Berlin / Guido Bohsem und Stefan Kegel   Uhr
Als Edelweiß-Ressort wurde die Abteilung von Staatssekretär Markus Kerber anfangs verspottet. Dabei will er vor allem das Leben auf dem Land verbessern.

Er ist ein vielbeschäftigter Mann: Schon zweimal hat der Heimat-Staatsekretär Markus Kerber unseren Interviewtermin verschoben. Auch heute ist die Zeit knapp. Seit April vergangenen Jahres steht der gebürtige Ulmer der neuen und inzwischen größten Abteilung des Bundesinnenministeriums von Horst Seehofer (CSU) vor. Der 55-jährige Kerber arbeitet an einem Stehtisch, hinter ihm zieren zwei Bilder des Künstlers Moritz Götze die Wand. Sein Büro mit Blick durch eine große Fensterfront ins Grüne liegt im Leitungstrakt des grauen Betonbaus an der Spree, nahe dem Bundeskanzleramt in Berlin. Wenn Kerber ins Plaudern gerät, klingt sein schwäbischer Akzent durch.

Herr Kerber, wenn Sie als gebürtiger Ulmer auf dem Münster stehen – wohin blicken Sie dann?

Eigentlich immer Richtung Alpen. Bei schönem Wetter kann man von dort aus die komplette Westalpen-Kette sehen. Ich fand es schon immer schön, diesen Weitblick zu haben.

Der Blick ins Weite entspricht auch Ihrer Biografie. Sie waren Banker in London, Abteilungsleiter im Innen- und im Finanzministerium in Berlin, Geschäftsführer des Industrieverbandes BDI. Wie definieren Sie Heimat?

Heimat, das sind die Orte, an denen man dazugehören darf und kann und will. Das kann Familie oder Nachbarschaft sein – oder die Gemeinschaft, in die Sie integriert werden, wenn Sie umziehen. Heimat ist ein ambivalenter Begriff. Viele Menschen haben mehrere Heimaten.

Braucht man eine bestimmte Einstellung, um bei so vielen auch räumlichen Wechseln jene Heimaten zu finden?

Es hängt auch damit zusammen, wo und wie man aufwächst. Meine Heimatstadt war geografisch bedingt eine offene Stadt. Flussstädte wie Ulm sind davon geprägt, dass Leute kommen, gehen und durchwandern. Das bringt ein Klima der Offenheit mit sich.

Wenn man die Wahlergebnisse in Deutschland anschaut, könnte man meinen, dass nicht alle Menschen diese Offenheit für Neues oder Andersartiges in sich tragen.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum hat unlängst gesagt, dass mehr als 70 Prozent aller Deutschen ihr Leben an ein und demselben Ort verbringen. Die Menschen sind sehr stark in ihrem Dorf, ihrer Stadt, ihrem Landkreis verwurzelt. Das widerspricht dem Bild, das in den Metropolen gepflegt wird: dass die Leute heute in Berlin und morgen in München leben, dann fünf Jahre nach Singapur gehen und noch zwei Jahre Hongkong dranhängen. Menschen, die so leben, sind nur eine kleine Minderheit. Die Lebenswirklichkeit der Mehrheit in Deutschland ist eine andere.

Die Abteilung Heimat im Innenministerium wurde am Anfang als Lederhosen- und Edelweiß-Ressort verspottet. Wie hat Horst Seehofer Sie überredet, dessen Leitung zu übernehmen? Eigentlich wollten Sie doch in einer Unternehmensberatung anfangen.

Es war ein sehr charmanter Einberufungsbefehl.

Aber schon ein Befehl …

Horst Seehofer kann sehr überzeugend-charmant sein. Er hatte mich Ende März vergangenen Jahres hierher ins Ministerium eingeladen. Noch am Abend habe ich mich entschieden, es zu machen.

Und das Thema Heimat hat Sie sofort überzeugt?

Ehrlich gesagt, habe ich damals überhaupt noch nicht verstanden, wofür die Heimatabteilung zuständig sein sollte. Obwohl es ja schon im Koalitionsvertrag stand, hat erst der Minister mich davon überzeugt, weil er eine klare Vorstellung davon in seinem Kopf hatte.

