Vor Jahren prophezeite Alfred Dänzer in Vorträgen, das deutsche Kliniksystem werde über kurz oder lang zusammenbrechen. Zu sehr gehorche es betriebswirtschaftlichen Vorgaben. Jetzt ist der Geschäftsführer des Klinikums Mannheim selbst ein prominentes Opfer dieses Systems geworden, auf das er sich eingelassen aht. Er tritt Ende November von seinem Posten zurück.

Dänzer übernehme die Verantwortung für die Hygienemängel, sagte gestern Peter Kurz. Der Mannheimer Oberbürgermeister (SPD) ist Aufsichtsratsvorsitzender der Klinik. Er zeigte sich zwar "betroffen" von dem Skandal, sei sich aber keiner Schuld bewusst an der "aktuellen Vertrauenskrise". Konkrete Hinweise auf Mängel hätten die Führungsgremien nicht erreicht. Entweder sei ihre Relevanz nicht erkannt worden oder sie seien "versackt".

Obwohl laut Eibo Krahmer, dem Leiter des Geschäftsbereichs Finanzen, Geschäftsführer Dänzer nicht über die skandalösen Vorgänge informiert gewesen sei, habe er in einer dreieinhalbstündigen Krisensitzung des Aufsichtsrats seinen Rücktritt angeboten. Er habe diesen angenommen, sagte Kurz, weil es sich um einen "richtigen Schritt" handle: "Es geht um die Zukunft des Klinikums, und diese ist in der jetzigen Konstellation nicht gesichert." Es gebe kein "belastbares Vertrauensverhältnis" mehr. "Wir verlieren einen anerkannten Fachmann", erklärte der OB, der Dänzer "Dank und großen Respekt" zollte. Dänzer ließ verlauten, er wolle "Schaden vom Universitätsklinikum abwenden".

Der Aufsichtsrat will für die Aufarbeitung der Vorfälle nicht allein das Ergebnis der Ermittlungen der Staatsanwälte und der Prüfung durch das Regierungspräsidium Karlsruhe abwarten. "Wir werden uns externen Sachverstands bedienen", sagte Kurz. Die "Kernfrage" sei, warum nicht gehandelt wurde.

Beschwerden, die über das anonyme System CIRS - seit 2006 Teil des Risiko- und Qualitätsmanagements - eingingen, hatten keinen spürbaren Effekt. Wohl wegen "fehlender Häufung" seien sie nicht weitergeleitet worden, vermutet der ärztliche Direktor Frederik Wenz: "Die Zahl der Meldungen über die Hygiene war sehr niedrig." OB Kurz sprach von "nicht adäquatem Organisationsverhalten".

Den Vorwurf, das Klinikum werde "kaputtgespart", wies Kurz vehement zurück. Es gebe keine Gewinnausschüttung, alle Einnahmen verblieben im Krankenhaus, auch sei die Mitarbeiterzahl konstant geblieben. "Beim Sterilgut gibt es keine Kompromisse", betonte er. 2009 waren drei Millionen Euro für neue Geräte in der Zentralsterilisation ausgegeben worden.

Was ist passiert an der Klinik mit 4800 Beschäftigten? Mitarbeiter, die nicht genannt werden wollen, sprechen von einem "ökonomischen Diktat", dem alle Aufgaben seit Jahren unterworfen würden. Jede der 30 Fachkliniken müsse "schwarze Zahlen" schreiben, berichten ärztliche Mitarbeiter. Das führe dazu, dass sich Vorgesetzte gegenseitig vorrechnen, wer seine Abteilung kostengünstiger betreibe. Quartalsweise prüfe die Verwaltung, ob die Fallzahlen, sprich: die behandelten Patienten, mit weniger Pflegekräften und Ärzten zu bewältigen seien. "In unserem Bereich ist die Zahl der Stellen um ein Viertel geschrumpft", sagt ein Mediziner. Überstunden würden zwar fest eingeplant, aber selten bezahlt. "Wir machen hier Hochleistungsmedizin. Wir arbeiten permanent am Limit unserer Kräfte", fasst ein Arzt die Situation zusammen. Wenn Pflegekräfte auf Überlastungen hinwiesen, hätten Vorgesetze Stationsschließungen angedroht. Auch im Reinigungsbereich - ausgelagert in eine eigene Gesellschaft - werde mit befristeten Arbeits- und Werkverträgen hantiert, um zu sparen.

Als "Tiefschlag" empfinden Beschäftigte, dass OB Kurz von diesen immensen Arbeitsüberlastungen ebensowenig gewusst haben will wie von den Hygienemängeln, auf die Mitarbeiter seit Jahren hinwiesen. "Natürlich wurden diese Missstände auch von Seiten des Betriebsrats in die Aufsichtsgremien getragen", betont ein Insider. "Es gab Klagen gegen das Nichtbezahlen von Überstunden", bestätigt die Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Sie berichtet, dass Kläger mit unlauteren Mitteln zur Rücknahme ihrer Forderung gezwungen wurden. So entstand eine Atmosphäre der Angst.

