Karikatur Horst Haitzinger: „Satire darf nicht alles“

München / Tanja Wolter 31.12.2016

Wer sich mit dem Thema Politik und Humor befasst, landet zwangsläufig bei dem berühmten, wenn auch etwas abgetragenen Kurt-Tucholsky-Zitat „Was darf Satire? Alles“. Wer sich mit Horst Haitzinger an einem Dezember-Tag bei Tee und Lebkuchen über Politik und Humor unterhält, erfährt erst einmal, dass dieser von dem Spruch rein gar nichts hält. „Satire darf eben nicht alles“, protestiert der Wahl-Münchner, seit vielen Jahrzehnten einer der bekanntesten Karikaturisten in Deutschland, am Esstisch in seinem Wohnzimmer. „Ich schätze Tucholsky sehr. Aber wenn der jemals einen Blödsinn gesagt hat, dann war es dieser Satz.“

Mit seinen 77 Jahren greift Horst Haitzinger immer noch fünf Mal die Woche für seine Zeitungskunden, darunter die SÜDWEST PRESSE, zu Bleistift und Tuschepinsel. Für heute hat er sein Tagwerk vollbracht. Es liegt auf seinem Zeichentisch im winzigen Arbeitszimmer seiner Wohnung in Schwabing, umgeben von Regalen, in denen sich sein Gesamtwerk bis unter die Decke stapelt. So scharf wie seine Interpretationen des aktuellen Geschehens oft sind, so kann er auch verbal durchaus vom Leder ziehen. Aber er bleibt dabei herzlich, ein Menschenfreund. Von Sarkasmus ist jedenfalls beim Besuch des Karikaturisten, der in Jankerl und kariertem Hemd empfängt, nichts zu spüren. Eher von einer gewissen Altersmilde: Haitzinger hat inzwischen „zunehmend Verständnis“, wenn Politiker aus der Haut fahren, wie es etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel des Öfteren passiert. „Was die alles einstecken müssen – da braucht man eine dicke Haut.“

Doch zurück zu den Grenzen des Humors: „Satire die alles darf, läuft genauso ins Beliebige und Leere wie Satire, die nichts darf“, sagt Haitzinger. „Genormte“ Grenzen gebe es aber nicht, dies sei eine individuelle Entscheidung. Für ihn selbst sind Terroranschläge wie die vom 11. September 2001 in den USA ein Tabu. Ebenso geht er mit den religiösen Gefühlen von Menschen inzwischen pfleglicher um. Dies, obwohl er sich selbst eher als „Atheisten“ verortet, der viele Glaubenssätze der großen Weltreligionen schlichtweg „haarsträubend“ findet. Selbst seine vergleichsweise harmlose Karikatur mit Jesus-Zwillingen in der Krippe, die in den 70er Jahren einen Aufstand der Kirchen entfachte, würde er so nicht mehr zeichnen. Das aber vor allem deshalb, weil er sie heute eher peinlich findet.

Er verehrt Wilhelm Busch

„Humor ist für mich keine beliebige Form der Lustigkeit“, sagt Haitzinger. Für ihn hat er in erster Linie die Funktion, Distanz zu sich selbst zu schaffen: „Warum reagiert man aus dem Bauch heraus allergisch auf etwas? Warum ist man für oder gegen etwas?“ Wichtig sei auch, dass ein Inhalt transportiert werde. „Die Provokation um der Provokation willen – das ist für mich infantil. Das ist, wie wenn ein Dreijähriger seinen Spinat an die Wand knallt.“ Mit Satiresendungen im TV steht Haitzinger deshalb „teilweise auf Kriegsfuß“.  Die Pointen seien platt, oft aggressiv und an „Hetze“ grenzend. Er verehrt dagegen Wilhelm Busch („der einzige, dem ich Sadismus verzeihe...“), liebt Loriot und mag Gerhard Polt, den er persönlich kennt.

