Die Hände umklammern das kleine 0,2-Liter-Glas. Das Ginger Ale darin blubbert kaum noch. Die Person, nennen wir sie Kim, zögert. Ist es Scham? Oder Selbstschutz, um nicht zu viel preiszugeben? Kim berichtet von Leichtsinn, von Gruppendynamik, vom sehr angenehmen Gefühl der Zugehörigkeit. Rund 15 Jahre ist es her, da zog sich Kim regelmäßig eine weiße Robe über mit spitzer Kapuze. Dann ging die Person mit Freunden in den Wald. Dort zündeten sie Holzkreuze an, um die benzingetränkte Tücher gewickelt waren. Sie genossen das erhabene Gefühl in mystischer Umgebung. Verbrennen sei aber das falsche Wort, so Kim. Korrekt heiße es Kreuzerleuchtung. Alles sei strikt geregelt gewesen – vom Begrüßungshandschlag bis zu den Zitaten, die der Klan-Chef formulierte.

Kim und die Freunde schwärmten damals von der Überlegenheit der weißen Rasse, tauchten in eine Traumwelt ein, in der es keine Rassenvermischung gibt. In der der Ku-Klux-Klan als geheimes Sicherheitsorgan Drogendealer und Kinderschänder aufspürt. Das große Vorbild war der KKK im Ursprungsland USA, wo sich die Rassisten durch Lynchmorde an Dunkelhäutigen einen berüchtigten Namen gemacht haben. Offiziell geht es aber um die Treue zum Christentum.

Kim fühlte sich von dieser Ideologie angezogen. „Das war einmal“, versichert das einstige Klan-Mitglied, das erstmals mit einem Journalisten spricht. Kim berichtet aus dem Innersten des Geheimbundes, der von 1999 bis etwa 2004 seinen Sitz im Schwäbisch Haller Teilort Gailenkirchen hatte. Der Klan-Ableger nannte sich „European White Knights of the Ku-Klux-Klan“, kurz: EWK. Die normalen Treffen seien meist in der Wohnung von Achim Schmid abgehalten worden. Dessen Mutter habe die Kutten genäht. Es gab klare Strukturen wie in einem Verein: Schriftführer, Kassenführer, Ortsvorsitzender, Klanchef, Mitgliedsbeiträge – auch eine Tagesordnung. Yvonne F. bestätigte kürzlich vor dem NSU-Untersuchungsausschuss die Angaben. F. war einst mit dem Klan-Chef Achim Schmid verheiratet. Er sei in seiner Rolle „völlig durchgeknallt“, habe zu seinen Anhängern gesagt: „Nennt mich Gott.“ Yvonne F. berichtet unter Tränen von der Gewalt zu Hause. „Ich war froh über die Klan-Treffen. In der Zeit ließ er mich in Ruhe.“

Die Hallerin erzählt auch von der Vorgängerorganisation „International Knights of the Ku-Klux-Klan“: „Das war ein Kindergarten.“ Im Suff hätten die Mitglieder Kaninchen mit Whiskey abgefüllt. Damals hätten sich ihr Mann sowie Steffen B. und Thomas Richter aus dem Klan gelöst, um den EWK zu gründen.

Auch Steffen B. muss vor den Untersuchungsausschuss treten. Der stämmige 39-jährige Tätowierer war einst „Sicherheitsoffizier“ im Geheimbund und unter anderem mit der Aufgabe betraut, die nächtlichen Riten auf Burgruinen vor fremden Blicken zu schützen. B. setzte sich dafür alleine in den Wald – und wartete. „Was hätten Sie gemacht, wenn jemand gekommen wäre?“, will der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) wissen. „In die Situation kam ich zum Glück nie“, sagt B..

Das dritte Gründungsmitglied, Thomas Richter alias „Corelli“, wäre ebenfalls ein interessanter Zeuge für den Ausschuss gewesen – auch für den NSU-Prozess in München. Als Top-V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz steckte er jahrelang seine Nase in rechte Kreise – und hatte Kontakt zum NSU. Er starb 2014 kurz vor einer geplanten Vernehmung an unerkanntem Diabetes.

Von „Corelli“ und dem pensionierten Staatsschützer Erich Wallisch hatten die Behörden im Land bereits 1999 Kenntnisse über den Klan, reagierten aber nicht. Es gab eine weitere Quelle: Der Klan-Chef selbst spitzelte für das Landesamt für Verfassungsschutz, traf sich wöchentlich mit seinem Verbindungsbeamten mit dem Tarnnamen „Harald Schaffel“. So war den Behörden schnell bekannt, dass zwei Polizisten Ende 2001 im KKK aufgenommen wurden: Timo H. und Jörg W. von der Böblinger Bereitschaftspolizei. Sie haben in Ritualen ihre Mitgliedschaft mit Blut besiegelt.

