Großoffensive Hunderttausende sind in Syrien auf der Flucht

Schwere Luftangriffe treffen derzeit die Stadt Daraa im Süden Syriens.
Schwere Luftangriffe treffen derzeit die Stadt Daraa im Süden Syriens. © Foto: Mohamad Abazeed/afp
Damaskus / Martin Gehlen 06.07.2018

Wieder ziehen Elends­trecks durch Syrien. Hunderttausende Menschen fliehen dieser Tage mit Handkarren, Traktoren und betagten Autos Richtung Jordanien und Israel, wo sie bei brütenden Temperaturen und scharfen Winden in kargen Grenzregionen ausharren müssen. Nach UN-Angaben sind 330 000 der 725 000 Bewohner der südlichen Rebellenenklave auf der Flucht vor der Offensive der syrischen Truppen, iranischen Milizen und russischen Luftwaffe.

„Jeder rennt um sein Leben“, sagte einer der Neuankömmlinge, und jeden Tag werden es mehr. „Es ist nichts mehr übrig als Steine. Die Zerstörung ist unfassbar – wie in Grozny“, erklärte ein Aktivist gegenüber „Human Rights Watch“. Trotzdem weigern sich Jordanien und Israel, die Fliehenden über die Grenze zu lassen. Die Vereinten Nationen warnten vor einer humanitären Katastrophe. Nach Angaben von Menschenrechtlern blockiert Damaskus seit einer Woche alle jordanischen Hilfskonvois ins Grenzgebiet, die den Gestrandeten Zelte, Essen und Wasser bringen wollen. Israel versorgt die Geflohenen in Grenznähe, wenn auch laut lokalen Berichten in zu geringem Umfang.

Vor zwei Wochen begann der Generalangriff der Assad-Kräfte auf die Provinzen Quneitra und Deraa, wo im März 2011 die Proteste gegen Bashar al-Assad ihren Anfang nahmen. Mehr als 130 Menschen sind bisher gestorben, acht Kliniken wurden zerstört. Aktivisten posteten im Internet ein Foto aus der Kanzel eines Kampfhubschraubers, dessen Pilot einen Zettel in der Hand hielt mit dem Text: „Hier in Deraa begann die Krise, und hier werden wir sie beerdigen.“

Waffen gegen Sicherheit

Parallel dazu verhandelt eine russische Delegation in der Stadt Bosra mit Rebellen und zivilen Vertretern des Südens über einen „Versöhnungsvertrag“. Die früher vom Westen unterstützte Fraktion Shabab al-Sunna ließ sich auf das Angebot ein, das den Kämpfern persönliche Sicherheit garantiert, wenn sie ihr Waffenarsenal aushändigen. Auch rund 30 Dorfvorsteher in den Gebieten westlich von Deraa erklärten sich bereit, unter die Kontrolle des Assad-Regimes zurückzukehren. Die große Mehrheit der Rebellen-Kommandeure und kommunalen Unterhändler jedoch misstrauten den Offerten. Sie befürchten, das Regime werde sich nach der Entwaffnung der Opposition rächen und alle Widersacher verhaften, foltern und töten.

Die US-Administration sucht vor dem Gipfel von Donald Trump und Wladimir Putin am
16. Juli in Helsinki offenbar nach einer gemeinsamen Strategie mit Russland gegen die iranische Truppenpräsenz in Syrien. Das Pentagon ließ die syrischen Rebellen im Süden gleich zu Beginn der Regime-Offensive wissen, dass sie nicht mit einem amerikanischen Eingreifen rechnen können.

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