Ulm Apps und Websites als Wahlhelferlein: Wohin mit dem Kreuz?

Ulm / swp 15.08.2017
Für die Bundestagswahl zählen Swipes und Likes und Apps und Clicks und nicht nur Kreuzchen. Online buhlen die Parteien um Stimmen und es gibt Wahlhilfen. Die richten sich vor allem an junge Deutsche.

Für die Bundestagswahl im Herbst zählen Swipes und Likes und Apps und Clicks und nicht nur Kreuzchen. Längst sind die Kandidaten und Parteien auch online unterwegs und werben dort um Wähler. Vor allem aber gibt es im Web auch viele Wahlhilfen, die die Entscheidung am 24. September leichter und fundierter machen sollen.

Insbesondere junge Deutsche sollen mit den Webangeboten angesprochen werden. Allein Erstwähler machen 2017 laut Bundeswahlleiter rund drei Millionen Stimmen aus. Rund 6,5 Millionen weitere Wähler sind zwischen 21 und 30 Jahren alt. Doch wie und wo informiert sich der Nachwuchs unserer Demokratie eigentlich, wenn nicht auf den Seiten der Parteien selbst? Die wichtigsten neuen Angebote im Überblick:

Wahlswiper
Die App will Wahlen sexy machen. Abgeschaut ist das Prinzip jedenfalls bei der Dating-App Tinder: Der Nutzer kann mit einem Wink seiner Hand eine These aus einem Parteiprogramm einfach wegwischen. Einer nach links heißt nein, einer nach rechts ja. Tippen auf’s Display geht natürlich auch. Thesen können außerdem auch übersprungen werden. Von den Positionen selbst gibt es insgesamt dreißig. Sie sind nicht nur kurz zusammengefasst, sondern werden auch in einem Erklärvideo erläutert und decken wichtige aktuelle, hauptsächlich innenpolitische Debatten ab. Am Ende werden die Parteien ausgewählt, mit deren Wahlprogrammen die Entscheidungen verglichen werden sollen. Dann spuckt das Programm eine Ergebnisliste mit prozentualer Übereinstimmung mit den Parteipositionen aus.

Max Mitschke, Mit-Erfinder des Wahlswipers:
"In den Fragen und in den Videotexten haben wir alle Formulierungen vermieden, die politisch schon besetzt sind, beispielsweise "entkriminalisiert" bei der Cannabis-Freigabe. Die Videos sind extra gezeichnet und animiert, damit man sich durch bestimmte Stereotype bei der Hautfarbe oder beim Gesichtsausdruck nicht leiten lässt. Und schließlich waren Menschen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen mit den Videos und Fragen zufrieden. Dass sowohl Fragen als auch Videos so neutral wie möglich klingen, ist uns sehr wichtig."

Nachteile Nicht alle Parteien haben auf die Fragen der Entwickler reagiert, die Software gibt’s ausschließlich als App für Smartphones und Tablets, Fokus auf Inneres, wer alle Thesen mit einem Ja beantwortet und die sechs größten Parteien zum Vergleich wählt, ist Rot-Grün-Wähler.
Datenschutz Die App braucht die Freigabe für den Zugriff auf einige Smartphonedaten.
Finanzierung Non-profit, in politischen Fragen half das Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Deezer
Einen ganz innovativen Ansatz verfolgt der Spotify-Konkurrent Deezer: Der Musikstreamingdienst hat Parteien um Listen ihrer Lieblingssongs gebeten und auf dieser Grundlage einen unterhaltsamen Wahlhelfer geschaffen. Das Angebot richtet sich insbesondere an Jung- und Erstwähler und hier an solche, die in den sozialen Netzwerken aktiv sind: Der Nutzer muss sich durch verschiedene Listen an Songs klicken und jeweils entscheiden, welchen Song er in welcher Situation oder Lebenslage bevorzugen würde. Darunter sind hauptsächlich Charthits der vergangenen Jahre und Rock- und Popklassiker. Auch zwei, drei offensichtliche Ausreißer, etwa von der Antifa-Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ oder von den Linksrockern von „Ton Steine Scherben“ sowie die deutsche Nationalhymne sind dabei. Wer sich durch die neun Listen mit je fünf Songs klickt, bekommt am Ende eine Liste mit einer Verteilung von 100 Prozentpunkten auf fünf jene Parteien, mit deren Musikauswahl sich die Antworten am meisten decken. Dann kann das Ergebnis bei Facebook oder Twitter geteilt werden.

Eine Sprecherin von Deezer:
“Deezer hat alle als etabliert geltenden Parteien für die Teilnahme am Musik-O-Mat angefragt - bis auf die AfD. Hintergrund ist hier die Deezer-Initiative ‚Musik ist bunt’. Zwei als etabliert geltende Parteien haben sich ansonsten auf die Anfrage nicht zurückgemeldet. Des Weiteren haben wir darauf geachtet, dass jede teilnehmende Partei denselben Raum zur Verfügung gestellt bekommt. Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das Team hat dafür die Seite auch über Wochen getestet. Aber: Der Musik-O-Mat ist keine Wahlempfehlung. Mit der Aktion wollen wir junge Wähler erreichen und darauf aufmerksam machen, dass ihre Stimme zählt.“

Nachteile Eher Unterhaltung als eine echte Entscheidungshilfe, die Anzahl der Fragen ist mit neun sehr niedrig, lediglich CDU und Linke sind an der Songauswahl deutlich erkennbar.
Datenschutz Nach Angaben von Deezer werden keine personenbezogenen Daten erhoben.
Finanzierung Durch den Musik-Streamingdienst Deezer selbst.