Horst Seehofer plant abgehängte Regionen mit Milliardenaufwand wieder zum Leben zu erwecken, mit Verkehrsanbindung, Arbeitsmöglichkeiten, Dienstleistungen. Ist der Weg zurück zum kleinstädtischen Deutschland der richtige Weg?

Wieso zurück? Wir sind mittendrin im kleinstädtischen Deutschland. 15 Prozent aller Deutschen leben in Kommunen mit weniger als 5000 Einwohnern und weitere 27 Prozent in Gemeinden zwischen 5000 und 20.000 Einwohnern. Es kann sein, dass diese Menschen wollen, dass das so bleibt. Und dann muss man das auch in politische Willensbildung übersetzen.

Unter Seehofer wurde in Bayern ja bereits vor Jahren ein Heimatministerium gegründet. Kann man vom Freistaat etwas lernen?

Bayern hat zum Beispiel ein Wirtshaus-Modernisierungsprogramm, um Wirtshäuser als kommunikative Zentren des dörflichen Lebens vor der Schließung zu retten. Am Anfang lächelt man darüber. Aber bei genauerer Betrachtung zeigt dieses Beispiel, dass es den politischen Willen gibt, sich nicht einer Entwicklung auszuliefern, sondern sich ihr entgegenzustemmen. Das ist auch für mich eine neue Erfahrung.

Und was halten Sie von der Idee?

Dieses Programm des bayerischen Wirtschaftsministeriums unterstütze ich sehr. Ich liebe traditionelle Dorfgasthöfe. Möglicherweise sehen andere Kollegen das nicht als Kultur. Aber in meinen Augen ist ein Gasthaus Lebenskultur. Der Bund sollte mit den Ländern über Programme dieser Art reden. Umsetzen müssen sie ja die Landesregierungen.

Der Markt wurde jahrzehntelang dafür gefeiert, die Entwicklung voranzutreiben. Kommt nun also eine Rolle rückwärts? Mehr Staat statt mehr Markt?

Ein gutes Beispiel dafür ist das vieldiskutierte 5G-Netz …

… das Telekommunikationsnetz der Zukunft.

Es ist sehr wichtig für das autonome Fahren oder die Telemedizin. Und es gibt gute Argumente dafür, dass aus marktwirtschaftlicher Sicht die privaten Anbieter meinetwegen nur 98 Prozent der Fläche mit 5G versorgen. Wenn man aus Gründen der Daseinsvorsorge 100 Prozent erreichen möchte, dann muss das der Staat übernehmen. Ein Schlaganfallpatient im Erzgebirge sollte für die telemedizinische Behandlung im Krankenwagen künftig dieselbe Voraussetzung haben wie die Leute in der Großstadt. Das ist eine politische Frage. Wenn wir die ignorieren, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Leute aus dem Erzgebirge wegziehen oder für andere politische Mehrheiten sorgen. Und dann dürfen wir uns auch nicht wundern, dass Wohnungsnachfrage und Mieten in den Großstädten steigen.

Lohnt sich der Milliardeneinsatz? Wenn sich die demografische Entwicklung in ländlichen Regionen etwa Brandenburgs fortsetzt, wird in 20 Jahren in manchen Gegenden kaum noch jemand wohnen. Dann wären die ganzen schönen neuen Straßen und Bürgersteige umsonst.

Man wird, etwa von Berlin aus, in konzentrischen Kreisen denken müssen. Die Bahn erwägt bereits die Wiederbelebung der Stammbahnstrecken, um Wohnmöglichkeiten im Abstand von 50, 60 Kilometern mit Arbeitsplätzen in der Großstadt zu verbinden. Und in diesen Regionen könnten sich Dienstleister ansiedeln. Es gibt Überlegungen, Super­märkte mit Einzelhandel, einem Café, einem Bistro, einer Arztpraxis oder einem Lottoladen mit Poststelle zu vernetzen. Auf dem Land wird über Fahrdienste nachgedacht. Dort könnte ein autonom fahrender 5G-Kleinbus alle Stunde die Dörfer abfahren und die Menschen zu solch einem Zentrum bringen. Gerade ältere Leute wollen ja im Supermarkt nicht nur einkaufen, sondern auch kommunizieren, sozialen Kontakt haben. Wir werden es allerdings nicht schaffen können, auf jedem Quadratkilometer Deutschlands dieselbe Daseinsvorsorge anzubieten. Auch in Baden-Württemberg ist nicht alles in Butter. Östlich von Schwäbisch Hall oder Schwäbisch Gmünd, auf der Ostalb, wird das schwer werden.