Und der Fall Böhmermann? Die Affäre um das Erdogan-Gedicht des ZDF-Moderators findet Haitzinger unnötig, der türkische Präsident sollte „einfach darüberstehen“. Dass ihm das Gedicht selbst aber missfällt, damit hält er genauso wenig hinterm Berg. „Das ist Gesudel, mit meinem Verständnis von Satire hat das wenig zu tun.“ Die Behauptung von Jan Böhmermann, er habe damit demonstrieren wollen, wie sich eine verbotene Schmähkritik anhöre, hält er für „scheinheilig“. Es sei einfach nur darum gegangen, die „abgeschmackten“ Zeilen vorzutragen, glaubt Haitzinger.

Er selbst musste heute nicht lange nach einem Thema suchen: Am Vorabend gewann der Grüne Alexander van der Bellen die Präsidentenwahl in Österreich, gegen die Rechtspopulisten von der FPÖ. In Italien verlor dagegen Ministerpräsident Matteo Renzi das Referendum über eine Verfassungsreform, was wiederum die Populisten dort gestärkt hat. Für die EU also ein Abend mit unterschiedlichen  Vorzeichen. Haitzinger hat zu einem Markenzeichen gegriffen: die „Europa“, sitzend auf einem Stier. Vom Nikolaus bekommt die mythologische Frauengestalt den österreichischen Wahlsieger wie eine Puppe überreicht. Im Hintergrund hat der Krampus – eine Schreckgestalt – die Regierung Renzi im verschlossenen Sack.

In Deutschland war die AfD 2016 ein wichtiges Thema für politische Beobachter. Auch die dramatische Entwicklung in der Türkei und vor allem die Flüchtlingskrise mit Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ – eine Steilvorlage für jeden Karikaturisten. Ob es schwierig sei, heute noch kantige Politiker-Typen zu finden, die sich karikieren lassen? Nein, sagt Haitzinger, der mit Franz Josef Strauß lange Zeit ein besonders ergiebiges Motiv hatte. Jeder, der zehn Jahre Politik auf dem Buckel habe, entwickle ein Profil und sei damit „darstellbar“. Die Kanzlerin sowieso, die hält Haitzinger inzwischen für „unverwechselbar“. Und jemand wie Donald Trump? Drei Wochen lang toll – „dann wird es langweilig“.

Haitzinger räumt unumwunden ein, dass seine Metaphern inzwischen „antiquiert“ sind. Viele Jüngere kennen die „Europa“ nicht und fragen, wer die „halbnackte Dame auf der Kuh“ sein soll. Auch der Deutsche Michel, das Männchen mit Zipfelmütze als Personifikation der Bevölkerung, ist nicht mehr so geläufig. Haitzinger findet das „erschreckend“, zumal er sich selbst – eine spitzbübige Untertreibung – nicht für sonderlich gebildet hält. Er ergänzt selbstironisch: „Mit anderen Worten: Ich bin eigentlich überfällig.“

Eigentlich. Denn noch denkt der 77-Jährige nicht ans Aufhören. Dass er täglich ein Forum hat, auf dem er Dampf ablassen kann, empfindet er nach wie vor als „Riesenchance“. Vielleicht ziehe er dem Michel bald einfach die altmodische Zipfelmütze ab, schließt Haitzinger mit einem schelmischen Lächeln.

Mit dem Aufwachen beginnt die Arbeit

Horst Haitzinger wurde am 19. Juni 1939 in Eferding (Österreich) geboren. Er studierte Malerei und Grafik in München, wo er lebt, ist verheiratet, hat zwei Töchter und fünf Enkel.

Morgens lässt sich Haitzinger von Radionachrichten wecken, die Arbeit fängt noch im Liegen an – mit Denken.

Zeichnet er mal keine Karikaturen, dann malt der 77-Jährige. Lieblingsmotiv des Naturschützers: Bäume.

Seine Karikaturen erscheinen jährlich auch als Buch (Stiebner Verlag).

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel