"Wir überfliegen jetzt den Yalu-Fluss", erfolgt die Durchsage der Stewardess auf Koreanisch und Englisch. Es ist die Grenze zwischen China und Nordkorea: "Unser Vaterland, das der große Führer Kim Il Sung befreit hat", verkündet die Stimme aus dem Flugzeuglautsprecher leidenschaftlich.

Was ist das für ein Staat, der seit zwei Jahrzehnten für seine 25 Millionen Menschen nicht genug zu essen hat, aber wegen des Griffs nach Atomwaffen die Welt in Angst versetzt? Hartmut Koschyk sitzt mit einer zehnköpfigen Delegation in der Tupolew. Der CSU-Politiker reist nicht zum ersten Mal nach Pjöngjang. Der Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe versucht wie kein anderer deutscher Politiker, die wenigen Gesprächskanäle zu dem abgeschotteten Land offenzuhalten.

"Wir können nicht Vermittler sein, aber ehrlicher Ratgeber", sagt Koschyk. In seiner Delegation sind Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche, Medien und der Hanns-Seidel-Stiftung, die in Nordkorea ein Aufforstungsprojekt unterstützt. Im Anflug ist Nordkoreas Hügellandschaft zu sehen. Die Bäume sind abgeholzt - zu Brennholz gemacht, weil Energie fehlt. Es wachsen meist nur noch Büsche. Die bebauten Felder reichen die Hänge viel zu weit hoch, um dem wenigen bebaubaren Boden möglichst viel Nahrung abzutrotzen. Leichtes Spiel für den Regen, der fruchtbares Erdreich abspült. Die Bodenerosion ist ein riesiges Problem, wie selbst Machthaber Kim Jong Un erkannt hat. Er hat zum "Wiederaufbaukampf für der Wälder" aufgerufen.

Die Tupolew landet im Abendlicht auf der neuen Landebahn des ausgebauten Flughafens von Pjöngjang. Neben dem Rollfeld pflanzen Tausende Soldaten jeden Grashalm einzeln, bewässern das zarte Grün aus großen Schläuchen. Jenseits des Flughafenzauns auf den staubigen, trockenen Äckern wäre das Wasser besser zu gebrauchen.

Auf dem Weg nach Pjöngjang sind viele Menschen zu Fuß unterwegs, tragen Taschen oder Säcke auf dem Rücken. Gab es vor zehn Jahren wenige Autos, hat der Verkehr spürbar zugenommen. Viele neue Wagen sind unterwegs. Menschen auf den Gehwegen schauen auf ihre Handys. Es gibt ein Mobilfunknetz und Internet, das aber nicht mit der Welt verbunden ist.

Der neue Wohlstand in Pjöngjang ist erkennbar - Zeugnis der wachsenden Wirtschaftskooperation mit China. Rund 80 Prozent des Außenhandels in Höhe von sechs Milliarden US-Dollar im Jahr läuft mit dem wirtschaftsstarken Nachbarn. Aber Nordkorea fürchtet die Abhängigkeit. Denn unter den einstigen Waffenbrüdern im Korea-Krieg (1950-53) gibt es Streit, weil die Kim-Dynastie nicht von den Atomwaffen lassen will.

China ist verärgert und unterstützt die Sanktionen gegen Pjöngjang, fürchtet aber auch den Kollaps Nordkoreas mit unkalkulierbaren Folgen. Chinesische Unternehmer machen dennoch fleißig Geschäfte, kaufen Rohstoffe wie seltene Erde in Nordkorea. Trotz der Sanktionen stabilisiert sich die Lage in Pjöngjang. Aber die Kluft zwischen der Hauptstadt und den völlig verarmten ländlichen Gegenden wächst.

Heute gibt es in der Hauptstadt erstmals einige übergewichtige Kinder. "Wer in den Dörfern heute schon weiß, dass er morgen etwas zu essen in der Schale haben wird, gehört zur Mittelschicht", beschreibt ein Diplomat die Lage.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben billige Energie- und Nahrungslieferungen aus. Es begann der "beschwerliche Marsch", wie die Hungersnot der 1990er Jahre heute umschrieben wird. Für 32 Prozent der Nordkoreaner dauert diese Tragödie an, weil sie nicht genug zu essen haben, berichten Hilfsorganisationen.

