Leitartikel Handyvideos: Der Überwachungsstaat aus der Hosentasche

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Roland Müller 26.04.2017

Die Maschine aus Chicago ist überbucht, ein Passagier soll aussteigen, doch er weigert sich. Sicherheitsleute greifen zu, brechen ihm die Nase, zerren ihn aus dem Flugzeug. Die Szene wird von mehreren Handys gefilmt, landet auf Twitter. Wenige Stunden später haben sie Millionen Menschen weltweit gesehen.

In Stuttgart eskaliert eine Unfallaufnahme: Weil ein Beteiligter seine Zigarette nicht ausmachen will, reißen Polizisten ihn brutal zu Boden, prügeln auf ihn ein. Nachdem das Video auf Facebook auftaucht, werden zwei Beamte suspendiert.

Die Beispiele aus den letzten Wochen zeigen, wie sehr Handyvideos unseren Alltag verändern. Kameras sind überall, jeder kann jeden jederzeit filmen – oder gefilmt werden. Ein Überwachungsstaat aus jedermanns Hosentasche. Dass dabei Datenschutz und Persönlichkeitsrechte untergraben werden, ist nur die vordergründigste Folge. In beiden Beispielen haben weder „Täter” noch „Opfer” ihre Erlaubnis gegeben. Ob Videos legal entstanden sind, wird aber rasch irrelevant, wenn sie im Schneeballeffekt um die Netz-Welt rasen.

Mit dem Umdenken tut man sich schwer – gerade in Deutschland, wo die Angst vor Überwachung traditionell groß ist. Über Jahrzehnte galt die Sorge dem schnüffelnden Staat. Für Kameras an öffentlichen Plätzen oder in Bahnhöfen gelten strenge Regeln, über die Datenschutzbeauftragte eifersüchtig wachen. Angesichts von Smartphones, deren Aufnahmen unkontrolliert im Netz landen, wirken diese Debatten geradezu putzig. Nicht zuletzt greift der Staat auch hier gern zu: Bei Amokläufen oder Anschlägen etwa werten Ermittler bequem das Video-Angebot im Netz aus; Bürger werden aufgerufen, ihr Material einzusenden. „Zurückgefilmt“ wird ebenfalls: In Baden-Württemberg sind Polizisten seit kurzem mit „Bodycams“ am Revers ausgestattet.

Das alles hat nicht nur negative Konsequenzen. Das Mehr an Transparenz und Beweiskraft kann aufklärerisch wirken und David ein Mittel gegen Goliath an die Hand geben, wie die eingangs erwähnten Beispiele zeigen. In den USA haben Handyvideos vielfach rassistische Polizeigewalt aufgedeckt; wo „Bodycams“ im Einsatz sind, gibt es weniger Übergriffe. Videos erzeugen aber auch eine Eindeutigkeit und Scheinobjektivität, die trügen kann: Ein isolierter Zehn-Sekunden-Schnipsel, gut ausgewählt, kann die Wahrheit massiv verzerren.

Doch vor allem stellt sich die Frage, ob man in einer dauergefilmten Gesellschaft wirklich leben will. Die technische Entwicklung ist rasant. Längst übertragen Handys „live“ im Netz. Entsetzen hat jüngst ein solcher Livestream ausgelöst, bei dem eine 15-Jährige von mehreren Männern vergewaltigt wurde. 40 Leute schauten auf Facebook zu. Durch Miniaturisierung ist es möglich, nahezu überall heimlich zu filmen. Wenn Kameras in Kugelschreibern, Uhren oder Brillen stecken, ist kaum ein Ort sicher – weder der Arbeitsplatz, die Schule noch die Sport-Umkleide. Jeder hat Momente im Leben, die er der Nachwelt lieber nicht hinterlassen möchte. Das wird schwieriger werden.

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