Nachwuchs Hier programmiert der Nachwuchs

Stuttgart / Von Tobias Knaack 01.11.2017

Jetzt muss es schnell gehen. Klack, klack, klack – drei Tastenanschläge. In Windeseile löscht Kai die Werte, die weiß auf schwarz auf dem Bildschirm zu sehen sind. Tick, tick, tick – und fügt drei neue ein. In wenigen Minuten findet die Präsentation des Projektes statt, das er mit seinen drei Mitstreitern erarbeitet hat, aber die Helligkeit passt noch nicht. Klack, klack, klack, tick, tick, tick.

Kai, 16, sportlich, Sommersprossen, ist Schüler aus der Nähe von Kirchheim – und Programmierer. Seit zwei Jahren schreibt er kleine Anwendungen. Die dafür notwendigen Programmiersprachen habe er sich selbst beigebracht, erzählt er. „Ich habe einen großen Wissensdurst.“ Also sucht er sich Probleme und versucht, sie zu lösen. Je größer die Herausforderung, desto besser. Eine Wortuhr etwa hat er gebaut – also eine Uhr, die die Zeit nicht in Zahlen, sondern in Worten anzeigt. In Einrichtungsgeschäften kostet eine solche Uhr mehrere hundert Euro, Kai hat sie für jedermann erschwinglich gemacht. Wortuhren fürs Volk. Dafür hat er die notwendigen LED-Leuchten programmiert und ein Gehäuse gebaut. Sein Wissen bezieht er oft aus Erklärvideos im Internet. Er schult sich selbst. „Ich mag beides: das Handwerkliche und die Logik dahinter.“

Die Zukunft, heißt es, wird immer digitaler. Unsere Arbeit, unser Alltag, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen – nichts bleibt unberührt von dem, was viele die „Digitale Revolution“ nennen. Und wenn das Digitale die Zukunft unserer Lebenswelten ist, dann sind Jugendliche wie Kai ihre Architekten. Sie verstehen Programmiersprachen nicht nur als Instrument, das man benötigt, um wirtschaftlich rentable Anwendungen zu schreiben, sondern als etwas, mit dem sich die Welt gerechter, freier, solidarischer gestalten lässt. „Hacken“, nennen sie das dann. Der einst negative Begriff ist längst umgedeutet. Er bedeutet jetzt: Ein Alltagsproblem mit Programmen lösen. Ebenso verhält es sich mit dem Wort Code. Es beschreibt nun den Quelltext, also den Kern eines Programms.

Kreativ programmieren

Bei „Hack to the future“, dem ersten vom Land Baden-Württemberg organisierten Hackathon, einem dreitägigen Programmier-Marathon für Jugendliche, gibt es mehr als 40 Kais. Draußen: die Ulmer Straße in Stuttgart-Wangen, ein Fitnessstudio, eine Autowerkstatt, eine Firma für Haushaltsauflösungen, dazwischen der Eingang zum „Shackspace“. Drinnen, in den Räumen des gemeinnützigen Vereins für Hacker und Tüftler: eine holzvertäfelte Bar, ein Serverraum, eine Werkstatt, alte Sofas – und ganz viele Kabel.

Kai, Franzisca und zwei Tobis sitzen in einem separaten Raum. Sie wollen einen Wecker bauen, der „sanft in den Tag geleitet“, sagt Kai, ein „sensibles Aufwecksystem“ mit Musik und langsam ansteigendem Licht von 73 Leuchten. Und für die muss Kai den Code abändern.

Es sind Menschen wie diese vier, die das Land mit dem Hackathon ansprechen will. Jugendliche, die schon Vorkenntnisse haben und die „ihre Kreativität mithilfe von Code ausdrücken“ wollen, sagt Robert Gehring, Geschäftsführer der beim Staatsministerium Baden-Württemberg angesiedelten Initiative „Kindermedienland BW“, die den Hackathon gemeinsam mit dem „Shackspace“ und dem Chaos Computer Club durchführt. Rudi Hoogvliet, Sprecher der Landesregierung, ergänzt: „Angebote dieser Art, die in lockerer Atmosphäre optimale Bedingungen für den Erwerb informationstechnischer Medienkompetenz bieten, werden dringend gebraucht.“

Zwei Wochen zuvor: In Ulm wird im „Verschwörhaus“ bei einer Veranstaltung mit dem Namen „Jugend hackt“ programmiert. Das Treppenhaus zieren mit neonfarbenen Post-it-Zetteln gestaltete Figuren. Sitzsäcke sind in einem der Räume verteilt, im Flur stapeln sich Kisten mit Wasserflaschen und der Informatiker-Brause Club-Mate. Auch hier sind es gut 40 Teilnehmer. Mentoren, die das Wochenende organisatorisch und beratend begleiten, rennen umher, auch einige Jugendliche. Die meisten von ihnen aber sitzen in kleinen Gruppen über ihre Laptops gebeugt. Ein paar Worte hier, Abstimmung da, Beratung dort, ansonsten klack, klack, klack, tick, tick, tick.