Die Ernte reicht bis heute nicht aus, um die Bevölkerung zu versorgen. "Die Leute, die Geld haben, können sich etwas kaufen - diejenigen, die von staatlicher Verteilung abhängen, haben zu wenig", sagt ein ausländischer Helfer. "Es gibt einen Zustand der Mangelernährung, der sich durchs ganze Land zieht."

Ri Jong Hyok empfängt Koschyk im monumentalen Bau der Obersten Volksversammlung. "Unter dem "respektierten Marschall" sind in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht worden", lobt der Vorsitzende der deutschen Freundschaftsgruppe der Volksversammlung Kim Jong Un. Er hat nach dem Tod seines Vaters Kim Jong Il 2011 die Macht übernommen. Der freundliche alte Professor, der in Leipzig studierte, ist offen: "Die Ernährungslage und Energieversorgung sind unsere größten Probleme."

Alles ließe sich "einfach lösen", wenn es nur ein Friedensabkommen mit dem Süden gäbe - und nicht nur den Waffenstillstand. "Aber die USA haben kein Interesse daran", sagt Ri. "Das Grundproblem liegt in der feindlichen Einstellung der USA." Aus seiner Sicht kann Deutschland eine "wichtige Rolle bei der Schaffung von Bedingungen für Versöhnung und Annäherung spielen".

Koschyk wirbt für seine Idee, die seit 2009 eingefrorenen Sechser-Gespräche mit Nordkorea, USA, Südkorea, China, Japan und Russland "im Sinne einer regionalen Sicherheitskonferenz in Nordostasien auszubauen". Die Abschaffung der Atomwaffen könnte vorerst zurückgestellt werden, um "Schritte zur bilateralen und regionalen Vertrauensbildung und Rüstungsbeschränkung zu diskutieren". Mittelfristig könne dann die Denuklearisierung vorangebracht werden.

Vizeaußenminister Kung Sok Ung lässt hingegen die Bombe platzen. Die koreanische Halbinsel sei in einem "kriegsähnlichen Zustand", weil die USA und Südkorea Manöver abhielten und Nordkorea "ständig mit Atomwaffen bedrohen". Schlimmer noch: Die USA wollten Nordkorea in eine "leblose Atomwüste" verwandeln. "Deswegen wollen wir nicht mehr mit den USA verhandeln."

Koschyk traut seinen Ohren nicht: Ob dies eine endgültige Absage an die Sechser-Gespräche sei? Bisher habe Nordkorea doch nur Bedingungen abgelehnt, aber sei grundsätzlich zu einer Wiederaufnahme bereit gewesen? "Das war unser Standpunkt bis letztes Jahr", antwortet der Vizeaußenminister und wiederholt: "Wir werden uns nicht mehr mit den USA an einen Tisch setzen." Ende der Diskussion.

"Eine Art Volkszählung"

Wahl Was schwer vorstellbar ist: Am Sonntag haben im kommunistischen Nordkorea Kommunalwahlen stattgefunden. Auf Provinz-, Stadt- und Kreisebene konnten die Bürger Volksvertreter bestimmen. Aber es tritt nur ein von der Arbeiterpartei nominierter Kandidat pro Amt an. Die Wahlberechtigten können dann mit Ja oder Nein stimmen.

Kontrolle "Wahlen sind Teil der theatralischen, rituellen und symbolischen Inszenierung von Politik", erläutert Eric Ballbach, Nordkorea-Experte der Freien Universität in Berlin. Die Wahl verleihe eine "Scheinlegitimation" und diene als "eine Art Volkszählung": "Wo halten sich die Wahlberechtigten auf? Kommt jemand nicht zur Wahl, weil er eventuell geflohen ist?" So lasse sich das Volk überwachen.