Als dies aufgeflogen war, erklärten beide, sie hätten keine Ahnung von der fremdenfeindlichen Ausrichtung gehabt. Ihnen sei es vielmehr darum gegangen, ihren christlichen Glauben zu festigen oder Frauen kennenzulernen. Dabei gab es im Klan gerade mal zwei Frauen, die beide schon vergeben waren.

Aus Unterlagen, die der SÜDWEST PRESSE vorliegen, geht hervor, dass die Beamten unter anderem beim Aufnahmeritual mehrfach mit fremdenfeindlichen Äußerungen konfrontiert wurden. Etwa: „Europa wurde von der weißen Rasse für die weiße Rasse geschaffen. Jeder Versuch, unsere Herrschaft an Fremdrassige zu übergeben, ist ein Verbrechen gegen unsere Verfassung und ein Angriff auf den göttlichen Willen.“ Die Polizisten wurden gefragt: „Seid ihr Weiße europäischer Abstammung und ohne jüdische Vorfahren?“

Beide Beamte schworen darauf. Bei der Polizei kamen sie dafür mit einer Rüge davon. Der Ausschussvorsitzende Drexler vermutetet mit Blick auf das über Jahre in die Länge gezogene Disziplinarverfahren, dass die Behörde bewusst hat Fristen verstreichen lassen, um keine öffentlich wirksame Sanktion gegen die Beamten verhängen zu müssen. „Offenbar wollte man nicht, dass die KKK-Affäre bekannt wird.“

Bis 2011 ging die Strategie auf. Als der NSU aufgeflogen war, warf der Berliner U-Ausschuss einen genauen Blick in die Ermittlungsakten. Es fiel auf: Der Gruppenführer von Michele Kiesewetter am Mordtag in Heilbronn war Timo H., just jener Beamte, der Mitglied im KKK war. Es ist die erste Verbindung zwischen mutmaßlichen Tätern und Opfer. H. versichert aber, nichts vom NSU gewusst und niemals Einsatzdaten weitergegeben zu haben.

Die Affäre offenbart aber die Verstrickung von Polizisten in rechte Kreise. Es wurde bekannt, dass Beamte aus Böblingen mehrfach aufgefallen waren, weil sie sich kollektiv Glatzen schneiden ließen und szenetypische Kleidung trugen. Jörg W. wurde 2011 wegen Körperverletzung angezeigt, bei dem Vorfall in einer Kneipe hatte er zudem rechte Lieder angestimmt. Vor dem Ausschuss versichert er aber, nie fremdenfeindlich gewesen zu sein. Er sei einst nach wenigen Treffen aus dem Klan ausgestiegen, weil er bemerkt habe, dass es sich um einen Rassisten-Treff handle. Kim behauptet etwas anderes. Demnach waren H. und W. über ein Jahr im KKK aktiv, hatten sich gar für höhere Posten beworben. Es sei ihnen darum gegangen, eine Sicherheitsgruppe im Klan zu installieren, in der sie ihre Erfahrung aus der Polizeiarbeit einbringen könnten.

Achim Schmid, der einstige Klan-Chef, ist mittlerweile in die USA-Südstaaten ausgewandert. Unserer Zeitung berichtet er von fünf Beamten, die Mitglied waren oder den Kontakt gesucht haben. Dazu gehören nach Informationen unserer Zeitung ein Stuttgarter Polizisten-Ehepaar sowie eine Fahnderin. Ein weiteres Mitglied des KKK soll Polizeianwärter gewesen sein. Schmid spricht angesichts der Einlassungen von Timo H. und Jörg W. von Schutzbehauptungen. Kim bestätigt das. Vor allem Jörg W. sei „Rassist durch und durch“ gewesen, habe von seinem Hass gegenüber Dunkelhäutigen berichtet. Timo H. habe damit geprahlt, dass sein Ur-Ur-Großvater der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gewesen sei. Die Klan-Beamten sind heute noch im Dienst, wurden teils sogar befördert.

Klan-Ableger in Baden-Württemberg

Gründung Bevor 1999 die „European White Knights“ in Schwäbisch Hall gegründet wurden, gab es die „International Knights“. Nach Recherchen dieser Zeitung existierten die „IK“ bis mindestens 2007. Es kam zu Kreuzverbrennungen, etwa im Rems-Murr-Kreis.

UNSKKK Die Behörden hatten erklärt, dass nach 2004 keine weiteren Klan-Aktivitäten im Land erkennbar waren, allen voran Verfassungsschutzpräsidentin Beate Bube. Die SÜDWEST PRESSE deckte aber 2012 auf, dass in Gailenkirchen erneut ein Klan gegründet wurde: die „United Northern and Southern Knights of the Ku Klux Klan.“ Europachef ist Dietmar B. alias „Didi White“. Er wohnt zufällig in derselben Straße wie einst Achim Schmid von den EWK. Eine Verbindung zwischen den Ablegern soll es nicht geben.