Kann man Deutschland denn in florierende und abgehängte Gebiete unterteilen?

Natürlich nicht. Im Großen und Ganzen können wir räumlich drei Großregionen unterscheiden: den Osten, der infrastrukturell gar nicht schlecht aufgestellt ist, aber vergleichsweise dünn besiedelt ist. Dann gibt es den alten Nordwesten der Bundesrepublik, dem diese Abwanderungs-Entwicklung noch droht und den boomenden Südwesten. Der Netto-Zuzug dorthin ist immer noch enorm. Die verschiedenen Entwicklungen innerhalb Deutschlands werden derzeit genauer untersucht. Mitte des Jahres legt die Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse ihren ersten Bericht vor.

Wo sehen Sie historische Parallelen zu dieser Entfremdung vieler Menschen, die sich nicht mehr zu Hause fühlen in dieser globalisierten Welt?

Entfremdung ist in diesem Zusammenhang ein sehr passender Begriff. Marx und Weber haben ihn verwendet, um die Folgen der Industrialisierung in Europa zu beschreiben. Ich glaube, zu viel Veränderung in zu kurzer Zeit kann – vom Einzelnen aus betrachtet –, zu großer Entfremdung führen. Umso mehr muss Politik dieser Geschwindigkeit Zuversicht entgegensetzen und Lösungen aufzeigen. Schauen Sie, wie Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts auf die Veränderung der Arbeits- und Sozialwelt reagiert hat. Damals war die Verunsicherung viel, viel größer, als wir uns das heute vorstellen können. Damals wurde Deutschland innerhalb einer Generation von einem Agrarstaat mit niedriger Lebenserwartung zu einem industrialisierten Land, mit Durchbrüchen in Medizin und anderen Naturwissenschaften. Sozialversicherung, Rentenversicherung – das waren Antworten des Staates auf soziale und wirtschaftliche Veränderungen. Ich glaube, wir leben wieder in solch einer Phase.

Zuversicht ist ein rares Gut, weil der Markt für Pessimismus deutlich größer ist.

Wenn man den Menschen Antworten gibt, kann man durchaus in einen Dialog eintreten, der mit Zuversicht endet. So erleben wir unseren Minister jeden Tag. Er ist einer der Zuversichtlichsten von uns allen.

Und wie lange wollen Sie seinem Einberufungsbefehl treu bleiben? Sie haben ja schon des Öfteren den Job gewechselt.

So lange ich darf. Das hier ist kein Job, den man einfach so kündigt. So lange man das Vertrauen des Ministers und der Mitarbeiter hat, macht man ihn.

Was wird dann aus Ihrem Plan, die Abschiedstournee von Led Zeppelin zu managen?

Die wird nicht mehr kommen.

Sie haben die Idee also aufgegeben?

Ja, da gibt es nicht mehr viel Hoffnung. Wenn, dann hätten sie es 2018 zum 50-jährigen Bandjubiläum machen müssen. Es ist auch besser so. Meine Frau sagt, ich würde keine Woche überleben in dem Job. Die alten Herren würden mich mit ihrem Lifestyle fertig machen.

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Ein Mann der vielen Wechsel

In Hohenheim und Los Angeles studierte der gebürtige Ulmer Markus Kerber (55) Wirtschaftswissenschaften und arbeitete später bei mehreren Londoner Banken in London sowie einem IT-Dienstleister in Stuttgart. Nach Stationen als Abteilungsleiter im Bundesinnen- und Finanzministerium wurde Kerber 2011 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, was er bis 2017 blieb. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) holte ihn 2018 in sein Ministerium zurück. Kerber ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er lebt in Berlin.