Plakos-Parteien-Test
Die Website bietet verschiedene Online-Tests im Netz an und hat sich ansonsten darauf spezialisiert, Tests für Assessment-Center oder andere Berufseignungstests zu entwickeln - oder bietet Übungspakete dafür an. Mit seinem kostenlosen Angebot erreicht das Unternehmen nach eigenen Angaben täglich rund 20.000 Menschen. Zur Bundestagswahl bietet das Portal einen Wahlhelfer an, der sich thematisch insbesondere an junge Wähler richtet. Der User wird zu seiner Meinung zu kostenlosen Fahrkarten für Jugendliche, der Absenkung des Wahlalters auf sechzehn Jahre, der Legalisierung von Cannabis und zu verschiedenen Bildungsthemen befragt. Aber auch die Meinung zumindest zu den wichtigsten Themen der politischen Debatten in Deutschland wird abgefragt. Der Nutzer kann bei seinen Antworten auf einer Skala fünf mögliche Tendenzen auswählen, wie es für Meinungsumfragen recht typisch ist: stimme zu, stimme nicht zu, teils teils und so weiter. Am Ende werden 100 Prozentpunkte auf alle wichtigen Parteien verteilt, so dass eine politische Position sichtbar wird. Der Test kann nicht ohne Weiteres wiederholt werden

Waldemar Erdmann vom Plakos-Tests-Team:
“Grundsätzlich versuchen wir, alle Themen abzudecken, die junge Wähler interessieren könnten. Gerne würden wir noch Umfragen unter den jungen Wählern durchführen, um die Weiterentwicklung des Tests voranzutreiben. Leider fehlen aktuell hierfür die Ressourcen. Wir bieten bereits seit über zehn Jahren verschiedenste Online-Tests im Netz an. Da lag eine Alternative zum Wahlomat nahe.“

Nachteile Überwiegend Fragen zu Belangen von Jugendlichen und weniger zur Bundespolitik, Website zudem nicht auf dem aktuellen technischen Stand, keine App-Version, Werbung auf der Seite stört
Datenschutz Nach Angaben des Anbieters werden keine personenbezogenen Daten gespeichert, wer den Test wiederholen möchte, muss Cookies im Browser löschen.
Finanzierung werbefinanziert

Es gibt noch weitere Wahlhelferprogramme: Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, der aus Bundesmitteln finanziert wird, soll am 30. August online gehen. Er gilt als Mutter der meisten Wahlhelferlein, ist als App und im Web und auf den Seiten vieler Zeitungen abrufbar, wird jedoch auch viel kritisiert: eben wegen seiner Finanzierung aus dem Bundeshaushalt. Dann ist da noch die Website parteivergleich.eu, die bereits zur Bundestagswahl 2013 einen umfassenden Fragenkatalog anbot und unabhängig daherkommt. Allein zum Wahlrecht selbst gab es damals eine Handvoll Fragen, insgesamt waren es rund einhundert Stück. Ein bis drei Wochen vor der Wahl 2017 soll wieder eine Abfrage online gehen. Wahrscheinlich wird es das einzige Angebot sein, dass nicht wie der Wahlvorgang selbst in wenigen Minuten erledigt ist. Dafür ist die Seite altbacken und nicht als App verfügbar.

Und schließlich bietet Abgeordnetenwatch einen weiteren Service an: An den verschiedenen Wahlhelfern und Tests wird oft kritisiert, dass sie den Schwerpunkt auf die Positionen der Parteien legen. Dabei ist der Wahlkampf oft stark auf die Spitzenkandidaten der Parteien fokussiert. Nur zwei Beispiele: Die Frage „Ist Martin Schulz verheiratet?“ rangiert auf Platz fünf der meist gesuchten Fragen zu dem SPD-Spitzenkandidaten bei der Suchmaschine Google. Häufiger suchten Webuser nur nach seinem Alter und seiner Körpergröße. Im Fall von Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederum suchten die Menschen zuletzt besonders oft nach ihrem Besuch bei Papst Franziskus, bald gefolgt von der Kombination der Suchbegriffe „Merkel“ und „Engelbert“.
Wer sich über einzelne Politiker schlau machen möchte, kann sich jedoch auch gut durch die Datenbank der Website von Abgeordnetenwatch informieren. Dort können den Politikern sogar schriftlich Fragen gestellt werden. Vor allem sind nicht nur Abgeordnete dort gelistet. Auch Politiker, die aktuell keinen Sitz im Parlament haben – der FDP-Vorsitzende und Spitzenkandidat Christian Lindner beispielsweise – sind dort vertreten.

Schließlich hilft es auch einfach bei einer Suchmaschine wie Google die richtigen Suchbegriffe einzugeben. So finden sich beispielsweise auch – für ganz hartgesottene Politikfans – recht schnell die Programme der Parteien zur Bundestagswahl 2017. Nur das Kreuzchen in der Wahlkabine, das muss am Wahltag wirklich jeder noch selbst machen.

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