Die Folgen des Skandals sind noch nicht absehbar. Bereits jetzt sei dem Krankenhaus wegen abgesagter Operationen ein Schaden von 1,5 bis 2,5 Millionen Euro entstanden, sagte Franz Metzger, Leiter des Geschäftsbereichs Unternehmensentwicklung. Bis Ende des Jahres dürften um die fünf Millionen Euro in der Kasse fehlen. Wann der reguläre Betrieb mit täglich 60 Operationen fortgesetzt werden kann, ist unklar. Zuvor seien Veränderungen an Wänden, Böden und Beleuchtung der Zentralstirilisation sowie Nachschulungen der Mitarbeiter nötig. Zu den organisatorischen Konsequenzen gehört, dass die Leitung der Sterilgutversorgung nun unmittelbar der Geschäftsführung unterstellt wird.

Und die Patienten? Unklar bleibt, ob verdreckte Skalpelle gravierende Folgen für Behandelte hatten. Der ärztliche Direktor Wenz sagte, er wisse von "keinen Auffälligkeiten" bei Infektionen der jährlich 70.000 Patienten. Im Schnitt gebe es unverändert "vier bis sechs Verdachtsfälle". Allerdings berichtete er auch von "zwei auffälligen OP-Szenarien" letztes Jahr.

Reichen die Verbesserungen aus? Gesundheitsexperten betonen seit langem, dass die Finanzierung vor allem der Universitätskliniken über Fallpauschalen nicht funktionieren kann. Allerdings: "Die Mitarbeiter rücken zusammen", sagt ein Mannheimer Mediziner. "Schließlich betrifft es uns alle, wenn die Klinik ihren guten Ruf verliert". Diesen bescheinigt der Wissenschaftsrat der Klinik seit Jahren. Der Landesrechnungshof kritisiert allerdings, dass das Klinikum für Lehre und Forschung vom Land 4,8 Millionen mehr erhält als ihr zusteht. Als verbrieft gilt auch, dass Alfred Dänzer bisher einen Bonus erhielt, abhängig von der Höhe des Gewinns, den das Krankenhaus erwirtschaftet.

Ein Mann mit vielen Posten

Rücktritt Ende November tritt Alfred Dänzer von seinem Amt als Sprecher der Geschäftsführung des Klinikums Mannheim zurück. Der 66-jährige Verwaltungswirt ist ein Multifunktionär im Gesundheitswesen. Seit 2005 ist er Geschäftsführer des Mannheimer Krankenhauses, zu dem eine medizinische Fakultät gehört. Zuvor war er neun Jahre Vizechef der Klinik. Auf den Spitzenposten rückte er, als sein Vorgänger Wolfgang Pföhler als Vorstandschef zur Rhön-Klinikum AG wechselte, einem damals großen privaten Krankenhausbetreiber. Das Unternehmen hat inzwischen 40 Kliniken an den Gesundheitskonzern Fresenius verkauft, fünf verblieben in der AG.

Verband 2011 hat die Krankenhausgesellschaft - sie vertritt die Klinikträger in Deutschland - Dänzer zu ihrem Präsidenten gewählt. Einer seiner Vize ist Pföhler. Dänzer sitzt im Aufsichtsrat der SRH-Holding, die Bildungseinrichtungen und Kliniken betreibt. Er ist Vize-Aufsichtsratschef der Altenpflegeheime Mannheim GmbH und stellvertretender Vorsitzender der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft sowie Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Städtetag Baden-Württemberg. fm

Kommentar von Martin Hofmann: Fehler im System

Das ist für ein Großkrankenhaus der totale Ausnahmezustand. Die Sterlilisationsabteilung ist gesperrt, die Staatsanwälte ermitteln dort. Ärzte und Pflegekräfte müssen auf sterile Einweginstrumente zurückgreifen, um ihre Patienten zu versorgen. Diese werden nicht nur in Operationssälen gebraucht, sondern auf jeder Station.

Die Mitarbeiter des Uniklinikums Mannheim durchleben diesen extremen Schadensfall. Sie stehen zusammen, um diese Krise zu überwinden. Vor dieser Haltung kann man nur den Hut ziehen.

Zu diesem Kraftakt will aber gar nicht passen, wie die Klinikverantwortlichen mit dem Desaster umgehen. Oberbürgermeister Peter Kurz weiß nichts von Hygienemängeln, auf die Beschäftigte seit Jahren hinweisen. Dass im Krankenhaus auf allen Ebenen ein eiserner Sparbesen fegte, will er nicht bemerkt haben. Dabei sitzen im Aufsichtsrat Leute, die ihn davon unterrichtet haben. Da erstaunt, dass er das fällige Rücktrittsgesuch des Geschäftsführers Alfred Dänzer angenommen hat.

Das Uniklinikum in Mannheim ist kein Einzelfall. Einrichtungen, die viele schwerstkranke Patienten vom Frühgeborenen bis zum Betagten versorgen, kommen mit den Fallpauschalen nicht aus, die ihnen von den Krankenkassen gezahlt werden. Sie können aus dem laufenden Betrieb ihre Investitionen längst nicht mehr finanzieren, um Spitzenmedizin zu betreiben.

Hier muss der OB ansetzen. Er hat die Gesundheitspolitiker in Bund und Land zu überzeugen, dass gute stationäre Behandlung sich nie an ökonomischen Größen ausrichten darf. Der Fehler liegt im System, nicht an den Menschen, die unter dem Kostendiktat arbeiten müssen.