Im „Verschwörhaus“ wird noch einmal sehr deutlich, dass immer eine politisch-gesellschaftliche Komponente mitschwingt, wenn sich junge Menschen zum „Coden“ treffen. Ganz nach dem Motto von „Jugend hackt“: „Mit Code die Welt verbessern.“ Auch hier geht es darum, Probleme zu identifizieren und zu lösen. Und die meisten dieser Probleme sind gesellschaftlicher Natur.

Wie kann man sich ohne Vorurteile kennenlernen? Eine Gruppe schreibt eine Anwendung für einen „neutralen“ Chat. Wie können Schüler möglichst viel Wissen untereinander teilen? Eine Gruppe setzt eine Lernplattform auf.

Diese verantwortungsvolle Ausrichtung der Hackathons ist keine Selbstverständlichkeit. In den USA  dienen sie eher Unternehmen zur Personal- oder Ideengewinnung. Und auch in Deutschland nutzen Firmen solche Events zunehmend zu diesem Zweck. Vor wenigen Tagen fand in Stuttgart ein weiterer Hackathon statt. Eine Auswahl der Sponsoren: Kärcher, Bosch und Car2Go. Eine Perspektive, die man von Seiten des Landes zu teilen scheint. Sprecher Hoogvliet: „Durch das gemeinsame Arbeiten und Entwickeln können die Jugendlichen auch mit den Themen Gründen und Unternehmertum in Berührung kommen.“

Juka Wessalowski, die Organisatorin der Veranstaltung im Ulmer „Verschwörhaus“, ist da anderer Meinung. Bei den Jugendlichen solle es zunächst um freies Denken und Kreativität gehen. In anderen Bundesländern ist dieser Ansatz schon etablierter. Wessalowski schätzt besonders Nordrhein-Westfalen als Vorreiter ein. Nicht zuletzt, weil das Land mit der Fachstelle für Jugendmedienkultur eine feste Anlaufstelle geschaffen hat. Deren Hauptziel ist laut eigener Aussage, „Jugendämter und damit die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit dazu in die Lage zu versetzen, selbstständig nachhaltige, langfristig angelegte, medienpädagogische Angebote bereitzustellen, die über einen Projektcharakter hinausgehen und die mediale Lebenswelt von Kindern- und Jugendlichen ausreichend berücksichtigen“.

„Hack to the future“ fand im Rahmen der so genannten Codeweek statt. Die wurde 2013 aus der Taufe gehoben. Ziel ist es, mit möglichst vielen Veranstaltungen europa- und weltweit Menschen für das Programmieren zu begeistern; gemeinsam zu überlegen, „wie man Ideen mit Code zum Leben erweckt“; wie man „mit dem rapiden technischen Fortschritt mithält“; aber auch, wie man das Programmieren in ein besseres Licht rücken kann. 2016 nahmen knapp eine Million Menschen in 50 Ländern teil. 272 Veranstaltungen waren es in diesem Jahr in Deutschland, mehr als in England (225), weniger als in Frankreich (313). Der wahre Wert aber ermittelt sich in Relation zur Bevölkerung. Und da liegt Deutschland nur auf Rang 33 unter den 56 teilnehmenden Ländern.

Tut sich in Deutschland also zu wenig? In puncto IT-Sicherheit sei man global gesehen weit vorne mit dabei, sagt Ralf Küsters. Küsters ist Leiter des neuen Instituts für Informationssicherheit an der Universität Stuttgart. Er widerspricht auch der Ansicht, die Firmen hierzulande hätten das Thema Digitalisierung verschlafen. Aber, das räumt auch Küsters ein, es gebe etwa in den USA „mit Sicherheit einen anderen Gründergeist“, also mehr Zutrauen und Willen, frei zu probieren – auch in der Gründung von Start-ups.

Küsters betont daher die Bedeutung der Informatik für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland und plädiert zum Beispiel für die Stärkung des Faches in der Schule. Stefan Kaufmann, Leiter des Ulmer „Verschwörhauses“, würde den Blick hingegen lieber auf ein zunehmendes Vernetzen der Akteure richten: „Wie schaffen wir nachhaltige Strukturen? Etwa dass ein talentierter Jugendlicher aus einer ländlichen Gegend, wo es kein Angebot gibt, dabei bleibt?“ Das müsse von unten nach oben passieren, sagt er. Das Vernetzen sei enorm wichtig, findet auch Kai. Er will so schnell wie möglich wieder in den „Shackspace“ kommen. „Es gibt ganz viele Ideen.“

Ansehen, analysieren und ausprobieren

Der Begriff Hackathon setzt sich aus den Worten „Hacken“ und „Marathon“ zusammen. „Hacken“ heißt dabei, sich ein System genau anzusehen, es zu verstehen, es auseinander zu nehmen und damit Neues auszuprobieren.

„Jugend hackt“ dient der Förderung des Programmiernachwuchses im deutschsprachigen Raum. 2013 in Berlin gestartet, findet es mittlerweile auch in Hamburg, Halle (Saale), Köln, Frankfurt und Ulm statt.

Der Hackathon in Stuttgart wurde von der Initiative „Kindermedienland BW“, angesiedelt beim Staatsministerium des Landes, durchgeführt. Im Januar 2018 soll es die nächste Veranstaltung in Mannheim geben. tk

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