Roms Bürgermeister Ignazio Marino war vor zwei Jahren als Außenseiter angetreten, der die verkrusteten Machtstrukturen in den kommunalen Einrichtungen aufbrechen wollte. In einer Urwahl und gegen den Willen der Parteiführung der Demokraten von Ministerpräsident Matteo Renzi zum Kandidaten gekürt, kämpft er mittlerweile nicht nur gegen den Mangel an sichtbaren Erfolgen sondern auch mit Gegenwind aus dem Regierungssitz Palazzo Chigi.

"Sie sollen sich um konkrete Dinge kümmern, um die Probleme der Leute", griff Renzi vor wenigen Tagen wütend Marino und Rosario Crocetta an, den Gouverneur von Sizilien, der ein Ende mafiöser Strukturen versprochen hatte. "Wenn sie in der Lage sind, zu regieren, sollen sie weitermachen, andernfalls sollten sie nach Hause gehen."

Von den Vorschusslorbeeren der Vorwahlen für den auf Lebertransplantationen spezialisierten Chirurgen Marino ist in Rom nichts mehr übrig. 70 Prozent seiner Wähler sind nach jüngsten Umfragen enttäuscht. Der Mann, der gern Fahrrad fährt, wird von Freund und Feind gerne zum Sündenbock für alte und neue Übel der Stadt gemacht. "Entweder wird eine Einigung für mehr Effizienz im Interesse der Bürger gefunden oder ich muss neue Unternehmensstrukturen unter Einbeziehung Privater erwägen", drohte der 60-Jährige den Mitarbeitern der Verkehrsbetriebe. Sie sträuben sich gegen eine Verlängerung der Arbeitszeiten. Und die geplante Pflicht, Beginn und Ende ihrer Arbeitszeit mit Hilfe einer Magnetkarte zu dokumentieren, bietet ihnen seit Anfang Juli Grund für einen Bummelstreik.

Mitten im Sommer verkehren bei hohem Touristenaufkommen plötzlich weit weniger U-Bahnen als gewöhnlich. Ein Zug fuhr vor wenigen Tagen mit offenen Türen und konnte nicht stoppt werden, weil die Notbremse defekt war. Erboste Pendler blockierten aus Protest gegen Zugausfälle vorübergehend die Gleise eines Bahnhofs. Auf dem Höhepunkt der Querelen um das unhaltbar verschuldete Unternehmen tauschte der Bürgermeister den Verwaltungsrat der Verkehrsbetriebe aus. Die von der Pleite bedrohte Gesellschaft soll rekapitalisiert werden. Doch diese Pläne sorgen noch nicht für sichtbare Erfolge. "Die Ereignisse der vergangenen Wochen sind inakzeptabel", gestand Marino ein. "Bummelstreiks sind eine feige Art des Arbeitskampfs", schimpft der Leiter des Verbraucherschutzverbands Federconsumatori, Rosario Trefiletti. "Er schädigt die Nutzer und gehört schlicht verboten." Überdies verschlinge das städtische Unternehmen Milliarden an Subventionen, um Defizite zu erwirtschaften und hunderte von Günstlingen einzustellen.

Wer an der Station "Colosseo" ausstieg, wurde vor wenigen Tagen von einem anderen Streik überrascht. Wegen einer Gewerkschaftsversammlung blieb Roms berühmtestes Denkmal einen halben Tag lang geschlossen. "We apologize for the inconvenience", hieß es dazu entschuldigend auf einem notdürftig mit Klebeband an der Kasse befestigten Schild.

Marino führt derartige Proteste auf Widerstand gegen seine Versuche zurück, verkrustete Machtstrukturen in den städtischen Betrieben aufzubrechen. "Seit Monaten habe ich die Mechanismen unterbrochen, mit denen Geld direkt weitergeleitet wurde, und die zur Unterwanderung durch Mafia Capitale bis an die Spitzen der Verwaltung führten."

Mafia Capitale tauften die Ermittler ein korruptes System, mit dem öffentliche Aufträge vergeben wurden. Dessen Verantwortliche konnten sich blind auf die Zustimmung des Stadtrats verlassen. "Diese Stadträte müssen uns gehorchen", erklärte Salvatore Buzzi, Leiter einer Kooperative für Flüchtlingswohnungen seinem Komplizen Massimo Carminati am Telefon.

Nach den Skandalen um die Vergabe öffentlicher Aufträge durch die Stadtverwaltung, die Fast-Pleite der Verkehrsbetriebe und die zunehmende Verschmutzung der Stadt gilt der Bürgermeister nach wie vor als integer, vielen jedoch auch als zu schwach. "Ich fühle mich verantwortlich dafür, dass ich den Reset-Knopf gedrückt habe, dass ich Methoden unterbunden habe, die Kriminelle begünstigten", sagt der müde wirkende Mann mit dem dunklen Dreitagebart. Für umfassende Veränderungen seien Monate erforderlich, sagt er an die Adresse der Bürger gerichtet.

Egal, wie viele zusätzliche Schichten Straßenkehrer in Rom einlegen, Plastikbecher und Pizza-Kartons bedecken in vielen Teilen der Altstadt jeden Morgen Plätze und Gassen. Und gegen Busladungen von Touristen, die ihre Eisbecher gemeinschaftlich auf das Pflaster werfen, werden auch die bis Jahresende geplanten zusätzlichen 10.000 Mülleimer wenig ausrichten. "Wir haben die Recycling-Quote von 20 auf 45 Prozent erhöht", sagt Marino zu Vorwürfen, seine Stadt versinke immer mehr im Müll. "Ich glaube an die öffentliche Hand, aber wenn das Abfallunternehmen nicht in der Lage ist, die Stadt sauber zu halten, sehe ich mich gezwungen, mich an Private zu wenden."

In den Chor der für Zynismus und chronische Unzufriedenheit berühmten Römer stimmte zuletzt sogar die "New York Times" mit einem Artikel auf der ersten Seite über Roms Verfallserscheinungen ein. "Seine Tugend ist auch sein Hauptproblem", urteilt auch der investigative Journalist Carlo Bonini. Marino sei in den üblen Kreisen, die Macht ausübten, zu wenig vernetzt. "Er kennt die Welt zu wenig, in der er operiert."

Innenminister Angelino Alfano erwog angesichts der scheinbaren Unregierbarkeit der Ewigen Stadt, Rom unter kommissarische Leitung zu stellen. Nun versucht Marino mit einem kompletten Umbau seiner Regierungsmannschaft im Stadtrat einen letzten Befreiungsschlag.

Die Hälfte fährt Schwarz

Die Stadt Rom hat 2,8 Millionen Einwohner. Das Volumen des städtischen Haushalts liegt bei 5,5 Milliarden Euro. In Rom gibt es 25.000 städtische Angestellte und 37.000 Beschäftigte bei kommunalen Unternehmen. Die Verkehrsbetriebe ATAC erwirtschafteten 1,2 Milliarden Euro Verluste in acht Jahren. 40 Prozent der Nutzer fahren schwarz. Es gibt 250 Fahrkartenkontrolleure, ihre Zahl soll auf 500 verdoppelt werden.